Kapitel 3 – Das Flüstern der Aschenberge

990 Words
Der Schattenwald lag hinter ihnen, als Liora, Caelan und Aeris die ersten Ausläufer der Aschenberge erreichten. Der Himmel war grau verhangen, und ein feiner Staub lag in der Luft, der nach verbrannter Erde roch. „Warum fühlt sich alles hier… tot an?“, fragte Liora leise. Caelan blieb stehen und blickte auf die gezackten Gipfel vor ihnen. „Weil hier einst Drachen aus Licht lebten.“ Liora erinnerte sich an die Vision im Wald – an goldene Kreaturen, die über Türme aus schimmerndem Stein geflogen waren. „Elyndor“, murmelte sie. „Ja“, sagte Caelan. „Die Drachen waren Hüter des Gleichgewichts. Als Morvath fiel, starben viele von ihnen. Ihre Flammen brannten diese Berge zu Asche.“ Aeris lief voraus, seine Pfoten hinterließen kaum Spuren im Staub. Nicht alle sind tot, erklang seine Stimme in Lioras Geist. Einer blieb. „Ein Drache?“, fragte sie überrascht. Caelan nickte langsam. „Ein letzter Wächter. Wenn er noch lebt, könnte er uns helfen.“ „Oder uns verbrennen“, fügte Liora trocken hinzu. Ein schwaches Lächeln huschte über Caelans Gesicht. „Das hängt davon ab, wie rein dein Herz ist.“ Sie begannen den Aufstieg. Der Boden war brüchig, und mehr als einmal rutschte Liora auf losem Geröll aus. Doch je höher sie kamen, desto stärker spürte sie ein vertrautes Ziehen in ihrer Brust – als würde das Amulett sie führen. Plötzlich blieb Aeris abrupt stehen. Sein Fell sträubte sich. Wir sind nicht allein. Ein Schatten zog über sie hinweg. Liora blickte auf – und erstarrte. Am Himmel kreiste eine riesige Gestalt. Ihre Schwingen waren gewaltig, doch an manchen Stellen zerrissen. Schuppen aus schimmerndem Gold bedeckten ihren Körper, doch sie waren von dunklen Rissen durchzogen. Mit einem donnernden Schlag landete der Drache vor ihnen. Der Boden bebte. Seine Augen – groß wie Schilde – musterten Liora. „Sterbliche“, dröhnte seine Stimme, tief wie rollender Donner. „Warum betretet ihr mein Reich?“ Liora zwang sich, nicht zurückzuweichen. „Wir suchen das Herz von Elyndor.“ Ein Knurren vibrierte durch die Luft. „Elyndor ist gefallen.“ „Aber nicht vergessen“, entgegnete sie. Der Drache beugte den Kopf näher zu ihr. Hitze ging von seinem Atem aus. „Viele behaupteten, würdig zu sein. Sie alle verbrannten.“ Caelan trat einen Schritt vor. „Ignivar, letzter Sohn des Morgenfeuers – erkennst du das Zeichen nicht?“ Der Drache erstarrte. Seine Augen fixierten das Amulett an Lioras Hals. „Das Siegel der Hüterin“, murmelte er. Liora hob das Amulett. Es begann warm zu glühen. „Ich weiß nicht alles über meine Herkunft“, sagte sie ehrlich. „Aber ich weiß, dass Morvath zurückgekehrt ist. Und wenn wir nichts tun, wird alles im Schatten versinken.“ Ein dunkler Ausdruck legte sich über Ignivars Gesicht. „Ich spüre seine Verderbnis selbst hier. Sie frisst sich durch die Erde wie Gift.“ „Dann hilf uns“, bat Liora. Der Drache schwieg lange. Der Wind heulte zwischen den Felsen. „Das Herz von Elyndor liegt jenseits der Aschenpforte“, sagte Ignivar schließlich. „Doch der Weg ist versiegelt. Nur Drachenfeuer kann ihn öffnen.“ „Und du wirst es für uns tun?“, fragte Caelan vorsichtig. Ignivar richtete sich auf. „Ich werde dich prüfen, Hüterin.“ Bevor Liora antworten konnte, stieß der Drache einen Flammenstoß aus – nicht auf sie, sondern um sie herum. Ein Ring aus Feuer schloss sich um sie. Die Hitze war unerträglich. „Wenn dein Licht stärker ist als meine Flamme, wirst du bestehen“, dröhnte Ignivars Stimme. Liora schnappte nach Luft. Die Flammen kamen näher. Panik drohte sie zu überwältigen. Vertrau dir, flüsterte Aeris in ihrem Geist. Sie schloss die Augen. Das Feuer war nicht nur Hitze – es war Prüfung. Zweifel flammten in ihr auf: Was, wenn sie scheiterte? Was, wenn Morvath stärker war? Doch dann erinnerte sie sich an Silberhain. An ihre Mutter. An das Gefühl, immer anders gewesen zu sein – und doch niemals zerbrochen. Langsam hob sie das Amulett. „Ich fürchte das Feuer nicht“, sagte sie ruhig. „Denn mein Licht kommt nicht aus Macht – sondern aus Hoffnung.“ Das Amulett explodierte in goldenem Glanz. Die Flammen um sie herum wichen zurück, als würden sie vor dem Licht selbst Respekt haben. Ein Moment der Stille. Dann erlosch das Feuer vollständig. Ignivar senkte den Kopf. „Du trägst das wahre Erbe Elyndors“, sagte er mit neuem Ton in der Stimme. „Nicht Herrschaft – sondern Bewahrung.“ Er breitete seine gewaltigen Schwingen aus. „Folgt mir.“ Hinter ihm öffnete sich eine gewaltige Felsspalte – verborgen hinter Asche und Zeit. Dahinter führte ein schmaler Pfad in das Innere des Berges. „Dort liegt die Aschenpforte“, erklärte Ignivar. „Doch wisse: Sobald sie geöffnet ist, wird Morvath es spüren.“ „Er spürt uns ohnehin“, sagte Liora leise. Der Drache betrachtete sie lange. „Dann beeilen wir uns.“ Gemeinsam betraten sie die Felsspalte. Im Inneren glühten die Wände schwach, als würde tief im Berg noch immer ein Herz aus Feuer schlagen. Nach einer Weile erreichten sie ein gewaltiges steinernes Tor. Es war schwarz wie Nacht, mit eingravierten Drachen und Sternen. „Hier endet mein Weg“, sagte Ignivar. „Nur ihr könnt hindurchgehen.“ Liora trat vor. Das Amulett begann erneut zu pulsieren. „Bereit?“, fragte Caelan. Sie nickte. Ignivar atmete tief ein – und spie einen konzentrierten Strahl aus weißglühendem Feuer auf das Tor. Die Runen begannen zu leuchten. Liora legte ihre Hand auf den Stein. Ein lautes Krachen hallte durch den Berg. Langsam öffnete sich die Aschenpforte. Ein kalter Wind strömte ihnen entgegen – nicht heiß wie Feuer, sondern eisig wie Schatten. Aus der Dunkelheit erklang eine Stimme. „Wie rührend“, flüsterte Morvath. Liora spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Die wahre Konfrontation hatte begonnen.
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