Kapitel 1 - Die Überraschung -

680 Words
Kapitel 1 - La Sorpresa Elena Lucia Fernandes, Mitte zwanzig, liebte diese Momente zwischen Abschied und Aufbruch. Das Gefühl, etwas geregelt zu haben. Etwas Gutes getan zu haben. Saint-Tropez lag warm und träge hinter ihr, das Meer glitzerte, als wolle es Pierre, ihr bester Freund aus der College-Zeit, noch einmal versprechen, dass er hier richtig war. Das kleine Studio mit direktem Strandzugang hatte sie erst vor zwei Wochen für ihn gefunden, ein echter Glücksgriff. Er strahlte immer noch, als sie sich zum Abschied umarmten. „Ich kann dir nicht genug danken“, sagte er und lachte. „Das hier fühlt sich an wie ein neues Leben.“ „Du hast es dir verdient“, erwiderte Elena lächelnd. „Und sobald du richtig angekommen bist, werde ich dich besuchen. Eine kleine Auszeit.“ Pierre hob die Augenbrauen. „Wie damals? Im College, klingt nach Glück.“ Elena winkte schon, als sie ins Taxi stieg. „Miguel wird ziemlich überrascht sein“, sagte sie und schnallte sich an. „Ich komme einen Tag früher zurück. Ich hätte fast unseren Hochzeitstag vergessen.“ Der Taxifahrer lachte, als sie ungeduldig auf die Uhr sah. „Dann drücken wir mal aufs Gas.“ Während Barcelona näher rückte, war Elena gedanklich längst beim Abend. Ein Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant im Hinterhof, Lichterketten über ihnen, der kleine Brunnen, dieses sanfte Murmeln, das alles weich machte. Vielleicht ein gutes Glas Rotwein. Lachen. Nähe. „Junge Frau, wir sind da.“ Sie zuckte zusammen, bezahlte hastig, zog ihren Koffer aus dem Kofferraum und verschwand im Terminal. Am Flughafen gönnte sie sich einen Espresso, ein kleines Tiramisu – ein stiller Luxus. Dann blieb sie vor einem Schaufenster stehen. Victoria’s Secret. Warum eigentlich nicht? Es war ihr Hochzeitstag. Der schwarze Spitzenbody mit den feinen Cut-outs lag wenig später in ihrer Tasche. Mit leicht geröteten Wangen und einem Lächeln auf den Lippen ging sie zum Gate. Eineinhalb Stunden später landete sie in Barcelona. Ihr kleiner roter Fiat-500-Cabrio wartete geduldig in der Tiefgarage. Perfekt für diese Stadt. Und für das Leben, das sie sich hier aufgebaut hatte. Während sie durch die vertrauten Straßen fuhr, schlich sich ein Gefühl in ihren Bauch – leise und hartnäckig. Elena kannte dieses Gefühl. Und meistens hatte sie recht. Sie schob den Gedanken beiseite, parkte, griff nach ihren Koffer und dem kleinen schwarzen Geschenk. Es wird eine gute Überraschung, sagte sie sich. Eine sehr gute. Sie stellte den Koffer unten im Foyer ab. Das alte Stadthaus hatte keinen Aufzug, nur diese schmalen, hohen Treppen, die sich bis in den vierten Stock zu ihrer Wohnung zogen. In High Heels und mit Koffer war daran nicht zu denken. Der Koffer wäre gleich eine Aufgabe für Miguel. Aber erst wollte sie ihn überraschen. Sie zog die Schuhe aus, nahm sie in die Hand und begann barfuß die Treppen hinaufzugehen. Allein schon wegen Doña Carmen, ihrer achtzigjährigen Nachbarin. Das Klackern der Absätze konnte die süße Omi nicht mehr ertragen. Und wer könnte ihr schon etwas abschlagen? Jede Woche brachte sie Elena ein kleines Gebäck mit nach oben, irgendeine neue Rezeptidee aus einer Zeitschrift. Wenn sie hier noch mehrere Jahre wohnen würde, müsste sie eher aufpassen, nicht in die Breite zu gehen. In Gedanken versunken stieg sie weiter hinauf. Erst im vierten Stock blieb sie stehen. Der Schlüssel lag schwer in ihrer Hand. Sie steckte ihn leise ins Schloss. Dann hörte sie es. Ein Geräusch, das hier nicht sein sollte. Ein Stöhnen. Leise zuerst. Dann deutlicher. Und eine Stimme, die Miguels Namen sagte. Elena blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie kannte diese Stimme. Zu gut. Und die Art der Geräusche ließ nur einen einzigen Schluss zu. Ihre Hand drückte die Klinke langsam nach unten. Die Tür öffnete sich. Was sie sah, raubte ihr den Atem. Ihr eigenes Bett. Verwühlt. Und Miguel – mit einer anderen Frau. Für einen Moment starrte sie nur. Als hätte ihr Körper beschlossen, nicht mehr zu funktionieren. Alles, was eben noch leicht gewesen war, zerbrach- lautlos und endgültig. Ihre Vorfreude, ihre Liebe und ihr Vertrauen lagen in diesem Moment in Scherben.
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