Kapitel Fünf

1269 Words
Fünf Jahre später hieß das Café „Zaunkönig“. Seraphine hatte den Namen sorgfältig gewählt – klein, unauffällig, ein Name, der niemanden verwundern würde. Ein Zaunkönig ist ein unauffälliger Vogel. Das war der Plan. Fünf Jahre lang hatte sie bewusst ein zurückgezogenes Leben geführt, und es hatte funktioniert. Bis jetzt. Das Café lag an einer ruhigen Ecke in einer mittelgroßen Stadt, weit genug vom Wolfsgebiet entfernt, dass Wölfe nur gelegentlich vorbeikamen. Und wenn, dann waren es meist Wölfe, die ihre eigenen Dämonen jagten, nicht die anderer. Es gab sechs Tische, eine Bar mit vier Hockern, eine Kreidetafel mit Speisekarte, die Zara jeden Sonntagmorgen in der sorgfältigen, ernsten Handschrift einer Siebenjährigen neu zeichnete, und einen so kleinen Hinterraum, dass Seraphines Schreibtischstuhl an die Wand stieß, wenn sie sich zurücklehnte. Sie liebte es. Der morgendliche Ansturm – falls es in Millhaven überhaupt einen gab – dauerte gegen neun Uhr nicht mehr. Nach halb zehn herrschte eine stille Morgenruhe im Café – eine Stille, die Seraphine zu schätzen gelernt hatte: zwei Stammgäste mit Laptops, das leise Summen der Espressomaschine, das fahle Winterlicht, das durch die Fenster fiel. Sie wischte gerade die Theke ab, als ihr Handy klingelte. Zara: Eli hat schon wieder meine Buntstifte genommen. Seraphine: Gib sie zurück, Eli. Eli: Ich hab sie nicht. Rowan: Er hat sie. Ich hab's gesehen. Eli: Rowan, du bist eine Verräterin. Ihr Handy lag auf der Theke, und sie lächelte auf den Bildschirm. Dann legte sie es mit dem Display nach unten hin. Das war der Kern ihres Lebens: kleine Streitereien über Buntstifte, Brotdosen, Elternsprechtage und die zermürbende, aber schöne Erschöpfung, drei Kinder gleichzeitig großzuziehen – ohne Hilfe, ohne Unterstützung, ohne jemanden, der die ganze Wahrheit über sie kannte. Es war hart. Es war ihr Leben. Lieber würde sie die Welt in Brand setzen, als es jemand anderem zu überlassen. Sie sah ihn zum ersten Mal an einem Mittwoch. Er saß am Eckplatz am Fenster. Der mit dem wackeligen Bein, den alle mieden. Er hatte sich einen Kaffee bestellt, ohne in die Karte zu schauen, und ein Buch, das er seit seinem Hinsetzen nicht aufgeschlagen hatte. Er blickte auf die Straße hinaus. Oder zumindest wollte er, dass sie das glaubte. Seraphine hatte fünf Jahre damit verbracht, die subtile Kunst des unauffälligen Beobachtens zu perfektionieren. Sie erkannte sofort die Anzeichen von Gleichgültigkeit. Seine Körperhaltung. Wie sein Blick durch den Raum schweifte. Nicht ziellos, wie bei jemandem, der in Gedanken versunken war, sondern gezielt, systematisch den Raum absuchend. Er war ein großer Mann. Dunkles Haar. Vielleicht dreißig, vielleicht älter. Ein Gesicht, das man nicht deuten konnte. Breite Schultern, eindeutig genetisch bedingt, nicht antrainiert. Er roch nach Kiefern und Wildnis, nach der frischen Luft, die gerade in das Café strömte, und der Kühle, die er mit sich brachte. Wolf. Ihre Instinkte wurden geweckt. Nicht Angst. Nicht Wiedererkennen. Genau. Das Gefühl, das man hat, wenn man weiß, dass ein anderes Raubtier im Raum ist und man trotzdem nicht weiß, was man tun soll. Sie füllte seine Tasse nach, ohne dass er darum bat. „Du nippst schon seit vierzig Minuten daran“, sagte sie und stellte die frische Tasse vor ihn hin. Er blickte auf, sein Blick verweilte im Raum, der eine ungewöhnliche Farbe hatte. Bernstein, Kupfer, warm und ausgeglichen. Und als er lächelte, wusste er genau, was er tat. „Schuldig“, sagte er. „Ich mag die Atmosphäre.“ „Die Atmosphäre besteht aus sechs Tischen und einer Tafel.“ „Genau.“ Er umfasste die neue Tasse mit den Händen. „Seraphine, richtig? Die Besitzerin?“ „Die meisten nennen mich Sera.“ „Die meisten“, sagte er, als wären die Worte an sich schon faszinierend. „Ich bin Lio. Lio Ashvane.“ Der Name sagte ihr nichts. Sie verdrängte ihn in einer Ecke ihrer Erinnerung. Entweder war er ein Niemand, oder er war jemand, der nicht gern auffiel. Und ihrer Erfahrung nach war das eine ziemlich verbreitete Eigenschaft. „Genieß deinen Kaffee, Lio“, sagte sie und ging zurück zur Theke. Er kam am Donnerstag wieder, dann am Freitag und schließlich am darauffolgenden Montag. Immer der Eckplatz, immer die gleiche Bestellung, immer das Buch, das er nie las. In der zweiten Woche hatte Mira, seine einzige Angestellte, eine 23-Jährige mit einem ausgeprägten Geschäftssinn und keinerlei Ahnung von Wolfsrudeln, den Dreh raus. „Der Eckplatz ist wieder frei“, verkündete sie neben Sera stehend, ihre Stimme etwas zu lässig, etwas zu zurückhaltend, als wolle sie desinteressiert klingen. „Ich weiß.“ „Er gibt immer ein großzügiges Trinkgeld.“ „Das weiß ich auch.“ „Und er ist –“ „Geh und putz das Dampfrohr, Mira.“ Er hatte sich versehentlich den Kindern vorgestellt. Oder zumindest redete sie sich das ein, dass es ein wirklich ungünstiger Zeitpunkt war, dieser chaotische Dienstagnachmittag, an dem die Schule wegen eines Fortbildungstages für das Kollegium früher aus war und Seraphine keinen Babysitter gefunden hatte. Also hatte sie alle mit ins Café genommen und ihnen streng befohlen, ins Hinterzimmer zu gehen, ihre Hausaufgaben zu machen und um Himmels willen die Kunden nicht zu stören. Rowan kam nach elf Minuten aus dem Büro und steuerte auf die Gebäckvitrine zu. Eli folgte ihm, denn Eli folgte Rowan natürlich überall hin. Zara kam aus dem Büro, um die Lage zu beaufsichtigen, denn Zara beaufsichtigte alles. Seraphine kam aus der Küche und sah die drei an Lio Ashvanes Eckplatz stehen. Sie alle hatten diesen ernsten Gesichtsausdruck, den Kinder in neuen Situationen oft haben. Rowan sah neugierig aus. Eli hatte schon nach dem Buch auf Lios Schoß gegriffen. Zaras Blick war auf die Fremde gerichtet. Ihre Augen hatten die Farbe eines Wintersturms. Dieselbe Farbe wie Kaels. Sie ging mit der Schnelligkeit und Wendigkeit einer Frau auf die Kinder zu, die genau wusste, was kommen würde. Hinterzimmer. Ihre Worte hatten Gewicht. Kein Widerspruch. Die drei. Jetzt. Eli rührte sich nicht. Stattdessen sagte er etwas über die Jacke. Sie sei cool. Seraphine reagierte nicht. Eli. Sie hatte ihre Warnung ausgesprochen. Eli schwieg. Rowan war hilfreich. Sie sagte etwas über den Wolf auf dem Rücken der Jacke. Lio Ashvane blickte auf. Etwas lag in seinen Augen. Etwas Schnelles. Etwas zu Schnelles, um es zu deuten. Es war, als ob eine kleine Tür aufgeschwungen und wieder zugeschwungen wäre, bevor jemand hineinsehen konnte. Er sah die Kinder an. Dann sah er Seraphine an. „Wem gehören sie?“, fragte er. „Aus dem Hinterzimmer“, sagte Seraphine zu den Kindern. Gemurmel begleitete die drei auf ihrem Weg zur Tür. Sie wandte sich Lio Ashvane zu. Er hatte diesen Blick, weder aggressiv noch aufdringlich, sondern eher sanft, als ob er im Kopf rechnete und mit dem Ergebnis unzufrieden wäre. „Drillinge“, sagte er schließlich. „Das geht dich nichts an.“ „Nein“, stimmte er leise zu, den Blick immer noch auf seinen Kaffee gerichtet, sah sie dann aber wieder an. „Ich bin nicht hier, um dir Ärger zu machen, Sera.“ „Wozu bist du dann hier?“ Er hielt inne und ließ das Nachmittagslicht durchs Fenster fallen und sich in seinen goldenen Augen spiegeln. „Ich bin mir noch nicht ganz sicher“, sagte er, „aber ich glaube –“ er zögerte und wählte seine Worte mit ungewöhnlicher Bedacht, „ich glaube, du weißt schon, was ich sagen werde.“ Ihr Wolf regte sich jedoch, tiefer und komplexer als zuvor. Sie stand auf, nahm seine leere Kaffeetasse und ging, ohne ihm zu antworten. Ihre Hände zitterten, und zum ersten Mal seit fünf Jahren war Angst nicht die einzige Ursache für dieses Zittern.
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