Kapitel 8 – Jenseits des bekannten Horizonts

1089 Words
Der Herbst kam leise nach Silberhain. Goldene Blätter fielen im Schattenwald, und der Kreis der Erwachten trainierte inzwischen ohne ständige Anleitung. Liora beobachtete sie oft nur noch aus der Ferne. Sie sah, wie der ehemalige Soldat Geduld lernte. Wie die Magierin ihre Kraft nicht mehr unterdrückte, sondern lenkte. Wie der Hirtenjunge – dessen Name Arven war – Energien spürte, noch bevor sie sich regten. Das Gleichgewicht wuchs. Doch in einer klaren Nacht änderte sich etwas. Liora erwachte abrupt. Kein Albtraum. Kein Schrei. Sondern Stille. Zu still. Sie setzte sich auf. Das Herz in ihrer Brust pulsierte unregelmäßig – nicht schnell, nicht schwach. Anders. Du fühlst es auch, sagte Aeris, der am Fenster saß und in die Dunkelheit starrte. „Ja.“ Sie trat hinaus. Der Himmel war sternenklar. Doch am Horizont – weit im Westen – glomm ein fremdes Leuchten. Nicht golden. Nicht schwarz. Silbern-blau. Caelan trat neben sie, als hätte er ihren Gedanken gefolgt. „Das ist kein natürlicher Strom.“ „Ist es ein Riss?“, fragte sie. „Nein“, sagte er langsam. „Es fühlt sich… bewusst an.“ Bewusst. Das Wort ließ sie nicht los. Am nächsten Morgen versammelte sie den Kreis. „Wir haben gelernt, Ungleichgewicht zu spüren“, sagte sie ruhig. „Nun müssen wir lernen, Neuland zu betreten.“ „Du willst dorthin“, stellte Arven fest. „Ja.“ Die Heilerin runzelte die Stirn. „Und wir?“ Liora schwieg einen Moment. Früher hätte sie gezögert. Hätte versucht, alles allein zu tragen. Doch das war nicht mehr ihr Weg. „Vier von euch kommen mit“, sagte sie schließlich. „Nicht als Schüler. Als Hüter.“ Caelan lächelte kaum merklich. Zwei Tage später brachen sie auf: Liora, Aeris, Caelan, Arven, die Magierin Seris und der ehemalige Soldat Dain. Die Reise führte sie durch Länder, die selbst Caelan kaum kannte. Wälder wurden zu weiten Ebenen. Ebenen zu felsigen Küsten. Und dort, jenseits einer zerklüfteten Klippe, sahen sie es. Das Meer. Doch nicht wie gewöhnlich. Über dem Wasser spannte sich ein Schleier aus silbern-blauem Licht. Er bewegte sich wie eine Membran, pulsierend, atmend. „Das ist kein Riss“, murmelte Seris. „Nein“, sagte Liora leise. „Es ist eine Grenze.“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, begann das Meer zu tosen. Wellen schlugen gegen die Klippen. Aus dem Schleier löste sich eine Gestalt. Sie trat nicht aus Wasser. Nicht aus Licht. Sondern aus etwas dazwischen. Groß, schlank, mit Haut, die wie schimmernder Nebel wirkte. Ihre Augen waren tiefblau, ohne Pupillen. „Ihr habt das Gleichgewicht berührt“, sagte die Gestalt mit klarer, fremder Stimme. Dain zog instinktiv sein Schwert. „Nicht“, sagte Liora ruhig. Sie trat vor. „Wer bist du?“ „Ich bin Vaelith“, antwortete das Wesen. „Eine Wanderin zwischen den Welten.“ Stille breitete sich aus. „Zwischen… den Welten?“, wiederholte Arven flüsternd. Vaelith nickte. „Elyndor war nicht einzigartig.“ Die Worte trafen Liora unerwartet. „Was meinst du?“ „Es gibt andere Sphären“, erklärte Vaelith. „Andere Reiche, in denen Licht und Schatten ringen. Manche sind gefallen. Manche stehen am Rand.“ Caelan trat neben Liora. „Und warum zeigst du dich uns?“ Vaeliths Blick ruhte auf Liora. „Weil das Herz in dir nicht nur dieses Land berührt hat. Seine Wellen haben die Schleier zwischen den Welten gestreift.“ Liora spürte es – ein Echo tief in sich. Eine Resonanz, die weiter reichte, als sie je gedacht hatte. „Du willst Hilfe“, sagte sie leise. „Nein“, antwortete Vaelith. „Ich bringe eine Warnung.“ Das Meer begann erneut zu beben. „Etwas bewegt sich jenseits unseres Schleiers“, fuhr Vaelith fort. „Nicht Chaos. Nicht reines Dunkel. Sondern Leere.“ „Leere?“, fragte Seris. „Eine Kraft, die weder Licht noch Schatten kennt. Sie verschlingt beides.“ Ein kaltes Schweigen legte sich über die Gruppe. Liora spürte kein bekanntes Muster. Keine Polarität. Nur… Abwesenheit. „Warum wir?“, fragte Dain. Vaelith sah ihn ruhig an. „Weil ihr gelernt habt, nicht zu herrschen. Sondern zu verbinden.“ Der Wind peitschte über die Klippen. Liora trat näher an den Rand. Das silbern-blaue Leuchten spiegelte sich in ihren Augen. „Wenn das wahr ist“, sagte sie langsam, „dann ist das Gleichgewicht größer als unsere Welt.“ „Ja“, sagte Vaelith. „Und wenn diese Leere kommt?“ „Dann wird sie nicht kämpfen“, antwortete Vaelith. „Sie wird löschen.“ Das Wort hallte in Lioras Innerem nach. Nicht zerstören. Löschen. Aeris trat neben sie. Das ist etwas Neues. „Ja“, flüsterte sie. Liora drehte sich zu ihrem Kreis um. Angst lag in ihren Gesichtern. Aber auch Vertrauen. Sie blickte zurück zu Vaelith. „Wenn der Schleier berührt wurde“, sagte sie ruhig, „dann kann er auch betreten werden.“ Caelan erstarrte. „Liora…“ „Nicht heute“, sagte sie sanft. „Aber bald.“ Vaeliths Blick vertiefte sich. „Der Weg wird euch verändern.“ Liora lächelte schwach. „Das tut er immer.“ gDas Meer beruhigte sich langsam. Der Schleier flackerte, blieb jedoch bestehen. „Wenn ihr bereit seid“, sagte Vaelith, „werdet ihr mich rufen können.“ Die Gestalt begann sich aufzulösen. „Warte“, rief Arven. „Wie viele Welten gibt es?“ Vaeliths Stimme klang bereits fern. „Mehr, als eure Sterne zählen.“ Dann war sie verschwunden. Nur das Meer blieb. Und der leuchtende Schleier am Horizont. Lange sagte niemand etwas. Schließlich atmete Dain tief aus. „Also… wir haben gerade erfahren, dass unsere Welt nicht die einzige ist.“ „Ja“, sagte Seris trocken. „Und dass etwas Existenz selbst auslöschen kann.“ Liora blickte in die Ferne. Das Herz in ihr pulsierte – nicht in Angst. In Erwartung. „Wir kehren zurück“, sagte sie schließlich. „Wir bereiten uns vor.“ „Auf einen Krieg?“, fragte Caelan. Sie schüttelte den Kopf. „Auf etwas Größeres.“ Der Wind trug das Salz des Meeres zu ihnen. Und jenseits des bekannten Horizonts wartete eine Leere, die weder Licht noch Schatten kannte. Doch Liora fürchtete sie nicht. Denn sie wusste nun: Das Gleichgewicht war nicht nur ein Zustand der Welt. Es war eine Kraft, die selbst die Grenzen zwischen den Welten überschreiten konnte. Und ihre Geschichte hatte gerade erst begonnen. Fortsetzung folgt…
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