Kapitel Vier

560 Words
Sie plante es, wie sie alles plante: ruhig, methodisch, mit der Zielstrebigkeit einer Frau, die wusste, dass Panik ein Luxus war, den sie sich nicht leisten konnte. Zwei Wochen. So lange brauchte sie, um alles Nötige zusammenzutragen, ohne Verdacht zu erregen. Eine kleine Tasche, die sie unauffällig tragen konnte. Bargeld – physische Scheine, nicht nachverfolgbar, langsam angesammelt von dem Haushaltsgeld, das Daren wöchentlich auf ein Konto in ihrem Namen einzahlte, als wäre sie eine Gästin mit Zulagen und keine Gefangene mit einem Stipendium. Kleidung, die nicht der seidenen, eleganten Eleganz entsprach, die der Palast von ihr zu erwarten schien. Eine falsche Identität, die sie heimlich über Kanäle aufgebaut hatte, von denen sie in den Dravenmoor-Abkommen gehört hatte – dem geheimen Netzwerk des Rudels für Wölfe, die beseitigt werden mussten, was ihr auf wunderbare Weise ironisch vorkam. Sie hatte einen Dienstag gewählt. Dienstags passierte nie etwas. Der Palast hatte seine Routine, ein Muster, das sie mittlerweile kannte: welche Wachen abgelöst wurden, welche Korridore zwischen Mitternacht und 2 Uhr unbewacht waren, welche Tür im Erdgeschoss des Ostflügels ein Schloss hatte, das sich nicht richtig schließen ließ, wenn man den Griff im genau richtigen Winkel anhob und drehte. Dreimal hatte sie es geübt. Sie war bereit. Sie wartete bis 1:40 Uhr. Der Palast war eine Stunde zuvor in Stille versunken, jene Stille, die nur ein schlafendes Gebäude kennt, erfüllt vom Atem, knarrenden Steinen und einer fernen, traumlosen Dunkelheit. Sie zog sich an und saß genau sechzig Sekunden lang auf der Bettkante. Nicht aus Zweifel. Sie hatte genug vom Zweifeln. Sie saß da, weil sie sich an diesen Raum erinnern wollte, nicht mit Zärtlichkeit, sondern mit Klarheit. Sie wollte den wunderschönen Käfig noch einmal betrachten und sich genau erinnern, warum sie ihn verlassen hatte. Damit sie später, wenn es schwierig wurde, das, wovor sie geflohen war, nicht verklärte. „Eine leere Hülle“, sagte sie leise zu dem Raum. „Mehr war ich hier nicht.“ Sie stand auf und griff nach ihrer Tasche. Sie sah nicht zurück. Das Erdgeschoss war dunkel und roch nach altem Stein. Ihr Wolf war still, nicht ruhig, sondern konzentriert, all ihre Instinkte auf einen einzigen Punkt gerichtet. Lautlos bewegte sie sich. Ihr Gestaltwandlerblut hatte ihr einige Gaben verliehen, doch eine davon war die Fähigkeit, sich durch dunkle Räume zu bewegen, als gehöre sie dorthin. Die Tür, ihr kaputtes Schloss, war genau so, wie sie sie verlassen hatte. Sie hob den Riegel an, drehte ihn, spürte, wie das Schloss nachgab – Nachtluft. Kalt und weit und duftend nach Kiefern, Frost und Freiheit. Sie durchquerte den Hof im Schatten. Durch das Nebentor, das der Nachtwächter offen gelassen hatte, weil er dort zwischen seinen Runden rauchte – sie hatte ihn elf Nächte lang beobachtet, dessen war sie sich sicher. Den langen Kiesweg entlang, der sich von der Ostfassade des Palastes wegschlängelte. Am Waldrand. Der Wald verschlang sie. Sie rannte. Nicht in Wolfsgestalt, zu auffällig, zu leicht an ihrem Geruch in dieser Gestalt aufzuspüren. Sie rannte in Menschengestalt, schnell und geduckt, tiefer in die Bäume hinein, im Mondlicht, wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte, als sie noch jung genug war, um es für Zauberei und nicht für einen praktischen Rat zu halten. Der Mond weiß immer, wohin er geht, hatte ihre Mutter gesagt. Folge ihm, wenn du dich verirrt hast. Sie hatte sich nicht verirrt, aber sie folgte ihm trotzdem.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD