Kapitel 1: Die gestohlene Seite
Meine Mom liebt Andrel Black immer noch. Ich weiß es, weil ich die Seite gestohlen habe, auf der sie es gestanden hat.
Als Andrel Black das erste Mal in unser Haus kam, dachte ich nur, er sei gutaussehend. Das war alles. Einfach nur ein gutaussehender Mann, der zufällig der beste Freund meines Vaters war. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht.
Aber dann kam er immer öfter vorbei. Geschäfte mit Dad. Abendessen. Besprechungen in Dads Arbeitszimmer. Und jedes Mal habe ich heimlich aus dem Flur gespäht.
Er war zu gutaussehend. Zu muskulös. Er sah überhaupt nicht aus wie mein Vater — er wirkte jünger, gefährlicher, lebendiger.
Und dann ist es mir aufgefallen.
Wie er und meine Mom sich angesehen haben. Das war nicht normal. Nicht so, wie eine Ehefrau den besten Freund ihres Mannes ansehen sollte. Es war schwer. Schmerzhaft. Als würden sie sich beide an etwas erinnern, an das sie nicht denken sollten.
Bis ich sie eines Nachmittags, als Dad nicht zu Hause war, im Wohnzimmer streiten sah. Ich konnte nicht hören, was sie sagten. Ihre Augen waren rot. Sein Kiefer war angespannt. Bevor ich zuhören konnte, bin ich weggerannt.
Ich bin direkt in Moms Zimmer gerannt. Mein Herz schlug so schnell.
Da sah ich ihren kleinen Safe im Schrank. Ich weiß nicht, warum ich versucht habe, ihn zu öffnen. Meine Hände zitterten. Ich probierte meinen Geburtstag. Er ging nicht auf. Ich probierte Dads Geburtstag. Er ging nicht auf.
Dann tippte ich Andrels Geburtstag ein.
Klick.
Er sprang auf.
Ich war fassungslos.
Darin lag ein altes, abgenutztes Tagebuch. Ich blätterte neugierig, wütend und verwirrt darin, bis meine Augen auf einer Seite hängen blieben.
„Ich liebe Andrel Black und ich liebe ihn immer noch. Niemand kann ihn ersetzen. Nicht einmal mein Ehemann.“
Meine Brust zersprang. Traurigkeit und Wut vermischten sich. Wie konnte sie nur? Wie konnte meine eigene Mutter etwas so Abscheuliches tun? Wenn sie ihn so sehr liebte, warum hat sie ihn dann nicht geheiratet? Warum hat sie meinen Dad geheiratet?
Vor Wut, vor Schmerz, riss ich diese Seite heraus. Ich faltete sie und versteckte sie.
Dann hörte ich meinen Namen. „Mila! Mila! Was ist los?“
Ich schreckte hoch. „Nichts“, antwortete ich schnell.
Dann erhob mein Dad sein Glas, seine Stimme laut und stolz. „Happy Birthday zu meinem wunderschönen Geburtstagskind! Heute wird meine Mila 21! Ich möchte mich noch bei einigen Lieben bedanken. Zuerst bei meinem Bruder Andrel, er war vom ersten Tag an ein guter Freund. Und bei meiner wunderschönen Frau, die mir so eine liebliche Tochter geschenkt hat. Du bist das Beste, was mir je passiert ist.“
Ich bin heute 21 geworden. Eine Frau, kein kleines Mädchen mehr. Aber alle behandeln mich immer noch wie Dads kleine Prinzessin.
Ich drehte mich um und sah Mom an.
Sie konnte Dad nicht einmal ansehen. Vielleicht aus Schuld. Aber ihre Augen... ihre Augen waren fest auf Andrel gerichtet.
Frustriert schnappte ich mir ein Getränk und ging allein nach draußen in die Gasse. Ich brauchte Luft.
Dann hörte ich eine Stimme hinter mir. „Mila.“
Ich erkannte diese Stimme sofort. So tief und ruhig. Mein ganzer Körper versteifte sich.
Langsam drehte ich mich zu ihm um. Es war dunkel in der Gasse, aber ich konnte sein Lächeln sehen.
Er kam langsam und gleichmäßig auf mich zu, wie ein Mann, der schon genau wusste, wie das hier enden würde.
Mein Herz pochte so laut, ich war sicher, er konnte es hören.
Dann war er so nah bei mir, dass ich sein Parfüm riechen konnte. Warm, teuer, männlich.
„Mila, du siehst an deinem 21. Geburtstag nicht glücklich aus“, sagte er. Seine Stimme war so tief und ruhig.
Ich zuckte zusammen. „Mir geht’s gut“, flüsterte ich. „Ich brauchte nur frische Luft.“
Er lachte leise. Dieses tiefe Lachen ließ meine Knie weich werden.
Dann sah er mich an, sah mich wirklich an.
„Alles Gute zum 21. Geburtstag, Mila“, flüsterte er. „Du bist zu einer wunderschönen Frau geworden.“
Mein ganzer Körper erstarrte.