Kapitel 4

1274 Words
Alejandros Augen schienen tausend unausgesprochene Worte zu enthalten, sein Blick drang tief in ihr Innerstes. Seine Stimme durchbrach die Stille, triefend vor Bedrohung. „Ich bin sicher, du verstehst jetzt die Situation?“ Aria schluckte schwer, ihr Herz raste. „Ich … ich glaube schon“, stammelte sie und schniefte, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Alejandros Blick wich nicht von ihrem Blick ab. „Gut! Dein Bruder hat mich bestohlen, und das ist inakzeptabel. Er hat auch meine Schwester entführt; und jetzt unterschreibt er sein Todesurteil.“ Aria zitterte weiter, von Angst gepackt. „Ich werde es wiedergutmachen“, versprach sie und weinte zwischen ihren Worten. „Ich werde alles zurückzahlen, was er gestohlen hat, und für deine Schwester. Ich glaube … ich glaube, du irrst dich. Jace würde so etwas niemals tun“, fügte sie mit zitternder Stimme hinzu. Alejandros Gesichtsausdruck wurde fuchsteufelswild. „So einfach ist das nicht!“, rief er. „Die Taten deines Bruders haben Konsequenzen.“ Arias Augen flehten ihn an. „Bitte, tu mir nicht weh“, flehte sie unter Tränen. Alejandros Lächeln war kalt. „Ich verspreche dir nichts. Wenn ich dich ansehe, sehe ich nur Wut! Deine Anwesenheit und Existenz bringen mich dazu, dich umbringen zu wollen.“ Seine gebieterische Stimme ließ Aria erzittern. Plötzlich trat er näher, seine Anwesenheit erstickte und schüchterte sie ein. „Aber ich lasse dir die Wahl“, flüsterte er. „Gib mir Einzelheiten darüber, wo Jace sein könnte, und vielleicht verschone ich dein Leben.“ Arias Gedanken rasten. Sie wusste, dass das der Tod war. „Ich … ich weiß nicht“, stammelte sie. „In dieser Nacht habe ich Jace zum ersten Mal seit sechs Jahren wiedergesehen.“ Sie hoffte, er würde ihr glauben. Alejandros Augen schienen sich in ihre Seele zu bohren und suchten nach einem Zeichen von Betrug. Sein Gesicht verriet nicht, ob er ihr glaubte oder nicht. „Na gut“, sagte er. „Für den Moment sagen wir einfach, du wirst mir … nützlich sein.“ Ein Schauer lief Aria über den Rücken. „Bitte lass mich gehen, und ich verspreche, Jaces Aufenthaltsort herauszufinden“, flehte sie und versuchte, so tapfer wie möglich zu klingen. Alejandros Lachen jagte ihr einen Schauer über den Rücken. „Du weißt nicht einmal, wo er ist!“, schrie er sie an. „Du bist einfach ein erbärmliches kleines Mädchen! Ich glaube, ich kann dich hier gut gebrauchen“, fügte er hinzu und schenkte ihr ein boshaftes Lächeln. Er kam näher, riss sie an den Haaren und sagte: „Du gehst nirgendwo hin, bis ich meine Schwester habe, du hässliches Miststück!“ Aria fürchtete um ihr Leben, während ihr weitere Tränen über die Wangen strömten. Sie spürte, wie ihr die Haare ausgerissen wurden. In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Juan kam zurück. „Chef, das Paket ist fertig“, sagte er. Alejandro nickte und trat von Aria zurück, schob sie zur Seite und ließ ihre Haare los. „Gut! Los geht‘s“, sagte er und wandte sich von ihr ab. „Aber zuerst soll Valentine sie waschen und füttern. Ich will sie noch nicht tot sehen“, fügte er hinzu. Arias Herz sank noch mehr. Sie verließen das Zimmer. Aria blieb immer noch ans Bett gefesselt zurück. Sie fühlte sich elend, war aber dankbar, dass Juan gerade rechtzeitig gekommen war. Valentine betrat das Zimmer mit zwei weiteren Dienstmädchen, die Kleidung und wichtige Dinge wie Seife und eine Zahnbürste trugen. „Du stinkst“, sagte Valentine und hielt sich die Hand vor die Nase, während sie sie anstarrte. Sie wies die Dienstmädchen an, Aria loszubinden und zu waschen. Nach dem Baden erhielt Aria Kleidung, die genau wie die der Dienstmädchen aussah, was sie verblüffte. Valentine sagte ihr, sie würde für das Wischen der Böden im Haus zuständig sein. Gedankenverloren fragte sich Aria, ob Alejandro das meinte, als er sagte, sie würde nützlich sein, oder ob er etwas Finstereres verbarg. Valentine wies die Dienstmädchen an, ihr das Herrenhaus und die Vorräte zu zeigen, und warnte sie davor, an Flucht zu denken, da sie sonst sterben würde. Als sie der Dienstmagd, die nun Maria hieß, durch die labyrinthartigen Gänge folgte, wurde Aria das Unbehagen nicht los. Der Luxus des Herrenhauses war erdrückend, jeder Raum ein Zeugnis von Alejandros Reichtum und Macht. Maria wirkte mit ihrem freundlichen Lächeln und ihrer sanften Art inmitten dieser Pracht fehl am Platz. „Das ist der Ostflügel, Señorita“, sagte sie und öffnete eine Tür. Hinter ihr lag ein Schlafzimmer, in das Arias gesamte Wohnung zu passen schien. „Ihr Zimmer.“ Aria zögerte, unsicher, ob sie dankbar oder ängstlich sein sollte. „Danke, Maria“, brachte sie hervor und fragte sich, warum sie Señorita genannt wurde. Maria hatte sie aus Respekt so angesprochen, obwohl sie dasselbe Dienstmädchen-Outfit trug wie sie. Als sie den Rundgang fortsetzten, bemerkte Aria die subtile Präsenz von Wachen, die diskret im ganzen Haus postiert waren. Überwachungskameras beobachteten jede ihrer Bewegungen und erinnerten sie ständig an Alejandros Überwachung. Als sie die Küche erreichten, bereitete Sofia, ein anderes Dienstmädchen, das Mittagessen zu, das aus so vielen verschiedenen Gerichten bestand, dass man es als Festmahl bezeichnen konnte. Alles duftete köstlich, und Arias Magen knurrte; sie hatte in den letzten Tagen nichts gegessen. „Señorita, möchten Sie hier oder im Esszimmer essen?“, fragte Sofia. „Bitte nennen Sie mich Aria“, sagte Aria unbehaglich. Sie zuckte die Achseln und fühlte sich wie eine Gefangene in einem Käfig ohne Hoffnung auf Freilassung. „Wohin auch immer, ist in Ordnung.“ Marias mitfühlender Blick verriet ihr, dass sie ihre missliche Lage verstand. Während sie aßen, wurde Aria das Gefühl nicht los, dass Alejandro sie beobachtete, obwohl er nirgends zu sehen war. Plötzlich senkte sich Marias Stimme zu einem Flüstern. „Señorita, seien Sie vorsichtig. El patrón (der Boss), er ist kein geduldiger Mann.“ Aria nickte, ihr Herz raste. Was wusste Maria, und was meinte sie damit? Sie entschuldigte sich bei Maria und Sofia und dachte über Marias Worte nach. Verbarg Maria ein Geheimnis vor ihr? Wusste sie, was der größere Plan war? Nach einer Weile beschloss Aria, das Herrenhaus zu erkunden und seine Geheimnisse zu lüften, vielleicht sogar eine Flucht zu planen. Die Flure schienen sich endlos zu erstrecken, jede Tür führte in einen neuen Raum, ein neues Geheimnis. Aria wanderte allein durch das Herrenhaus, ihre Schritte hallten vom Marmorboden wider. Jeder Schritt fühlte sich an wie eine Rebellion gegen Alejandros Kontrolle. Sie entdeckte eine Bibliothek, deren Regale mit ledergebundenen Büchern und Geheimfächern gefüllt waren. Ein Musikzimmer mit einem Flügel und staubigen Notenblättern, die aussahen, als wären sie seit Monaten nicht mehr berührt worden. Als sie um eine Ecke bog, stolperte sie über eine Tür, die hinter einem kleinen Raum verborgen war. Der Türknauf fühlte sich kalt in ihrer Hand an. Sie drückte die Tür auf und gab den Blick auf eine schmale Treppe frei, die in die Dunkelheit hinabführte. Die Neugier siegte über Aria. Sie nahm die Treppe, ihr Herz hämmerte so laut, dass die Stimmen in ihrem Kopf sie anschrien, sie solle umkehren und um ihr Leben rennen. Aber Aria hörte nicht auf sie; sie ging weiter in die Dunkelheit hinab. Unten fand sie sich in einem schwach beleuchteten Korridor wieder, gesäumt von Stahltüren und Überwachungsmonitoren. Der Geruch von Desinfektionsmittel und Bleichmittel lag in der Luft, so stark, dass sie sich die Nase zuhielt. Plötzlich tauchte eine Gestalt aus den Schatten auf. „Willkommen, Aria“, sagte Juan mit boshafter Stimme. „Ich sehe, du bist neugierig.“
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