Die Braut Des Damons
POV: SHELMI LYN
Die Hochzeitskapelle roch nach billigen Zimtkerzen und Desinfektionsmittel.
Ich schritt in schwarzer Seide den Mittelgang entlang. Unter meinem Kleid drückte ein silbernes Messer gegen meinen Oberschenkel. Meine Hände waren ruhig.
Mein Herz war es nicht.
Zweihundert Wölfe beobachteten mich.
Ihre Blicke verfolgten jeden meiner Schritte. Ich hörte die geflüsterten Stimmen.
Gebrochene Wölfin.
Rudellos.
Seht euch ihre Kehle an.
Sie ist nicht einmal eine Luna.
Ich ging weiter.
Mein Rücken war gerade, mein Kinn erhoben, während meine Finger den Griff des Messers umschlossen, das unter meinem Kleid verborgen war.
Water Clinton saß in einem Rollstuhl vor dem Altar.
Blass.
Seine Wangen eingefallen.
Ein dünnes Lächeln lag auf seinem sterbenden Gesicht.
Er hatte mich vor drei Wochen angerufen.
Mein Sohn braucht dich.
Mein Rudel braucht dich.
Ich sterbe, und ich werde nicht zulassen, dass er noch länger davonläuft.
Ich hatte Nein gesagt.
Dann begann Hollow Energy zu versinken.
Schulden tauchten aus dem Nichts auf. Mitarbeiter wurden entlassen. Die Firma meines Vaters blutete aus, und die einzige Rettungsleine war ausgerechnet der Name, den ich geschworen hatte, für immer zu hassen.
Shaw.
Ich sagte Ja.
Demon Shaw stand vor dem Altar.
Schwarzer Anzug. Keine Krawatte. Die ersten drei Knöpfe seines Hemdes offen.
Seine bernsteinfarbenen Augen fanden mich in dem Moment, in dem ich durch die Tür trat.
Er sah nicht mein Kleid an.
Er sah nicht nach dem Messer, das an meinem Oberschenkel befestigt war.
Er sah auf meine Kehle.
Auf die Narbe.
Die Narbe, die er mir zugefügt hatte.
Für einen einzigen Moment zerbrach etwas in seinem Gesicht.
Dann lächelte er.
Kalt.
Leer.
Kontrolliert.
„Du bist spät“, sagte er.
Seine Stimme war tief und rau.
Ich lächelte zurück.
Gift gegen Gift.
„Ich hatte gehofft, du würdest gehen.“
„Niemals.“
Etwas in seiner Stimme ließ meine Wölfin aufhorchen.
Die Wölfin, die er vor fünf Jahren zum Schweigen gebracht hatte.
Die Wölfin, von der ich geglaubt hatte, sie wäre tot.
Sie war nicht tot.
Sie hatte nur gewartet.
William Black begann mit der Zeremonie.
Uralte Worte.
Alte Magie.
Die Wölfe antworteten mit einem leisen Heulen.
Blut wurde abgenommen.
Mein Blut.
Sein Blut.
Es wurde in einer silbernen Schale vermischt und mit einer Bindung versiegelt, die meine Wirbelsäule brennen ließ.
Die Rune.
Der Fluch, den mein Vater in meine Wirbelsäule eingebrannt hatte, als ich achtzehn war.
Er sollte mein Selena-Blut unterdrücken.
Er sollte mich schwach halten.
Er sollte mich langsam töten.
Die Verbindung mit einem Dämon machte ihn wütend.
Demon nahm meine Hand.
Nackte Haut auf nackter Haut.
Seine Handfläche war rau und heiß.
Meine Wölfin heulte in meiner Brust auf.
Das Band, das wir vor fünf Jahren zerrissen hatten, versuchte, sich erneut zu schließen.
Es tat weh.
Er drückte meine Hand einmal.
Eine Warnung.
Ein Versprechen.
„Du darfst die Braut küssen“, sagte William Black.
Demon beugte sich zu mir.
Seine Lippen streiften mein Ohr. Sein Atem roch nach Whiskey und Schmerz.
„Mach es nicht schwerer, als es ohnehin schon ist. Ich habe ein Jahr, um wiedergutzumachen, was ich zerstört habe. Fass mich nicht an, Shelmi. Sieh mich nicht so an.“
Ich hob den Blick.
Direkt in seine brennenden Augen.
„Ich fasse keine Monster an.“
Dann küsste ich ihn.
Hart.
Brutal.
Wütend.
Ein Kuss, der in Wahrheit eine Drohung war.
Seine Hände fanden meine Taille. Seine Lippen waren Feuer. Seine Zunge schmeckte nach Whiskey und Verzweiflung.
Ich schmeckte Blut.
Mein Blut oder seines.
Ich wusste es nicht.
Es war mir egal.
Fünf Jahre Hass ergossen sich in diesen Kuss.
Fünf Jahre Einsamkeit.
Fünf Jahre, in denen ich mich gefragt hatte, warum ich ihm nicht genug gewesen war.
Ich löste mich von ihm.
Seine Augen waren dunkel.
Wild.
Seine Brust hob und senkte sich schwer, während seine Hände noch immer meine Taille umschlossen.
Die Wölfin in mir lächelte.
Dieses Jahr würde uns beide zerstören.
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Der Empfang verschwamm zu einem Meer aus Champagner und falschen Lächeln.
Ich stand neben meinem neuen Ehemann.
Ich schüttelte die Hände von Wölfen, die mich vor fünf Jahren wertlos genannt hatten.
Jetzt lächelten sie.
Jetzt nannten sie mich Luna.
Sie taten so, als hätten sie nicht zugesehen, wie ich auf dem Waldboden verblutet war, nachdem Demon mir das Gefährtinnenmal aus der Kehle gerissen hatte.
Ich lächelte zurück.
Gift gegen Gift.
Halen Stone tauchte neben mir auf.
Er war Demons bester Freund.
Sein Anwalt.
Seine Stimme der Vernunft.
Und der einzige Mensch in diesem Raum.
Er sah aus, als wollte er überall sein, nur nicht hier.
„Geht es dir gut?“, fragte er leise.
„Bestens. Ich habe gerade meinen schlimmsten Feind geheiratet. Und wie geht es dir?“
Er verzog das Gesicht.
„Demon steht dort drüben. Er starrt dich seit einer Stunde an. Es sieht aus, als würde er dich entweder auffressen oder weinen wollen. Vielleicht beides.“
Ich sah nicht zu ihm.
„Er kann mich anstarren, so viel er will. Im Vertrag steht, dass Berührungen verboten sind.“
„Du hast ihn geküsst.“
„Im Vertrag steht nichts über Küssen.“
Ich lächelte süß.
„Dort steht nur, dass Berührungen verboten sind. Küssen ist keine Berührung.“
Halen schüttelte den Kopf.
„Du wirst noch sein Tod sein.“
„Gut. Er war schließlich zuerst mein Tod.“
Ich ließ ihn stehen.
Ich ging zum Ausgang.
Das Penthouse wartete.
Das Ehebett wartete.
Das Jahr aus der Hölle wartete.
Demon fing mich im Flur ab.
„Shelmi.“
Ich drehte mich um.
„Was?“
Er stand nahe bei mir.
Viel zu nahe.
Ich konnte ihn riechen.
Zedernholz.
Leder.
Kupfer.
Ich hatte ihn während des Kusses gebissen.
Sein Blut lag noch auf meinen Lippen.
Seine Hand bewegte sich auf mich zu.
Dann hielt sie inne.
„Das Penthouse. Wir werden es uns teilen.“
„Ich weiß. Getrennte Schlafzimmer. Es steht im Vertrag.“
„Ich will keine getrennten Schlafzimmer.“
Ich lachte.
Kalt.
Gebrochen.
„Pech gehabt. Du hast den Vertrag unterschrieben. Du hast die Regeln aufgestellt. Du hast mich einmal zerbrochen. Ich werde nicht zulassen, dass du es noch einmal tust.“
Seine Augen blitzten auf.
Der Wolf in ihm erwachte.
„Ich wollte dich niemals zerbrechen.“
„Du wolltest mich nicht zerbrechen?“
Ich lachte erneut.
„Du hast mir mein Gefährtenmal mit deinen Zähnen aus der Kehle gerissen. Du hast mich blutend auf dem Waldboden liegen lassen. Du hast mir gesagt, dass ich nichts wert bin. Du hast dafür gesorgt, dass das gesamte Rudel hörte, wie du mich wertlos genannt hast.“
Ich trat näher.
„Sag mir nicht, dass du mich nicht zerbrechen wolltest.“
Etwas in seinem Gesicht brach.
„Ich wollte dich retten.“
„Retten?“
Ein weiteres bitteres Lachen entkam mir.
„Wovor? Davor, dich zu lieben?“
„Davor, getötet zu werden.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Da war ein Scharfschütze. Bei deiner Wohnung. In der Nacht, in der ich dich zurückgewiesen habe. Ich hatte eine Wahl.“
Er trat näher.
„Ich konnte dich mich lieben lassen und zusehen, wie du stirbst.“
Seine Stimme zitterte.
„Oder ich konnte dafür sorgen, dass du mich hasst und am Leben bleibst.“
Seine Hand hob sich zu meinem Gesicht.
Doch sie hielt inne.
„Ich habe dich gewählt.“
Seine Augen brannten in meinen.
„Ich habe immer dich gewählt.“
Ich starrte ihn an.
Die Welt schien sich unter meinen Füßen zu neigen.
Ich glaubte ihm nicht.
Ich konnte ihm nicht glauben.
Denn wenn ich ihm glaubte, bedeutete das, dass ich fünf Jahre lang einen Mann gehasst hatte, der mich liebte.
Dann war ich diejenige gewesen, die sich geirrt hatte.
All die Mauern, die ich errichtet hatte, hatten mich vielleicht vor nichts geschützt.
„Ich glaube dir nicht“, sagte ich.
„Ich weiß.“
Er ließ seine Hand sinken.
„Aber das wirst du.“
Dann ging er.
Ich blieb im Flur stehen.
Mein Herz raste.
Meine Wölfin heulte.
Die Narbe an meiner Kehle brannte wieder, als wäre sie gerade erst entstanden.
Dieses Jahr würde mich zerstören.
Und langsam begann ich zu glauben, dass ich es zulassen würde.
Das Penthouse war kalt.
Glas.
Stahl.
Schwarzer Marmor.
Bodenhohe Fenster mit einem Blick auf die texanische Hügellandschaft.
Eine Küche, die aussah, als hätte sie noch nie jemand benutzt.
Ein Kamin, der offenbar nur zur Dekoration diente.
Mein Schlafzimmer lag am anderen Ende des Flurs.
Weit entfernt von seinem.
Eine verschlossene Tür.
Eine tiefe Badewanne.
Ein Fenster, aus dem ich stundenlang hinausstarren konnte.
Ich stellte mich vor den Spiegel.
Dasselbe Gesicht.
Dieselben Augen.
Dieselbe Narbe.
Doch etwas hatte sich verändert.
Meine Wölfin regte sich.
Mein Selena-Blut erwachte.
Die Rune auf meiner Wirbelsäule brannte wie ein glühendes Eisen.
Ich berührte meine Kehle.
Die Narbe war erhaben und weiß.
Eine dauerhafte Erinnerung.
Doch darunter spürte ich etwas Neues.
Das Band.
Er hatte es mit diesem Kuss wiederhergestellt.
Ich konnte ihn jetzt spüren.
Seine Anwesenheit.
Seine Wut.
Seine Verzweiflung.
Er war nur drei Wände von mir entfernt.
Er lief auf und ab.
Schuldig.
Liebend.
Ich konnte alles fühlen.
Ich hätte Angst haben sollen.
Stattdessen fühlte ich etwas, das ich seit fünf Jahren nicht mehr gespürt hatte.
Hoffnung.
Ich wollte keine Hoffnung.
Hoffnung war gefährlich.
Hoffnung hatte mich schon einmal zerstört.
Hoffnung hatte mich glauben lassen, dass er mich liebte, bevor er mir mit seinen Zähnen die Kehle aufgerissen hatte.
Doch das Gefährtenband war echt.
Es log niemals.
Und es sagte mir, dass Demon Shaw mich noch immer liebte.
Ich schlief in meinem kalten Bett ein.
Noch immer trug ich mein Hochzeitskleid.
Das silberne Messer war noch immer an meinem Oberschenkel befestigt.
Ich träumte von Feuer.
Und dann schloss sich das Band vollständig.
Vollkommen.
Endgültig.
Ich spürte alles.
Seinen Hunger.
Seine Reue.
Die fünf Jahre, in denen er mich aus den Schatten heraus beobachtet hatte.
Die Schulden, die er für mich bezahlt hatte.
Die Feinde, die er getötet hatte, um mich zu beschützen.
Seine Liebe.
Alles davon.
Es traf mich wie eine gewaltige Welle.
Ich wachte keuchend auf.
Die Rune auf meiner Wirbelsäule schrie.
Meine Wölfin heulte.
Und Demon Shaw hämmerte gegen meine Tür.
„Shelmi.“
Seine Stimme war rau.
Verzweifelt.
„Mach die Tür auf. Ich kann dich spüren. Ich kann alles spüren. Bitte.“
Ich öffnete die Tür nicht.
Ich konnte nicht.
Denn endlich kannte ich die Wahrheit.
Er hatte nie aufgehört, mich zu lieben.
Und genau das war von allem das Erschreckendste.
ENDE VON KAPITEL EINS