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1271 Words
Valentin Die Scheibe des Diners explodierte in tausend schreiende Splitter. Glas prasselte herab, brannte auf meinem Nacken und meinen Schultern, während Menschen schrien und in Deckung gingen. Die großen Frontfenster – jene mit den Plakaten für Dulce-de-Leche-Crêpes und Southwest-Eierscrambles – barsten nach innen. Scherben schossen wie eine Welle über den Boden. Katharina lag unter mir. Ich hielt ihren Hinterkopf fest umschlossen, damit er nicht auf die Fliesen schlug. Ihre Augen waren fest geschlossen, ihr Atem ging stoßweise gegen meine Brust. „Vinzent “, bellte ich. „Bin dran“, schnappte er irgendwo draußen zurück. Für einen Herzschlag war alles pures Chaos. Dann war es vorbei. Unheimliche Stille. Unter mir hatte sich Katharina an meine Brust gekrallt. Vor einer Sekunde war ich noch ihre Angst gewesen – jetzt klammerte sie sich an mich, als wäre ich ihr einziger Halt. „Ich glaube, es ist vorbei.“ Sie lugte unter meinem Arm hervor, die Augen weit aufgerissen, als sie den mit Glas übersäten Boden sah. „War das eine Bombe?“ „Ein Scharfschütze.“ „Ein Scharfschütze wollte …“ Sie verschluckte sich an den Worten, atmete scharf aus. „Scheiße. Du hast mir das Leben gerettet.“ „Spare dir die Dankesrede“, sagte ich. „Der Schütze atmet noch.“ Ich stemmte mich auf mein schmerzendes Knie und reichte ihr die Hand. Sie griff zu, ihre Finger glitten in meine, und gemeinsam krochen wir um die Sitzbankgruppe in der Mitte des Diners herum, weiter weg von den zerstörten Fenstern. Als wir Deckung hatten, sah ich sie an. „In was zum Teufel steckst du drin?“ Sie drehte sich zu mir, blankes Entsetzen im Gesicht. „Du glaubst, das galt mir?“ Ich hatte Feinde – aber keinen, der verzweifelt genug gewesen wäre, in einen vollen Diner zu schießen. „Geht es dir gut?“ Sie runzelte die Stirn. „Was?“ „Ich habe gefragt, ob es dir gut geht.“ „Ja.“ Sie rieb sich den Hinterkopf, als prüfe sie, ob Blut da war. „Ich glaube schon. Und dir?“ „Mir geht’s gut.“ Sie lehnte sich an die Seite der Bank, zog die Knie an die Brust und schlang die Arme darum. „Der Einzige, auf den hier gezielt wurde, warst du. Nicht ich.“ Keine zehn Minuten später krachte Vinzent durch die Hintertür, einen sich wehrenden Mann im Griff. „Hör auf, dich zu sträuben“, fauchte er und schleuderte den armen Bastard auf die schmierigen Fliesen. Der Mann rutschte, rappelte sich auf Hände und Knie. Seine dunklen Augen huschten von Gesicht zu Gesicht, wild vor Hoffnung und Verzweiflung. „Du hast keinen Ausweg“, sagte ich ruhig. Vinzent knallte die Tür zum Hinterhof zu, während ich in gemessenen Schritten durch die Küche ging und einmal knapp gestikulierte. „Setz dich auf.“ Er tat es. Als Antwort rammte ich ihm die Faust ins Gesicht. Er klappte nach vorn, ein pfeifendes Keuchen entwich ihm, und irgendwo hinter mir schnappte Katharina nach Luft. „Warum hast du auf uns geschossen?“ Ich hockte mich vor ihn, mein Blick kalt. „Ich habe nicht auf dich geschossen“, knurrte er, spuckte Blut aus und hob den Kopf. „Ich habe auf sie gezielt.“ „Aha.“ Ich warf Katharina einen Blick zu. Ein wortloses: Siehst du. „Es war eine Warnung“, fuhr er fort und reckte den Hals, um an mir vorbeizusehen. „… Ich wollte dich nach draußen locken. Freie Sicht auf sie.“ Meine Faust schnellte erneut vor, schneller, als ich denken konnte. „Fuck.“ Er spuckte ein blutiges Zahnfragment auf den Boden. „Wenn du mich umbringen willst, dann tu es einfach.“ Ich lächelte flach. „Du klingst erstaunlich begierig auf den Tod.“ „Ich bin so oder so tot.“ Er spuckte Blut, zuckte mit den Schultern. „Ich habe versagt, sie zu töten.“ „Wer hat dich geschickt?“ presste ich hervor. Er schüttelte den Kopf. „Das kann ich dir nicht sagen.“ „Du bist so oder so tot“, erinnerte ich ihn. „Da bringt Loyalität bis in den Tod auch nichts.“ „Tot bin ich so oder so, ja. Aber meine Familie ist eine andere Sache. Wenn ich dir sage, wer mich geschickt hat, sind sie auch tot. Außer …“ Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Katharinas Brauen sich zusammenzogen. An ihrem Kiefer war ein kleiner Schnitt von den Glassplittern. Ich musste mich beherrschen, nicht nach ihr zu greifen, um das Blut wegzuwischen. Bevor ich etwas sagen konnte, stürzte der Mann sich auf sie. Sie hatte keine Zeit zu reagieren, da drückte ich ihn schon mit meinem Gewicht gegen die Arbeitsfläche, presste ihn flach. Seine Augen weiteten sich, als ihm klar wurde, dass es kein Entkommen gab. „Du musst es wirklich darauf anlegen, die Dame umzubringen.“ Ich legte ihm die Hand an den Hals und drückte zu. Er klammerte sich an mein Handgelenk, aber es hätten drei von ihm und ein verdammtes Wunder gebraucht, damit ich lockerließ. „Tja, und weißt du was – das macht mich nur noch motivierter herauszufinden, wer dein Boss ist.“ Sein Mund öffnete sich, ein rasselndes Keuchen entwich seiner kollabierenden Luftröhre. Die Zunge schwoll an, die Augen traten hervor, verzweifelt nach Luft schnappend. „Valentin“, hauchte Katharina warnend. Sie hatte Mitleid mit dem Mann, der auf sie losgegangen war, der auf sie geschossen hatte – ich nicht. Wenn er nicht tat, was ich verlangte, würde er hier sterben. Jetzt. Sofort. Niemand würde Katharina auch nur berühren, bevor ich wusste, welche Geheimnisse sich hinter diesen Augen verbargen. Ich ließ los. Er sog die Luft in großen, pfeifenden Zügen ein. „Jetzt sag mir, warum du auf sie geschossen hast.“ Er hustete schleimig. Wenn er den morgigen Tag erleben sollte, würde ihm jeder Knochen wehtun. „Ich wurde geschickt, um sicherzugehen, dass sie stirbt“, gestand er. „Damit ihr zwei nicht heiraten könnt.“ Scheiße. Katharina war also doch involviert – aber nur wegen mir. „Heiraten?“ fuhr Katharina auf. „Wir sind nicht – warum sollte irgendwer denken, wir wären es? Wer hat dich geschickt?“ Ich beugte mich vor und fixierte seinen blutunterlaufenen Blick. „Beantworte ihre Frage.“ Er presste die Kiefer zusammen. „Ich kann nicht. Meine Familie … sie würden alle sterben. Jeder einzelne. Ich kann nicht –“ Ich hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen. „Ich verstehe familiäre Loyalität. Du beschützt sie. Das hat Ehre.“ Vinzent trat ins Blickfeld, eine Augenbraue hob sich. Sollte ich Katharina zuerst wegbringen? Ich schüttelte kaum merklich den Kopf und wandte mich wieder dem Attentäter zu. „Alles, was ich je getan habe, habe ich für meine Familie getan“, sagte er. „Ich brauchte das Geld. Ich will keine Menschen töten, aber ich muss essen. Verstehst du?“ Ich nickte. „Ich verstehe. Wir alle müssen harte Entscheidungen treffen.“ Er seufzte, sichtbare Erleichterung. „Ich bin so froh, dass du –“ „Wir müssen auch mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen leben.“ Ein Zögern. Ein seliger Moment, in dem er noch nicht begriff. Und dann begriff er es. Er spannte sich an – zu spät. Die Waffe war bereits in meiner Hand, an seine Schläfe gedrückt, bevor er um sein erbärmliches Leben flehen konnte. Der Schuss hallte wider. Katharina schrie. Und als sein Körper auf den Boden schlug, rutschte etwas über die Fliesen – Metall, das im Licht aufblitzte. Ein Symbol, das ich sofort erkannte. Mir gefror das Blut.
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