Die Drohung Des Demons

1822 Words
POV: SHELMI LYN Ich wachte allein auf. Das Sofa war leer. Die Seite, auf der Demon gelegen hatte, war kalt. Doch das Band zwischen uns summte mit etwas Scharfem. Angst. Wut. Beschützerinstinkt. Ich richtete mich auf und sah mich um. Demon stand am Fenster. Das Handy hielt er an sein Ohr, während er mir den Rücken zuwandte. Seine Schultern waren angespannt. Ich hörte nur Bruchstücke seines Gesprächs. „Findet heraus, wer es geschickt hat … Nein. Erzählt niemand anderem davon … Mir ist egal, was es kostet. Findet diese Person.“ Er legte auf. Dann drehte er sich um. Seine Augen trafen meine. „Wie lange bist du schon wach?“ „Lange genug.“ Ich stand auf und ging auf ihn zu. „Was ist los?“ „Nichts.“ „Lüg mich nicht an.“ Er zögerte. Dann zog er sein Handy hervor und zeigte mir den Bildschirm. Ein Foto. Ich. Im Penthouse. Auf dem Weg in die Küche. Unwissend. Ungeschützt. Ich starrte darauf. Die Welt schien sich zu drehen. „Wer hat das geschickt?“ „Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde es herausfinden.“ „Wann?“ „Jetzt. Ich werde diese Person finden, und ich werde …“ Er brach ab. Atmete tief durch. „Ich werde dich beschützen. Ganz gleich, was es kostet.“ Ich sah wieder auf das Foto. Auf mich selbst, wie ich durch das Penthouse ging, als hätte ich nichts zu befürchten. Ich hatte mich geirrt. Jemand hatte uns beobachtet. Jemand hatte gewartet. Ich hätte Angst haben sollen. Ich hätte zittern sollen. Doch alles, was ich fühlte, war Kälte. Hart. Wütend. „Zeig mir die Nachricht“, sagte ich. Er zeigte sie mir. Übergib Shaw Industries. Oder sie stirbt. Ich las sie zweimal. Dreimal. Dann sah ich ihn an. „Wer weiß, dass wir hier sind?“ „Jeder, der Zugang zu meinem Sicherheitsnetz hat. Mein Sicherheitsteam. Halen. Einige Mitglieder des Rudels.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Und Sure Lewis.“ „Wir müssen gehen.“ „Was?“ „Wir müssen gehen.“ Ich packte seinen Arm. „Wenn sie wissen, wo wir sind, können sie uns erreichen. Wir müssen an einen sicheren Ort. Einen Ort, von dem sie nichts wissen.“ Er sah mich an. „Ich kann dich hier beschützen.“ „Du kannst mich besser beschützen, wenn wir keine sitzenden Ziele sind.“ Er öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Etwas veränderte sich in seinen Augen. Respekt. Bewunderung. Dann nickte er. „Das Rudelterritorium.“ Seine Stimme wurde entschlossen. „Die Hacienda. Niemand kommt hinein, ohne meine Erlaubnis.“ „Dann lass uns gehen.“ Die Fahrt zur Hacienda dauerte zwei Stunden. Die texanische Hügellandschaft erstreckte sich auf beiden Seiten der Straße. Bluebonnets und wildes Gras. Eichen und Kalksteinfelsen. Die Sonne ging langsam unter. Alles war in Gold, Orange und Rot getaucht. Es war wunderschön. Ich hätte den Anblick genießen sollen. Stattdessen beobachtete ich ständig den Rückspiegel. Ich wartete auf Scheinwerfer. Auf ein Fahrzeug, das uns folgte. Niemand kam. Trotzdem konnte ich mich nicht entspannen. Demon streckte die Hand aus. Seine Finger fanden meine. Er drückte sie sanft. „Wir sind fast da.“ „Wie weit noch?“ „Zehn Minuten.“ Ich nickte und sah weiter in den Rückspiegel. Die Hacienda tauchte am Horizont auf. Massiv. Befestigt. Eine Festung aus Kalkstein mit eisernen Toren und einem großen Innenhof. Der Sitz der Macht des Moonlight-Rudels. Ich war noch nie hier gewesen. Nicht als Luna. Nicht als seine Frau. Aber ich hatte Geschichten darüber gehört. Den Dust Circle, in dem Herausforderer kämpften. Den Innenhof, in dem die Rudelversammlungen stattfanden. Die Echo-Höhle darunter, in der die Kristalle leuchteten. Und die Narbe. Das Stück totes Land am nördlichen Rand. Der Ort, an dem das Gras an dem Tag zu Asche geworden war, an dem ich ging. An dem Tag, an dem Demon mich zerbrach. Die Tore öffneten sich. Wir fuhren hindurch. Das Rudel wartete bereits. Dutzende Wölfe standen im Innenhof. Sie beobachteten uns. Flüsterten. Sie ist zurück. Die Gebrochene. Die Luna, die davongelaufen ist. Ich hielt den Kopf hoch. Mein Rücken blieb gerade. Meine Hand lag auf dem Messer an meinem Oberschenkel. Demon parkte. Dann stieg er aus und ging um das Auto herum zu meiner Tür. Er öffnete sie. Er streckte mir die Hand entgegen. „Willkommen zu Hause“, sagte er. Ich nahm seine Hand und ließ mich von ihm aus dem Wagen helfen. Das Rudel beobachtete uns. Ich wich keinem Blick aus. Die Hacienda war wärmer als das Penthouse. Steinwände. Holzbalken. Ein knisternder Kamin in der Ecke. Tierfelle auf dem Boden. Der Geruch von Zedernholz und Rauch lag in der Luft. William Black wartete im Hauptraum. Er war uralt. Blind. Und trotzdem schien er alles zu sehen. Als wir eintraten, legte er den Kopf schief. Seine trüben Augen richteten sich auf mich. „Du bist erwacht“, sagte er. Ich blinzelte. „Ich bin immer wach.“ „Nein.“ Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Deine Wölfin.“ Seine Stimme wurde leiser. „Sie erwacht.“ Ich berührte meine Wirbelsäule. Die Rune brannte. Tief. Gleichmäßig. „Was weißt du über die Rune?“, fragte ich. „Alles.“ Er deutete auf die Stühle. „Setzt euch. Wir haben viel zu besprechen.“ Ich setzte mich. Demon nahm neben mir Platz. Seine Hand legte sich auf mein Knie und gab mir Halt. William Black begann zu sprechen. „Die Rune wurde in deinen Körper eingebrannt, als du achtzehn warst. Dein Vater hatte Angst vor deiner Macht.“ Er machte eine kurze Pause. „Vor deinem Selena-Blut. Vor der Moon-Fire-Wölfin.“ Seine blinden Augen schienen direkt durch mich hindurchzusehen. „Er wusste, was aus dir werden konnte. Und es machte ihm Angst.“ „Also hat er mich gebunden.“ „Ja.“ William nickte. „Er unterdrückte deine Macht. Er machte dich schwach.“ Ich lachte bitter. „Es hat funktioniert.“ „Nein.“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Das hat es nicht.“ „Du bist noch hier. Du stehst noch immer. Du hast fünf Jahre ohne deine Wölfin überlebt. Du hast aus dem Nichts ein Imperium aufgebaut.“ Seine Stimme wurde fester. „Du bist nicht schwach, Shelmi.“ Er sah mich an. „Das warst du nie.“ Etwas in mir brach. „Du weißt nicht, wie es war“, sagte ich. „Ich weiß, dass du noch hier bist.“ Seine blinden Augen trafen meine. „Ich weiß, dass du noch kämpfst. Und ich weiß, dass die Rune zerbricht.“ Ich berührte erneut meine Wirbelsäule. Das Brennen wurde stärker. „Was passiert, wenn sie zerbricht?“ „Deine Macht kehrt zurück.“ Er lächelte. „Deine Wölfin erwacht.“ Eine Spannung lag plötzlich in der Luft. „Du wirst zu dem, was du immer sein solltest.“ „Und was soll das sein?“ Sein Lächeln wurde breiter. „Die mächtigste Wölfin in ganz Texas.“ In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich lag in meinem Bett und starrte an die Decke. Die Rune brannte. Meine Wölfin heulte. Und das Band summte mit Demons Anwesenheit drei Räume entfernt. Ich konnte ihn spüren. Unruhig. Besorgt. Beschützend. Er dachte an mich. Ich setzte mich auf. Meine Füße berührten den kalten Boden. Ich ging zur Tür. Ich musste ihn sehen. Sein Zimmer lag am Ende des Flurs. Ich klopfte. Leise. Vorsichtig. Die Tür öffnete sich. Er stand dort. Oberkörperfrei. Sein Haar war zerzaust. Seine Augen fanden meine. „Shelmi?“ „Ich kann nicht schlafen.“ „Ich auch nicht.“ Er trat zur Seite und ließ mich herein. Sein Zimmer war einfacher als das Penthouse. Ein Bettgestell aus Holz. Dicke Decken. Ein Fenster mit Blick auf den Innenhof. Der Vollmond hing tief und hell am Himmel. Ich ging zum Fenster und sah hinaus. „Hier bist du aufgewachsen“, sagte ich. „Ja.“ „Hier wurdest du zum Alpha.“ „Ja.“ Ich drehte mich zu ihm um. „Hier hast du mich zerbrochen.“ Er antwortete nicht. „Ich habe jeden Tag an dich gedacht“, sagte ich. Meine Stimme wurde leiser. „Jeden einzelnen Tag.“ Ich schluckte. „Ich habe dich gehasst. Ich wollte dich vergessen. Aber ich konnte es nicht.“ „Shelmi …“ „Ich konnte dich nicht vergessen.“ Meine Stimme brach. „Und ich habe mich dafür gehasst.“ Er kam langsam auf mich zu. Vorsichtig. „Ich habe auch an dich gedacht“, sagte er. „Jeden Tag. Jede Nacht.“ Er blieb vor mir stehen. „Ich habe dich aus den Schatten beobachtet. Ich habe deine Schulden bezahlt. Ich habe dich beschützt.“ Seine Stimme wurde rau. „Und ich habe mich dafür gehasst, dass ich dir die Wahrheit nicht sagen konnte.“ „Warum hast du es nicht getan?“ „Weil du das Recht hattest, mich zu hassen.“ Seine Augen wurden dunkel. „Weil ich deine Vergebung nicht verdient habe.“ Er blieb nur wenige Zentimeter von mir entfernt. „Und weil ich Angst hatte.“ Seine Stimme zitterte. „Ich hatte solche Angst, dass du trotzdem gehen würdest, wenn ich dir die Wahrheit erzähle.“ „Ich wollte sowieso gehen.“ „Ich weiß.“ Er hob die Hand zu meinem Gesicht. Sie zitterte. „Aber du bist jetzt hier.“ Seine Stimme wurde kaum hörbar. „Du bist geblieben. Und ich weiß nicht warum.“ Er sah mich an. „Aber ich bin dankbar.“ Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Jeden einzelnen Tag bin ich dankbar.“ Ich sah ihn an. Den Mann, der mich zerbrochen hatte. Der mich gerettet hatte. Der fünf Jahre lang allein in seiner eigenen Hölle ertrunken war. Er war nicht der Bösewicht, den ich aus ihm gemacht hatte. Er war einfach gebrochen. Genau wie ich. Ich hob die Hand. Meine Finger fanden seine. Ich drückte seine Hand gegen meine Wange. „Ich weiß nicht, ob ich dir vergeben kann“, sagte ich. „Ich weiß nicht, ob ich dir vertrauen kann.“ Ich atmete tief ein. „Aber ich möchte es versuchen.“ „Das ist alles, worum ich dich bitte.“ Er beugte sich vor. Seine Stirn berührte meine. Ich schloss die Augen. Und dann hörte ich es. Ein Heulen. Fern. Warnend. Demon versteifte sich. „Bleib hier“, sagte er. „Beweg dich nicht.“ Noch bevor ich antworten konnte, war er verschwunden. Ich rannte zum Fenster. Sah hinaus. Das Rudel versammelte sich im Innenhof. Wölfe in menschlicher Gestalt. Leuchtende Augen. Ausgefahrene Krallen. Demon stand in ihrer Mitte. Sein Handy lag an seinem Ohr. Dann drehte er sich um. Er sah zu meinem Fenster hinauf. Sein Gesicht war hart. Kalt. Kontrolliert. Unsere Blicke trafen sich. Dann formte er lautlos zwei Worte mit den Lippen. Sie sind hier. ENDE VON KAPITEL VIER
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