Der Hof von Dravenmoor hatte seine eigene Sprache. Serapine hatte sie gelernt, wie alles andere in ihrem Leben: durch Beobachtung, durch Schweigen, indem sie sich so klein machte, dass die Leute vergaßen, dass sie da war, und Dinge sagten, die sie nicht hätten sagen sollen. Drei Tage im Ostflügel hatten ihr das gelehrt: Der Palast war ein Ort der Hierarchien. Jeder Wolf kannte seinen Platz, seine Position, seine Entfernung vom Einflussbereich des Alphas. Je näher man Kael Dravenmoor stand, desto mehr Macht besaß man. Je weiter entfernt, desto leichter war es, einen zu ersetzen. Sie hatte noch nicht herausgefunden, wo sie stand. Der Name des Betas war Daren Cole. Er war der Mann, der ihr am ersten Abend die Vertragsmappe über den Tisch geschoben hatte, und er war der Mann, der sie jeden Morgen mit einem auf dickem, cremefarbenem Papier gedruckten Zeitplan besuchte, als wäre sie eine Art Würdenträgerin und nicht eine gekaufte Frau. Sie genoss die Inszenierung. Sie spielte mit. „Der Alpha bittet um Ihre Anwesenheit bei der heutigen Sitzung“, sagte Daren am vierten Morgen mit professionell neutralem Ton. „Es handelt sich um eine politische Sitzung. Sie werden vorgestellt.“ „Vorgestellt als was?“ Eine kurze, aber bedeutsame Pause. „Als Gast des Hofes“, sagte er. Ein Gast. Sie lächelte beinahe. „Selbstverständlich.“ An diesem Abend kleidete sie sich sorgfältig. Nicht um Eindruck zu schinden – sie hatte kein Interesse daran, irgendjemanden in diesem Palast zu beeindrucken. Sie trug Kleidung wie eine Rüstung. Dunkelgrüne Seide, weich und fließend, nicht eng anliegend oder hauteng. Ihr Haar war offen, eine bewusste Weichheit, die sie bei Bedarf zu ihrem Vorteil nutzen konnte. Doch die silberne Kette ließ sie auf dem Schminktisch liegen. Sie würde auf einer Party keinen Gürtel tragen. Die Party fand in der großen Halle statt – einem Raum, der es schaffte, gleichzeitig kühn modern und uralt zu wirken, ganz aus dunklem Stein und mit bodentiefen Fenstern, die den Blick auf den mondbeschienenen Wald freigaben. Vierzig, vielleicht fünfzig Wölfe in prächtigen Gewändern, alle strahlten ein eigentümliches Selbstbewusstsein und eine Macht aus, die aus der Erkenntnis erwuchsen, dass sie in ihrem Leben nie machtlos gewesen waren. Serapine trat ein, und alle Blicke im Raum richteten sich auf sie.
Sie hielt das Kinn aufrecht. Sie lächelte niemanden an. Kael war am anderen Ende des Raumes, und sie spürte ihn, bevor sie ihn sah – dieses Ziehen wieder, leise und eindringlich, wie ein zweiter Herzschlag, der leicht aus dem Takt mit ihrem eigenen war. Er unterhielt sich mit zwei älteren Männern, seine Haltung entspannt, wie es sich Mächtige leisten konnten, sein Gesichtsausdruck verriet absolut nichts. Er sah sie nicht an, als sie eintrat. Sie redete sich ein, dass das in Ordnung war. „Du bist das Voss-Mädchen.“ Die Stimme war nicht unangenehm, aber auch nicht freundlich. Es war die Stimme einer Frau, etwa zehn Jahre älter als Sera, mit dunklem Haar und markanten Gesichtszügen, eine Schönheit, die eher kultiviert als angeboren war. Sie erschien mit zwei Weingläsern neben Seraphine und bot ihr eines mit einem Lächeln an, das ihre Augen nicht erreichte. „Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennengelernt“, sagte Seraphine, nahm das Glas, trank aber nicht daraus. „Maren Cole.“ „Darens Schwester.“ Eine Pause. „Ich kümmere mich um die Angelegenheiten des Palastes.“ „Das heißt, praktisch gesehen kümmere ich mich um den Großteil dessen, was hier wirklich zählt.“ „Das sollte zufriedenstellen.“ Marens Lächeln wurde etwas breiter – sie revidierte ihre Meinung. „Du bist nicht so, wie ich dich erwartet habe.“ „Das sind die meisten Menschen nicht.“ Ein kleines Lächeln. Vielleicht war es sogar ein ehrliches Lächeln. „Nein. Ich glaube nicht.“ Sie warf einen Blick zu Kaels Seite des Raumes. „Er hat dich noch nicht bemerkt. Das ist übrigens kein Zufall. Er will dem Gericht etwas klarmachen.“ „Was will er damit?“ „Dass du ihn nicht aus dem Konzept bringst.“ Maren nahm einen Schluck Wein. „Was bedeutet, dass du es tust.“
Seraphine sagte nichts. Sie betrachtete das Weinglas in ihrer Hand – unberührt, das tiefrote Glas spiegelte sich im Dämmerlicht – und überlegte angestrengt, was es bedeutete, dass eine Frau, die sie erst seit vier Minuten kannte, ihr das sagte. Entweder ist sie freundlich, dachte Sera, oder sie will etwas. In diesem Palast, vermutete sie, war die Antwort meist beides.