Kapitel 1 – Der Ruf des Waldes
Der Wind heulte über die Dächer des kleinen Dorfes Silberhain, als Liora am Fenster ihres Zimmers stand und in die Dunkelheit hinausblickte. Blitze zuckten über den Himmel, und für einen kurzen Moment schien der nahegelegene Wald in silbrigem Licht aufzuleuchten.
Die Bewohner von Silberhain mieden diesen Wald. Man nannte ihn den Schattenwald. Man erzählte sich, dass er lebendig sei, dass er atme und flüstere. Doch Liora hatte nie an diese Geschichten geglaubt. Für sie war der Wald ein Ort der Stille, ein Ort, an dem sie dem Lärm der Welt entkommen konnte.
In dieser Nacht jedoch war etwas anders.
Ein leises Pochen hallte durch ihr Zimmer. Liora runzelte die Stirn. Das Geräusch kam nicht von der Tür. Es kam von der alten Holztruhe unter ihrem Bett.
Zögernd kniete sie sich hin und öffnete sie. Zwischen vergilbten Kleidern und einem zerbrochenen Spiegel lag ein kleines Amulett, das sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es war aus silbernem Metall gefertigt, in dessen Mitte ein blauer Stein eingefasst war.
Als sie es berührte, durchzuckte sie ein warmes Kribbeln. Der Stein begann schwach zu leuchten.
„Liora…“, flüsterte eine Stimme.
Sie fuhr herum. Niemand war da.
Doch das Flüstern kam wieder. Sanft, beinahe traurig. Es kam vom
Wald.
Ohne zu wissen warum, zog sie ihren Mantel an und schlich sich aus dem Haus. Der Regen hatte aufgehört, doch Nebel lag schwer über dem Boden.
Als sie den Waldrand erreichte, begann das Amulett stärker zu leuchten. Die Bäume wirkten höher als sonst, ihre Äste wie knochige Finger, die sich ineinander verschränkten.
Ein Schritt. Dann noch einer.
Tief im Wald blieb sie stehen. Vor ihr öffnete sich eine Lichtung, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. In ihrer Mitte stand ein steinerner Kreis, bedeckt mit uralten Runen.
Das Amulett riss sich beinahe von selbst aus ihrer Hand und schwebte über den Steinen. Die Runen begannen zu glühen.
„Die Hüterin ist erwacht“, erklang eine tiefe Stimme hinter ihr.
Liora wirbelte herum. Ein Mann in dunkler Robe trat aus dem Schatten. Sein Haar war silbern, seine Augen golden wie Herbstlaub.
„Wer bist du?“, fragte sie mit bebender Stimme.
„Mein Name ist Caelan“, sagte er ruhig. „Und du, Liora, bist die letzte Erbin von Elyndor.“
Der Name sagte ihr nichts. Doch als er ihn aussprach, bebte der Boden leicht.
„Das ist unmöglich“, flüsterte sie.
Caelan trat näher. „Vor vielen Jahrhunderten wurde Elyndor von einem dunklen Fürsten zerstört. Nur ein Teil seiner Macht überlebte – verborgen im Herzen dieses Waldes. Und nur die Hüterin kann es finden.“
„Ich bin kein Teil von irgendetwas“, sagte sie. „Ich bin nur… ich.“
Caelan lächelte traurig. „Das glaubst du.“
Plötzlich verdunkelte sich der Himmel erneut. Ein eisiger Wind fegte über die Lichtung. Die Runen auf den Steinen erloschen, und aus dem Zentrum des Kreises stieg schwarzer Nebel auf.
Eine Gestalt formte sich darin – groß, mit glühenden roten Augen.
„Die Hüterin…“, zischte die Kreatur. „Endlich.“
Liora wich zurück. Ihr Herz raste.
Caelan hob die Hand, und ein Schild aus goldenem Licht entstand vor ihnen. „Er ist erwacht“, murmelte er. „Früher als erwartet.“
„Wer ist das?“
„Morvath“, sagte Caelan düster. „Der dunkle Fürst.“
Die Kreatur lachte, ein Laut wie brechendes Glas. „Das Herz von Elyndor gehört mir.“
In diesem Moment spürte Liora, wie das Amulett heiß wurde. Ein Licht brach daraus hervor, heller als jeder Blitz am Himmel.
Morvath schrie auf und wich zurück.
„Du trägst die Macht deiner Ahnen“, sagte Caelan erstaunt. „Sie antwortet auf dich.“
Das Licht pulsierte, und Liora fühlte eine fremde, aber vertraute Kraft in sich erwachen. Bilder flackerten vor ihren Augen – eine goldene Stadt, hohe Türme, Drachen aus Licht, die über den Himmel glitten.
Elyndor.
Dann war alles vorbei. Der Nebel verschwand, und mit ihm Morvath.
Stille kehrte ein.
Liora sank auf die Knie. „Was… war das?“
Caelan kniete sich neben sie. „Der Beginn.“
„Wovon?“
Er blickte zum Himmel, wo die Wolken sich langsam verzogen und die Sterne sichtbar wurden.
„Von einem Krieg, der vor Jahrhunderten begann und nun ein neues Kapitel schreibt.“
Liora schloss die Finger um das Amulett. Es war nun kühl und ruhig, als wäre nichts geschehen.
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sich alles verändert hatte.
„Wenn ich wirklich diese Hüterin bin“, sagte sie leise, „dann sag mir, was ich tun muss.“
Caelan sah sie lange an. Dann nickte er.qq
„Wir müssen das Herz von Elyndor finden, bevor Morvath es tut. Es ist die Quelle allen Lichts. Ohne es wird der Schattenwald wachsen – und schließlich die ganze Welt verschlingen.“
Liora atmete tief ein. Angst nagte an ihr, doch darunter brannte etwas anderes – Entschlossenheit.
„Dann sollten wir keine Zeit verlieren.“
Ein leises Rascheln erklang im Gebüsch. Ein roter Fuchs trat hervor und blickte sie mit ungewöhnlich klugen Augen an.
„Wir sind nicht allein“, murmelte Caelan.
Der Fuchs neigte den Kopf, als würde er sie prüfen.
Liora spürte es sofort: Auch er gehörte zu diesem Schicksal.
Der Wald war nicht länger nur ein Ort der Stille.
Er war ein Tor.
Und sie hatte es geöffnet.