Hanni
Herrgott, warum musste dieser Mann ausgerechnet jetzt hier auftauchen?
„Hey, alles in Ordnung?"
Ich wirbelte herum.
Dr. Peters – Kilian – stand direkt dort in der Tür zum Innenhof, eine Falte auf der Stirn, Sorge in den Zügen dieses unfassbar perfekten Gesichts.
Mein Herz machte einen verräterischen Hüpfer.
Er war näher, als er hätte sein sollen. Nah genug, dass ich den schwachen Zedernduft seines Parfüms riechen konnte.
„Mir geht's gut", platzte ich heraus.
Er legte den Kopf schief und machte einen halben Schritt auf mich zu.
Ich machte zwei zurück.
„Ich … brauchte nur frische Luft. Alles bestens. Wirklich."
Meine Stimme brach beim letzten Wort.
Er öffnete den Mund, um irgendetwas Ärztlich-Besorgtes zu sagen, oder schlimmer noch, etwas Persönliches – und ich konnte nicht. Ich konnte das jetzt buchstäblich nicht.
Also drehte ich mich um.
„Ich sollte wieder rein", murmelte ich und floh bereits. „Will ja nichts … verpassen."
Ich schaute nicht zurück.
Aber sein Blick brannte mir den ganzen Flur entlang im Rücken.
Als ich mich wieder zur Gruppe gesellte, hämmerte mein Puls immer noch. Marlene warf mir einen seltsamen Blick zu. Ich schenkte ihr ein schmallippiges Lächeln und tat so, als faszinierte mich die Wand.
Der Rest des Vormittags verschwamm.
Ich folgte ihm von Patient zu Patient, das Klemmbrett wie einen Schutzschild umklammert, die Augen auf Kurven und Monitore geheftet – auf alles außer seinen Nacken. Diesen Nacken, den ich früher geküsst hatte. Der jetzt nur Zentimeter entfernt war, während er einem Mann um die sechzig die Herzklappeninsuffizienz erklärte, als wäre es ein Plausch beim Kaffee. Jedes Mal, wenn er sich auch nur leicht drehte, zuckte ich zusammen.
Ich spielte das Telefonat auf dem Dach immer wieder durch. Er hatte nichts davon mitbekommen, offensichtlich. Gott sei Dank.
„Zehn Minuten Pause, Leute", sagte Dr. Peters.
Der ganze Flur schien mit ihm auszuatmen.
Ich warf einen Blick auf mein Handy. Ganze zwei Stunden, und ich hatte es nicht bemerkt.
Er wandte sich bereits ab und ging Richtung Aufenthaltsraum, als eine Ärztin im weißen Kittel neben ihm auftauchte.
„Fährst du zur Konferenz nach Genf?", fragte sie und bewegte sich schon in Richtung der nächsten Station.
Ich drehte ihnen den Rücken zu, ging aber nicht weg.
Marlene plapperte neben mir los, aber ihre Stimme war nur ein leises Summen in meinem Ohr.
Ich war viel zu beschäftigt damit, zu lauschen.
„Wenn ich's irgendwie hinkriege, ja", antwortete Kilian.
„Na dann versuch's, und wir machen eine ganze Woche draus."
Mein Kiefer spannte sich an.
„Okay, ich kümmere mich drum", sagte er.
Eine Frau kam allein mit drei kleinen Kindern an uns vorbei.
Die beiden Älteren waren mitten im Zusammenbruch, rotgesichtig und heulend, während die Jüngste schrie, als ginge die Welt unter, ihre kleine Hand in den Griff ihrer Mutter gekrallt, während sie den Flur entlanggezerrt wurde.
Dr. Peters schaute hinüber und schenkte der Frau ein kurzes, mitfühlendes Lächeln, bevor sie mit ihrem Chaos um die Ecke verschwand.
Dann wandte er sich wieder seiner Kollegin zu.
„Das hier", sagte er leichthin, „ist der Grund, warum Kondome zu den größten Erfindungen der Menschheit gehören."
„Verdient den Nobelpreis", stimmte die andere Ärztin zu, ohne auch nur zu zögern.
Etwas zog sich in meiner Brust zusammen.
Was? Wer zum Teufel glaubte dieser Vollpfosten eigentlich, wer er war?
Na toll, er hasste also Kinder.
Ich hörte meinen Herzschlag in den Ohren.
Und dabei … dabei hatte ich tatsächlich gedacht, er wäre attraktiv.
Er war ein arrogantes Arschloch.
„Ich geh mal kurz aufs Klo", flüsterte ich Marlene zu.
„Klar."
Ich drehte mich um und ging den Flur hinauf.
„Hannelore?"
Ich drehte mich um und sah Kilian hinter mir.
„Kann ich kurz mit dir reden?"
Ich schluckte meine Nervosität hinunter.
„Okay."
„Hier drin?" Er öffnete eine Tür zu einem Büro.
Ich folgte ihm in den kleinen Raum, und er schloss die Tür hinter mir.
Seine Augen wurden weicher, und er wirkte nervös.
„Ich … hatte nicht erwartet, dich hier zu sehen. Du siehst … anders aus", sagte er, fast zu sich selbst, dann räusperte er sich.
„Ich meine – anders im guten Sinne."
Ich runzelte die Stirn.
„Ich bin nach Chicago gekommen, um dich zu suchen. Ich hatte mein Handy mit deiner Nummer am Tag nach deiner Abreise verloren."
Was für ein Schwachsinn.
„Ich hab an dich gedacht", flüsterte er.
Mein Blick fiel zu Boden.
Er erinnerte sich.
Ich zwang meinen Blick wieder nach oben zu seinem.
Warum musste er so riechen?
Jede Frau in diesem Krankenhaus würde sich ihm an den Hals werfen, und wenn ich mich darauf einließ … wäre ich nur ein weiteres Mädchen, das was mit ihrem Chef angefangen hatte.
Ich konnte nicht.
Ich würde nicht dieses bedürftige Mädchen sein, das ihm hinterherschmachtete.
„Wie bitte?", sagte ich ausdruckslos.
Sein Gesicht fiel in sich zusammen. „München."
„Was ist mit München?"
Er verengte die Augen. „Wir haben uns dort vor ein paar Jahren kennengelernt."
Ich schürzte die Lippen. „Ach ja? Ich glaube nicht."
„Du erinnerst dich nicht an mich?" Seine Stirnfalte vertiefte sich.
Ich erwiderte seinen Blick gleichmütig.
„Tut mir leid. Nein."
Sein Kinn hob sich, trotzig – das Ego angekratzt – und er trat einen Schritt zurück.
Schock huschte über sein Gesicht.
Verdammt, ich überraschte mich selbst.
„Bitte entschuldige." Seine Augen verweilten, versuchten meine Lüge zu verarbeiten. „Ich dachte, du wärst jemand anderes."
„Wer denn?" Meine Augenbrauen hoben sich.
Ich konnte mich nicht bremsen.
Er grinste.
Er wusste, dass ich es war.
Warum hatte ich überhaupt gefragt?
„Nur …" Er lehnte sich zurück, tat so, als würde er nachdenken, zog es in die Länge. „Ein Mädchen, das ich vor fünf Jahren kennengelernt habe."
Vor fünf Jahren.
Ich versteckte meine Hände und betete, dass er nicht bemerkte, wie sie zitterten.
Er sah nicht weg.
„Krieg sie seitdem nicht mehr aus dem Kopf."
Mein Puls donnerte in meinen Ohren. „Dr. Peters –"
„Kilian", unterbrach er mich und beugte sich leicht vor. „Wir werden dieses Jahr viel Zeit miteinander verbringen. Und … vielleicht lernen wir uns besser kennen."
Besser kennenlernen …?
Mein Puls schoss in die Höhe.
Wir kannten uns doch schon … was blieb da noch? Nichts.
Es gab nichts mehr zu wissen … außer … o Gott.
Sein Blick verweilte, aber er wusste es nicht … nichts von dem kleinen Jungen mit genau demselben Lächeln, der zu Hause auf mich wartete.