Kapitel 1
Seufzend ging Aria nach einem weiteren langweiligen, adrenalinarmen Tag von der Arbeit nach Hause. Ihre Füße waren voller kleiner Blasen, die vom vielen Stehen pochten. Sie arbeitete als Datenanalystin in einem Büro nur wenige Blocks von ihrer winzigen Wohnung entfernt und starrte auf Computer und Zahlen, bis ihr die Augen verschwammen. Es war mühsam, aber nur so konnte sie ihre Rechnungen bezahlen, Essen auf den Tisch bringen und ihre Studienkredite bedienen, die sie zu erdrücken drohten.
Aber Arias Gedanken waren woanders. Früher hatte sie Kryptografie geliebt und unzählige Stunden damit verbracht, Geheimcodes zu lösen und zu entschlüsseln, während sie das Darknet erkundete. Sie war auch gut darin; die Leute nannten sie sogar ein Genie. Doch etwas hatte sich geändert. Aria hatte aufgehört, an ihren Codes und Nachrichten zu arbeiten, nachdem ihre Eltern in ihrem Haus in Minnesota brutal ermordet worden waren, bevor sie nach New York zog. Sie wurden tot aufgefunden, ohne Hinweise oder Motiv. Die Polizei behauptete, es sei ein missglückter Raubüberfall gewesen, aber Aria wusste es besser. Sie glaubte, ihre Eltern seien ermordet worden, und gab sich selbst die Schuld an ihrem Tod.
Sie hatte an einem sensiblen Projekt gearbeitet und Nachrichten für einen Kunden entschlüsselt. Sie vermutete, dass ihre Arbeit ihre Familie in Gefahr gebracht hatte. Doch sie konnte nichts dagegen tun. Die Erinnerung an diese Nacht verfolgte sie, so frisch, als wäre es gestern gewesen. Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie dafür verantwortlich war, dass ihre Arbeit zu ihrem Tod geführt hatte. Also hörte sie auf. Sie konzentrierte sich auf ihr alltägliches Leben, versuchte zu überleben und gleichzeitig auf ihre eigene Sicherheit zu achten. Sie musste den Nervenkitzel der Codes und den Schmerz ihres Verlustes vergessen. Doch die Erinnerung blieb und verfolgte sie.
Auf dem Heimweg lief ihr ein Schauer über den Rücken. An diesem Morgen hatte sie bei der Arbeit eine mysteriöse Nachricht erhalten: „Treffen wir uns um Mitternacht am alten Lagerhaus. Komm allein.“ Aria versuchte, die Nachricht zu ignorieren, doch ihr Herz raste. Wer konnte sie kontaktieren und warum? Sie kannte das alte Lagerhaus, von dem in der Nachricht die Rede war; es war das einzige in der Stadt. Im Laufe des Tages wuchsen ihre Angst und Neugier. Sie konnte sich bei der Arbeit nicht konzentrieren, ihre Gedanken schweiften ständig zu der Nachricht zurück. Was bedeutete sie und wer steckte dahinter?
Aria ahnte nicht, dass ihr Alltag eine dramatische Wendung nehmen würde. Sie wurde zurück in die Welt gezogen, die sie hinter sich gelassen zu haben glaubte, und dieses Mal gab es kein Zurück mehr.
Ihre Gedanken wurden durch das Klingeln ihres Telefons unterbrochen. Nach kurzem Zögern antwortete sie: „Hallo?“
„Aria, ich bin’s! Alex! Ich habe ewig nichts von dir gehört. Was ist los?“
Aria seufzte und fühlte sich schuldig. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie ihre Freunde und Hobbys aufgegeben. „Ich war einfach beschäftigt, Alex. Mit Arbeit und so“, antwortete sie emotionslos.
„Arbeit? Pst! Du meinst den Bürojob? Aria, du verschwendest dein Talent. Du solltest mit dieser Fähigkeit Großes leisten. Du gehst nicht an meine Anrufe. Ich vermisse meine Freundin und will sie zurück.“ Alex betonte den letzten Teil und hoffte, Aria würde verstehen, wie viel sie ihm bedeutete.
Frustration stieg in ihr auf. Alex verstand nicht; er wusste nicht, was passiert war. Er wusste nicht, warum sie beschlossen hatte, alles aufzugeben und nie zurückzublicken. „Ich werde versuchen, es wiedergutzumachen, okay?“, erwiderte Aria in der Hoffnung, das Gespräch schnell zu beenden.
„Okay, aber versprich mir bitte, dass du darüber nachdenkst, wieder einzusteigen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du es vermisst hast.“
Aria legte auf und überkam ein Wechselbad der Gefühle. Sie vermisste ihr altes Leben, aber der Schmerz war noch zu frisch. Im Laufe des Tages kehrten ihre Gedanken immer wieder zu der mysteriösen Nachricht zurück. Wer steckte dahinter? Was wollten sie von ihr? Sie versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber ihr Herz war nicht dabei. Sie hatte das Gefühl, nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen.
Als es Mitternacht wurde, machte sie sich auf den Weg zum alten Lagerhaus. Angst packte sie, aber sie musste wissen, worum es ging und was die mysteriöse Person von ihr wollte. Gerade als sie sich dem unheimlichen Eingang näherte, tauchte eine Gestalt aus den Schatten auf, ihr Gesicht von der Dunkelheit verdeckt.
„Aria“, rief die Gestalt, und sie erkannte sofort, dass es ein Mann war; seine Stimme war leise und zittrig. „Ich habe auf dich gewartet“, fügte er hinzu.
Arias Herz raste. Wer war dieser Mensch? Was wollte er von ihr?, fragte sie sich, während ihr Fragen durch den Kopf gingen. „Du hast die Nachricht geschickt, nicht wahr?“, fragte Aria und versuchte, ruhig zu klingen, obwohl sie von Angst erfasst wurde.
Die Gestalt nickte und trat in das Mondlicht, das durch die klaffenden Löcher in der Lagerhausdecke fiel. „Ich bin’s. Ich bin’s, Aria. Dein Bruder.“
„Jace! Was zur Hölle! Was zur Hölle ist hier los? Du bist lange vor Mama und Papas Tod verschwunden, und jetzt rufst du mich in ein gruseliges Lagerhaus!“
Er zuckte nicht mit der Wimper und reagierte nicht auf ihren Ausbruch. „Sie sind hinter mir her, Aria. Ich brauche deine Hilfe, bitte“, sagte Jace flehend.
„Was meinst du? Wer sind sie? Du machst mir Angst, Jace.“
„Ich kann im Moment nicht viel sagen, aber ich bin in großer Gefahr, und jetzt auch du. Du musst dich ihnen anschließen, Aria, und tun, was sie verlangen, sonst ist mein Leben vorbei. Du musst dich ihnen anschließen –“
Plötzlich fielen Schüsse im Lagerhaus. Jace floh vom Tatort, wurde aber in den Arm geschossen. Aria, die bereits von Angst und Schrecken geplagt war, blieb zurück. Drei schwarz gekleidete Männer traten ins Licht, ihre Gesichter bis auf einen verhüllt. Alejandro trat aus den Schatten. In seinem komplett schwarzen Dreiteiler sah er aus, als käme er gerade von einem Versace-Laufsteg. Sein Gesicht war gefährlich attraktiv und einschüchternd zugleich.
„Ich habe einen Vorschlag für dich“, sagte er.
Aria zitterte vor Angst. Ihre Instinkte schrien ihr zu, wegzulaufen, doch die Angst ließ sie wie angewurzelt stehen. Stotternd, ihre Ohren klingelten noch von den Schüssen, schluckte sie schwer. „Wa… was für ein Vorschlag?“, fragte sie leise. „Was für ein Vorschlag?“
Alejandro lächelte, und es war nicht sanft, es war unheimlich. Seine Augen funkelten im trüben Licht. „Ganz einfach! Komm mit, oder ich lösche die Familie Wilson aus.“