Kapitel 1: Die Versuchung der Heimkehr
Als sich die schwarzen Eisentore des Anwesens in den Hamptons öffneten, hämmerte mein Herz gegen meinen Brustkorb, als wolle es mich warnen: Kehr um. Lauf weg. Tu das nicht. Aber ich fuhr weiter. Vor fünf Jahren hatte ich dieses Haus verlassen – als gebrochene, verwirrte Achtzehnjährige, die ihrem Stiefvater nicht in die Augen sehen konnte, ohne sich beschmutzt und angewidert zu fühlen. Jetzt, mit einundzwanzig, war ich zurück, mit einem Abschluss in der Tasche, einem Koffer voller Träume und demselben brennenden, beschämenden Geheimnis, das heller brannte als je zuvor. Ich hielt hinter dem Brunnen an, stellte den Motor ab und saß einfach da, die Finger um das Lenkrad gekrampft. Die Villa sah genau so aus wie früher: weiße Marmorfassade, hoch aufragende Säulen, Fenster, die im Licht des späten Nachmittags wie Spiegel glänzten. Irgendwo hinter diesen Mauern befand sich der Mann, der mich großgezogen hatte. Der Mann, der mit seiner tiefen Baritonstimme meine Albträume zum Verstummen bringen konnte. Der Mann, für den ich kein Recht hatte, so zu empfinden, wie ich es tat. „Emily?“ Seine Stimme, ein warmes Grollen, schnitt wie Butter durch die Luft. Ich blickte auf. Oben auf der geschwungenen Marmortreppe stand Ethan Cross, die Hände tief in die Taschen seiner knitterfreien anthrazitfarbenen Hose gesteckt, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgekrempelt. Mit dreiundvierzig sah er noch umwerfender aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Die graumelierten Strähnen an seinen Schläfen verliehen ihm ein vornehmes und gefährlich attraktives Aussehen. Seine stahlgrauen Augen ruhten auf meinen, und für einen Moment schrumpfte die Welt auf uns beide zusammen. Ich schenkte ihm ein gezwungenes Lächeln und stieg aus dem Auto. „Hallo … Dad.“ Das Wort schmeckte mir jetzt übel auf der Zunge. Es hatte mir schon immer übel geschmeckt, aber in letzter Zeit fühlte es sich an wie eine Lüge, umhüllt von Schuldgefühlen. Er kam die Treppe herunter, jeder Schritt eine geschmeidige, gemächliche Geste der Macht. Als er auf meiner Höhe war, zog er mich ohne zu zögern in eine Umarmung, seine Arme umschlangen mich, seine große Hand legte sich auf meinen Nacken, so wie er es immer getan hatte, als ich jünger war. Ich atmete seinen Duft ein – Zedernholz, saubere Wäsche und etwas ganz und gar Ethan-Typisches, das meine Knie weich werden ließ. „Gott, ich habe dich vermisst, Kleines“, flüsterte er in mein Haar. Seine Stimme war tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte. Rauer. Ich presste die Augen zusammen, ließ mich drei gefährliche Sekunden lang in ihn versinken, dann löste ich mich von ihm, voller Angst, er könnte das rasende Pochen meines Herzens spüren. „Ich habe dich auch vermisst“, flüsterte ich, unfähig, seinem Blick zu begegnen. Er musterte mein Gesicht, seine durchdringenden Augen tasteten mich ab, als könnten sie jeden verborgenen Gedanken lesen. „Du hast dich verändert.“ „Du auch“, sagte ich leise. Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte. Er wandte als Erster den Blick ab. „Komm schon. Deine Mutter ist bei einem Mittagessen, aber sie hat Maria Anweisungen gegeben, dein Lieblingsessen zuzubereiten.“ Er schnappte sich meinen Koffer, als wäge er nichts, und machte sich auf den Weg zum Haus. Ich folgte ihm, meinen Blick angezogen von der kräftigen Linie seiner Schultern und der Art, wie sich sein Hemd über seinen breiten Rücken spannte. Hör auf, Emily. Im Inneren roch das Haus nach frischen Blumen, Zitronenpoliermittel und dem schwachen, nachklingenden Hauch seines Parfüms. Nichts hatte sich verändert, und doch fühlte sich alles anders an. Er war anders. Oder vielleicht lag es an mir. In dieser Nacht, nach einem Abendessen voller gezwungener Gespräche, die sich anfühlten, als würde man auf Glasscherben laufen, wollte der Schlaf mich nicht. Der herannahende Sommergewitter trug auch nicht gerade dazu bei.
In der Ferne grollte der Donner, während der Regen gegen die Fenster meines alten Schlafzimmers prasselte. Ich schlüpfte aus dem Bett, bekleidet nur mit einem übergroßen T-Shirt, und schlurfte nach unten, um mir etwas Wasser zu holen. Das Licht in der Küche war gedämpft; ich dachte, ich wäre allein, bis seine Stimme aus dem Schatten herüberdrang. „Konntest du auch nicht schlafen?“ Ich erstarrte. Ethan saß an der Kücheninsel, vor sich ein Glas Whiskey, sein Hemd am Kragen aufgeknöpft. Die Knöpfe waren so weit geöffnet, dass ein Streifen seiner durchtrainierten Brust zu sehen war. Als er sich zu mir umdrehte, wanderte sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde nach unten, verweilte auf meinen nackten Beinen, bevor er wieder zu meinem Gesicht zurückschnellte. „Ich … Der Sturm“, log ich und wandte mich dem Kühlschrank zu. Er sagte nichts, während ich mir mit zitternden Händen ein Glas Wasser einschenkte. Draußen ließ mich ein besonders lauter Donnerschlag heftig zusammenzucken, sodass etwas Wasser auf den Boden spritzte. Plötzlich stand er direkt hinter mir. Seine große Hand legte sich über meine am Glas und stützte sie. Die Wärme, die von ihm an meinen Rücken strahlte, berührte mich nicht ganz, aber sie war nah genug, dass ich sie spüren konnte. „Ganz ruhig, Schatz“, murmelte er, seine Stimme ein leises, raues Schnurren. „Ich bin bei dir.“ Drei Worte zerbrachen etwas tief in mir. Tränen, die ich seit Jahren zurückgehalten hatte, strömten aus meinen Augen, und ehe ich mich versah, vergrub ich mein Gesicht an seiner Brust. Seine Arme schlangen sich augenblicklich um mich, fest und sicher, und hielten mich, während draußen der Sturm tobte. „Es tut mir leid“, flüsterte ich in sein Hemd, meine Stimme brach. „Es tut mir so leid …“ „Wofür?“ Seine Finger strichen sanft über mein Haar. Dafür, dass ich dich so liebe. Dafür, dass ich will, dass du mich überall berührst. Dafür, dass ich mir wünsche, du wärst nicht mit meiner Mutter verheiratet. Ich sagte nichts. Ich schlang meine Arme fester um seine Taille und ließ die Wahrheit, die ich niemals laut aussprechen würde, in die Stille zwischen uns sickern. Ethan hielt mich fester. Sein Herzschlag an meiner Wange war gleichmäßig, doch sein Atem wurde schneller – tiefer, schwerer. Eine Hand glitt langsam meinen Rücken hinunter und ruhte auf der Wölbung direkt über meiner Hüfte. Einen elektrisierenden Moment lang rührte sich keiner von uns. Dann erhellte ein Blitz die Küche, und wir lösten uns beide voneinander, als hätten wir uns verbrannt. „Ich sollte wieder ins Bett gehen“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Ja“, antwortete er mit zusammengebissenen Zähnen. Seine Augen waren dunkel. „Das solltest du.“ Ich drehte mich um und floh nach oben, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, meine Haut brannte dort, wo er mich berührt hatte. Ich erreichte meine Schlafzimmertür, schloss sie leise hinter mir und ließ mich dann an der Wand hinunterrutschen, bis ich auf dem Boden saß und meine Schenkel zusammenpresste, um die schmerzende Hitze zwischen ihnen einzudämmen. Es würde der längste und gefährlichste Sommer meines Lebens werden.