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Das Lösungsmittel strich leise über das Juwel. Elena beugte sich mit ihrer UV-Lampe vor und führte dieselben Authentifizierungsschritte durch, die sie schon tausendmal zuvor durchgeführt hatte. Die Flüssigkeit perlte über die geschnitzte Oberfläche und sammelte sich in den alten Rillen. Einen Herzschlag lang blieb der Stein still. Dann detonierte er.
Licht brach in zackigen Strahlen hervor. Das Atelier füllte sich mit Rauch, der nach Kupfer und Sand schmeckte. Elena taumelte zurück und stieß mit der Hüfte gegen die Werkbank. Die Luft selbst schien sich zu krümmen. Ihr Verstand suchte nach einer Erklärung, vielleicht einer chemischen Reaktion oder eingeschlossenem Gas, doch ihr Körper erkannte die Gefahr zuerst. Sie ließ die Lampe fallen.
Der Rauch verflüchtigte sich nicht. Er sammelte sich zu einer Form, die zu groß für den Raum war und zwischen Dampf und Fleisch schwankte. Der Dschinn manifestierte sich mit der Last von Jahrhunderten. Die Realität zerbrach. Die Wände flackerten, und die Leuchtstoffröhren erloschen. Ein quellenloses, bernsteinfarbenes Leuchten ersetzte sie und ließ ihre Werkzeuge dreifache Schatten werfen. Als der Dschinn sie ansah, knickten Elenas Knie ein.
Eine Vision durchdrang ihren Geist. Sie stand in einer Wüste aus rotem Sand unter einem Himmel in der Farbe alten Blutes. Schwere Stiefel lasteten auf ihren Schultern, und sie spürte das Gewicht eines Schwertes. Ihr langes, rotes Haar peitschte ihr im heißen Wind ins Gesicht. Eine Schlange von der Größe einer Stadtmauer erhob sich aus den Dünen, ihre Schuppen glänzten schwarz. Sie schmeckte Blut und spürte den eingebildeten Schmerz von Muskeln, die ihr nicht wirklich gehörten. Es war eine Erinnerung, die ihr nicht gehörte, und doch erkannte sie sie als ihre eigene.
Die Vision ließ sie los. Elena keuchte zurück in ihrem Atelier. Der Dschinn stand vor ihr, eine gewaltige Masse aus Rauch und Bedrohlichkeit. Er sprach ihren Namen, und der Klang strich ihr über die Knochen.
„Elena.“
Sie hatte nicht gesprochen. Sie hatte sich nie vorgestellt. Das Wesen wusste es einfach. Der Dschinn neigte den Kopf, sein Gesicht ein flüchtiger Schatten, und dann bewegte er sich. Er benutzte nicht die Tür. Er ging durch die Wand. Massive Ziegel und Putz teilten sich wie Vorhänge, um ihn passieren zu lassen. Dann war es verschwunden.
Das Atelier verstummte. Die Wände waren noch immer verzogen und hingen durch, wo das Wesen sie berührt hatte. Elenas Hände zitterten, als sie sich an der Tischkante festklammerte. Es kannte ihren Namen und war auf der Jagd.
Der Laptop-Bildschirm warf einen kalten Schein auf den Küchentisch. Elena saß in ihrer Wohnung, doch die verzogenen Wände des Ateliers verfolgten sie. Das Juwel lag in einem versiegelten Beweismittelbeutel neben ihrer Maus. Es wirkte dunkel und leblos. Sie öffnete ihre Restaurierungsdatenbank. Sie verglich den Stein mit allen bekannten Artefakten aus der Abbasidenzeit. Nichts passte. Sie dehnte die Suche auf sassanidische und byzantinische Stücke aus. Das eingravierte Schlangenmotiv tauchte nur in fragmentarischen Mythen auf. Es gab kein authentisches Werk.
Die Vision traf sie unerwartet. Sie stand in einem anderen Körper. Die Wüste erstreckte sich vor ihr in Ocker- und Rosttönen. Eine Quelle sprudelte aus den Felsen. Frauen füllten Tongefäße, während Kinder im Wasser planschten. Elena beobachtete alles mit fremden Augen. Sie spürte das Gewicht der Seide und den Druck der goldenen Armreifen an ihren Handgelenken. Dann veränderte sich das Wasser. Es verdunkelte sich von der Mitte her. Es breitete sich aus wie Tinte. Die Kinder schrien auf und wichen zurück. Die Quelle ergoss sich rot und dickflüssig. Sie dampfte in der Hitze. Die Frauen ließen ihre Gefäße fallen und flohen. Elena stand wie erstarrt in ihrem geliehenen Körper. Dies war ein Omen. Dies war der Hunger der Schlange.
Die Vision ließ sie los. Elena umklammerte die Tischkante und keuchte. Ihr Kaffee war über ihre Notizen verschüttet worden. Sie hatte die Tasse nicht umgestoßen. Sie war gekippt, als hätte eine unsichtbare Hand sie gestoßen. Sie wandte sich wieder dem Laptop zu. Sie öffnete die Authentifizierungsanfrage. Im Absenderfeld wurde eine generische Systemadresse angezeigt. Sie verfolgte die IP-Adresse über ihre beruflichen Kontakte. Die digitale Spur führte über drei Proxy-Server und endete in einer absichtlichen Löschung. Es gab keinen Namen. Es gab keinen Nachweis über Zahlung oder Versandort. Jemand hatte dieses Juwel speziell für sie geschickt.
Ein Schatten huschte über die Wand. Elena blickte auf. Die Deckenleuchte hing still. Der Schatten darunter dehnte und wand sich. Er reichte wie greifende Finger über die Decke. Die Bücher in ihrem Regal verschoben sich. Ein gerahmtes Foto rutschte ein paar Zentimeter nach links. Der Einfluss des Dschinns breitete sich im Raum aus. Sie starrte den Stein an. Er blieb still, doch die Luft in der Wohnung wurde schwer und kalt. Da begriff sie, dass das Juwel nicht nur ein Artefakt war. Es war ein Tor.
Elena knallte die Wohnungstür zu und rannte die Treppe hinunter. Die Putzwände pulsierten in einem langsamen, schweren Rhythmus. Schatten lösten sich aus den Ecken und krochen ohne Lichteinfall über den Boden. Ein Bilderrahmen rutschte von der Wand und zersprang, doch sie blickte nicht zurück.
Die kalte Straßenluft traf ihre Lungen. Sie beugte sich vor, die Hände auf den Knien, und versuchte, auf dem Beton das Gleichgewicht zu finden. Das Pflaster fühlte sich fest und real an. Dann klackerten Schritte links von ihr auf dem Stein.
„Zahira.“
Der Name traf sie wie ein Schlag. Elena richtete sich auf. Ein Mann stand ein paar Meter entfernt.Er hatte scharfe Gesichtszüge und dunkles Haar, seine Augen fixierten sie mit einer furchterregenden Intensität. Sie erkannte sein Gesicht nicht, doch ihr Puls raste vor einer tiefen, instinktiven Vertrautheit.
„Ich – das ist nicht mein Name“, sagte sie. Ihre Stimme klang dünn.
„Früher schon.“ Adrian trat ins Licht. „Ich habe wochenlang nach dir gesucht. Du siehst die rote Wüste auch. Du siehst die Schlange.“
Elena umklammerte ihren Mantel. „Woher weißt du das?“
„Ich sehe es jede Nacht. Ich sehe die Quelle, die sich in Blut verwandelt. Und du stehst immer da.“ Er presste die Zähne zusammen.
Die Luft zwischen ihnen wurde schwer. Elena wollte fliehen, doch sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Bevor sie etwas sagen konnte, riss der Himmel über den Gebäuden auf.
Ein Dschinn materialisierte sich über den Dächern, seine Gestalt hoch aufragend und gewaltig. Ein Mann, der mit einem Hund spazieren ging, blieb auf dem Bürgersteig stehen und starrte nach oben. Die Stimme des Dschinns hallte wie mahlender Stein wider.
„Ein Wunsch. Sprich ihn aus, und ich werde ihn dir gewähren.“
Der Fußgänger zögerte, dann breitete sich ein langsames Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Ich wünsche mir, dass meine Schulden verschwinden.“ Die Realität zerbrach. Der Asphalt zersplitterte in scharfe Splitter. Die Gebäude verzerrten und dehnten sich wie geschmolzenes Wachs. Das Lächeln des Mannes erstarrte. Seine Augen weiteten sich, als seine Hände zu flackern begannen wie statische Elektrizität. Er öffnete den Mund zum Schreien, doch sein Körper löste sich in Nichts auf, bevor der Laut entstehen konnte.
Adrian packte ihr Handgelenk. „Wir müssen fliehen.“
Elena konnte sich nicht bewegen. Der Dschinn wandte ihr seinen massiven Kopf zu. Sie spürte die Last von tausend Jahren auf ihrer Brust, als sich der Schleier des Monsters an ihren schloss.
Adrian fuhr durch eine Stadt, die ihre Form verloren hatte. Gebäude bog sich wie Schilf im Wind. Die Ampeln blinkten in Farben, die in der Natur nicht existierten. Elena umklammerte den Türgriff, bis ihre Finger taub wurden. Sie konzentrierte sich auf ihren Atem.
„Die Wüste“, sagte Adrian. Er umklammerte das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. „Du hast den Krieger gesehen. Du hast die Schlange mit den schwarzen Schuppen gesehen.“
Elena schluckte schwer. Ihre Stimme klang dünn. „Ich sah, wie er sie tötete. Ich spürte, wie die Klinge ins Fleisch drang. Ich war er.“
„Du warst seine Frau“, sagte Adrian. Er wandte den Blick nicht von der kurvenreichen Straße ab. „Ich habe wochenlang recherchiert. Reinkarnation. Seelenverbindungen. Ich dachte, ich würde den Verstand verlieren, bis ich dich fand.“
Die Vision traf Elena wie ein Schlag. Das Auto verschwand. Sie stand im Treibsand der Wüste. Der Krieger ragte über den Kadaver der Schlange. Das gewaltige Wesen zuckte noch. Er kniete nieder und griff in die offene Wunde. Seine Finger umschlossen ein pulsierendes Licht. Er zog eine leuchtende Kugel heraus, nicht größer als eine Faust, glitschig von schwarzem Blut. Der Krieger hob die Beute hoch. Triumph durchströmte ihn, gefolgt von kalter, stechender Gier. Hinter ihm schrie die Frau. Sie verstand den Preis. Sie hatte gespürt, wie der Fluch Wurzeln schlug, in dem Moment, als er das Licht gestohlen hatte.
Elena tauchte auf und rang nach Luft. „Er hat der Schlange etwas genommen. Eine Kugel.“
Adrians Kiefer verkrampfte sich. „Da fing es an.“
Der Rückspiegel kräuselte sich wie Wasser. Rauch sammelte sich im Glas. Das Gesicht des Dschinns zeichnete sich in der Spiegelung ab, massiv und wandelnd. Seine Stimme erfüllte den Wagen wie das Geräusch von mahlendem Stein.
„Du erinnerst dich an den Diebstahl. Du trägst den Fluch über tausend Leben hinweg.“
Elena hielt den Atem an. Adrians Hände umklammerten das Lenkrad.
„Ich weiß, wie man den Kreislauf durchbricht“, sagte der Dschinn. Seine Augen leuchteten bernsteinfarben im Spiegel. „Ein Wunsch von jedem von euch. Sprecht ihn aus, und ihr werdet frei sein.“
Elena spürte, wie ihr Spürsinn erwachte. Das war eine Falle. Doch ihre Seele hatte nach der langen Reise endlich ihr Ziel erreicht. Adrian sah sie an. Sie sah in ihren Augen dieselbe Erschöpfung, die sie selbst in ihren Knochen spürte – ein Leben voller Flucht, ein Leben voller Misserfolge. Der Dschinn lächelte. Er wartete darauf, dass sie die Worte aussprachen, die alles verändern würden.