Kapitel Drei

711 Words
Nicht der Wald, den sie durch die Palastfenster gesehen hatte, nein. Dieser Wald war älter, wilder, ein Wald, wie er vor Landkarten, Grenzen und der Grausamkeit derer existiert hatte, die Frauen wie eine Währung verkauften. Die Bäume hatten silberne Rinde und waren riesig, ihr Blätterdach bedeckte den gesamten Himmel, und der Mond hing so tief, dass sie ihn fast berühren konnte. Sie rannte. Nicht auf etwas zu, sondern auf etwas zu. Ihr Wolf war ausgebrochen, ihre Pfoten ruhten noch auf der dunklen Erde, und alles in ihr sang eine uralte Sprache. Sie rannte und rannte und rannte, bis sie schließlich stehen blieb, nicht wegen eines bestimmten Grundes, sondern wegen etwas, einer Präsenz, gewaltig und warm, die aus dem Schatten zwischen den Bäumen hervortrat. Sie sah sein Gesicht nicht. Sie musste es nicht sehen. Sie erwachte keuchend, die Hand flach auf der Brust, ihr Wolf kreiste wild in ihr wie ein eingesperrtes Wildtier. Die Uhr auf ihrem Nachttisch zeigte 3:17 Uhr. Irgendwo draußen, so schwor sie, hörte sie in der Dunkelheit des Palastes eine Tür zuschlagen. Sie sprach nicht über ihren Traum. Sie verdrängte ihn zu all den anderen Dingen, die sie ignorieren musste – eine Kategorie, die in letzter Zeit unangenehm groß geworden war – und widmete sich weiterhin dem Überleben eines weiteren Tages innerhalb der Mauern von Dravenmoor. Die Tage hatten nun einen festen Rhythmus. Morgens ein Zeitplan von Daren. Mahlzeiten, die sie meist allein einnahm. Nachmittage in der Bibliothek des Ostflügels, einem Ort, der ihre Existenz scheinbar völlig ignorierte und ihr daher Sicherheit bot. Sie las Rudelgesetze. Alte Geschichtsbücher. Solche komplexen politischen Texte hätte sie in einem anderen Leben gemieden. Doch jetzt las sie sie, denn Wissen war ihre einzige Waffe, und sie strebte danach, dieses Wissen zu vertiefen. Maren Cole besuchte sie manchmal. Offiziell, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Doch Seraphine vermutete, dass sie in Wahrheit von so etwas wie echter Neugier getrieben war – etwas, das in einem Palast voller Menschen, die Loyalität nur vortäuschten, ihrer Meinung nach selten war. „Du liest die Dravenmoor-Abkommen“, sagte Maren eines Nachmittags und ihr Blick wanderte zu dem Buch in Seras Händen. „Ist das erlaubt?“ „Nicht verboten“, antwortete Maren und setzte sich Sera gegenüber. „Aber die meisten Leute finden sie unverständlich.“ „Die meisten Leute versuchen gar nicht erst, genau zu verstehen, welche Rechte sie haben und welche nicht.“ Eine Pause. Dann sagte Maren leise: „Du bist klüger, als er denkt.“ Seraphine blätterte um. „Die meisten Leute sind es.“ Es war Donnerstag. Es war unscheinbar, wie die lebensverändernden Ereignisse in ihr Leben zu treten schienen. Sie überquerte den Hauptflur auf dem Rückweg von der Bibliothek, die Arme voller Bücher, ohne auf ihren Weg zu achten, bog um eine Ecke und rannte direkt gegen eine Wand. Oder besser gesagt, in Kael hinein. Die Bücher lagen verstreut auf dem Boden. Sie stolperte, und seine Hand packte ihren Arm – rein reflexartig, nichts weiter als die automatische Reaktion eines Menschen mit guten Reflexen auf etwas, das sich näherte. Seine Finger umfassten ihren Unterarm, und die Welt – schien für einen Moment stillzustehen. Es dauerte keine zwei Sekunden. Seine Hand auf ihrem Arm, ihr Gesicht ihm zugewandt, so nah, dass sie seine eiserne Fassung für einen Moment bröckeln sah, nur an den Rändern, wie Frost auf Glas, der zu schmelzen beginnt. Die Anziehungskraft war nicht länger subtil. Sie durchflutete sie wie eine Flutwelle, ihr innerer Wolf kämpfte wild gegen ihre Rippen, und sie sah die Anspannung in seinem Kiefer, sah den genauen Moment, als er begriff, was geschah. Was der Mond ihr seit ihrer Ankunft versucht hatte zu sagen. Er nahm die Hand weg. Trat zurück. Bückte sich, um das nächste heruntergefallene Buch aufzuheben. Legte es auf den Stapel, den sie mit zitternden Händen neu ordnete. Sein Gesicht war wieder ruhig. Verschlossen. „Pass auf, wo du hinläufst“, sagte er. Und er ging. Seraphine stand lange im Flur. Vorbestimmte Seelenverwandte, flüsterte etwas in ihrem Hinterkopf, etwas Uraltes, etwas Instinktives und Unveränderliches, etwas, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, etwas, das absolut nichts mit Büchern, Forschung oder rationalem Denken zu tun hatte. Die Verbindung. Das Erkennen. Sie verdrängte den Gedanken tief in sich und ging weg.
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