Lio sagte es an einem Freitag. Sie hatte darauf gewartet, dass es früher passierte, hatte sich jeden Morgen innerlich darauf vorbereitet, wenn er hereinkam, und ihre Antwort im Hinterzimmer zwischen den Bestellungen durchdacht. Sie war bereit. Lio Ashvane hatte es einfach nicht eilig. Überhaupt nicht. Erst an jenem Freitag, drei Wochen nach seinem ersten Besuch an dem Eckplatz, sprach er die Worte, die alles veränderten. Das Café war still. Mira war früh nach Hause gegangen. Draußen hatte das Licht jenen gräulich-violetten Farbton angenommen, der ihr verriet, dass der Tag sich dem Ende zuneigte. Seraphine stapelte gerade Stühle auf die Tische, als Lio Ashvane durch die Tür trat. „Du hast es auch gespürt“, sagte er. „Am ersten Tag.“ Sie sah nicht auf. Sie hörte nicht auf, was sie tat. „Was hast du gespürt?“ Sie stellte den Stuhl ab und blieb vor ihm stehen. Er stand im Türrahmen, noch immer seinen Mantel an, als hätte er gehen wollen, es sich dann aber anders überlegt. Er sah sie mit kupferroten, warmen und besorgten Augen an. „Sag es“, sagte sie. „Ganz direkt. Ich habe keine Zeit für Rätsel.“ „Die Verbindung“, sagte er. „Die Seelenverwandtschaft. Du gehörst mir, Sera. Ich wusste das, seit ich hier reingekommen bin.“ Er hielt inne. „Ich glaube, du weißt es auch.“ Sie wusste es. Sie wusste es mit einer Klarheit und Ehrlichkeit, die sie schätzte, auch wenn es schmerzhaft war. Sie kannte die Anziehungskraft der Seelenverwandtschaft mit Lio. Anders in Wesen und Gefühl als das, was sie mit Kael empfand, aber genauso stark. Lios Anziehungskraft war wie Wärme, wie ein Feuer. Kaels Anziehungskraft war wie die Schwerkraft. Beide waren real. Beide waren gefährlich. „Setz dich“, sagte sie. Er setzte sich. Sie nicht. Sie blieb hinter der Theke stehen, das Café zwischen ihnen. Sie sah ihn an. „Ich möchte, dass du verstehst“, sagte sie. „Ich habe drei Kinder.“
Ich habe mir ein Leben von Grund auf neu aufgebaut. Fünf Jahre lang habe ich dafür gesorgt, dass mich nichts aus meiner Vergangenheit hier erreichen konnte. Und du – sie deutete auf ihn, auf dieses ganze unmögliche Durcheinander – was auch immer du bist, was auch immer das ist, ich kann es mir einfach nicht leisten. „Ich weiß“, sagte er. „Nein“, sagte sie. „Dann sag es mir.“ Sie sah ihn lange und eindringlich an. Er blinzelte nicht. Er hakte nicht nach. Er sah sie nur an, mit einer Geduld, die echt wirkte, nicht berechnend, und zu ihrem Ärger wusste sie nicht recht, was sie davon halten sollte. „Der Vater der Kinder“, begann sie und wählte ihre Worte sorgfältig. „Er ist kein stummes Relikt der Vergangenheit. Er würde nicht einfach so –“ Sie hielt inne und wählte ihre Worte sorgfältig. „Die Situation ist kompliziert.“ „Wie kompliziert?“ Sie hätte beinahe gelacht. Überschwänglich. Lio verstummte wieder. „Sucht er dich?“ „Ich weiß es nicht.“ Eine ehrliche Antwort. Eine Antwort, die sie nachts wach hielt. „Wahrscheinlich. Er ist nicht der Typ Mann, der Dinge einfach so hinnimmt. Wer ist er?“ Sie schüttelte den Kopf. Noch nicht bereit, es ihm zu sagen. Vielleicht nie. Lio senkte den Kopf und atmete tief durch, ganz im Hier und Jetzt. „Okay“, sagte er. „Ich verlange heute Abend nicht dein Vertrauen. Ich bitte dich nur –“ Er zögerte und suchte nach den richtigen Worten. „– uns die Tür noch nicht zu verschließen. Das ist alles.“ Sie ließ die Tür offen, nicht aus Mutlosigkeit oder Unmut, sondern weil sie sich nicht entscheiden konnte, welche sie öffnen sollte. Sie ließ sie einen Spalt breit offen, wie man im Winter ein Fenster öffnet – nur einen kleinen Spalt, durch den die beißende Kälte mit dem Luftzug drang. Lio ließ sich im Café nieder, so wie sich gemächliche Menschen in einen gemächlichen Rhythmus einfinden, der keine Eile erfordert. Er hetzte nicht und versuchte auch nicht, jemanden zu überreden. Er tauchte einfach auf, trank seinen Kaffee und hörte irgendwann auf, so zu tun, als würde er lesen, und fing tatsächlich an, sich mit den Leuten über Millhaven, über das Café selbst und über den winterlichen Dunst zu unterhalten, der von der Kreidetafel an der Wand hing. Kleinigkeiten. Unaufdringliche Dinge. Die Kinder gewöhnten sich innerhalb einer Woche an ihn, wie ein Raum sich an leise Schritte gewöhnt. Seraphine fand das sehr unfair.
Eli hatte Lio zum besten Menschen der Welt erklärt, weil Lio ihm einmal zwanzig Minuten lang die Funktionsweise der Espressomaschine so erklärt hatte, dass selbst ein Siebenjähriger sie verstehen konnte. Rowan mochte ihn, weil Lio ihr tatsächlich zuhörte, wenn sie von den Büchern erzählte, die sie verschlang. Zara brauchte etwas länger, um sich an ihn zu gewöhnen, wie immer bei Menschen. Sie beobachtete ihn aufmerksam mit ihren sturmgrauen Augen, die für ihr junges Alter erstaunlich viel zu sehen schienen. Doch eines Tages sagte sie mit ernster Stimme, als wäre sie eine kleine Richterin, die ein Urteil fällte: „Er riecht nicht gefährlich.“ „Das ist sehr beruhigend“, sagte Seraphine. „Ich wollte es dir nur sagen“, erwiderte Zara und wandte sich wieder ihren Hausaufgaben zu. Doch der Tag, an dem sich alles änderte, war ein Sonntag. Das Café war geschlossen. Seraphine zählte gerade im Lager den Warenbestand, als sie Lios Stimme aus dem Gastraum hörte. Er war gekommen, um das wackelige Tischbein in der Ecke zu befestigen, das mittlerweile ziemlich gefährlich geworden war. Sie hörte die Stimmen der Kinder und dann ihr Lachen.
Sie stand wie angewurzelt im Türrahmen und beobachtete. Eli machte eine Armbewegung, eine Geste, die die volle Bewegungsfreiheit eines Siebenjährigen erforderte. Rowan kommentierte das Geschehen. Zara unterbrach ihn mit der Präzision einer Nachwuchsredakteurin. Und Lio, der im Schneidersitz zwischen ihnen auf dem Boden saß, lachte, ein ehrliches Lachen, ohne Hintergedanken, ohne Tricks, ein Lachen, das von Menschen kommt, die Kinder liebenswert finden, anstatt sie zu erschöpfen. Er blickte auf, und sie spürte seinen Blick auf ihrem. Sie wandte den Blick nicht schnell genug ab. Was sich in seinem Gesicht zeigte, war weder Triumph noch Berechnung, sondern etwas anderes, Sanfteres, der Blick eines Mannes, der etwas will und es sich ehrlich und offen eingesteht. „Der Tisch ist gedeckt“, sagte er. „Danke“, antwortete sie. Und die Kinder, unzählige von ihnen, fingen an zu meckern, Wünsche zu äußern, und der Moment war dahin, verschluckt vom Chaos der Kinder, doch er hinterließ etwas, eine Wärme, die sie nicht erbeten hatte, eine Wärme, die sich in ihrer Brust einnistete, neben dem Schmerz aus ihrer Kindheit, mit dem sie gelernt hatte zu leben. In dieser Nacht lag sie im Dunkeln und sagte sich: Das ist keine gute Idee. Er ist nett, er ist geduldig, er kann gut mit Kindern umgehen, und dein Wolf will ihn, und so etwas kann dich zerstören. Und sie presste ihre Hand flach auf die Matratze, und doch, und doch, dachte sie, und doch wartete sie. Er küsste sie an einem Donnerstag. Oder genauer gesagt, er stand nah genug im Türrahmen des Cafés, als die kalte Luft hereinströmte, als die Schließzeit nahte und die Wärme des Kaffees in den Raum direkt hinter ihr zurückwich. Er sah sie so an, dass seine Absichten unmissverständlich waren, und dann wartete er. Dieses Warten war es, das es ein wenig bewirkte. Er wartete, berührte sie nicht, wartete, bis sie einen Schritt tat, den einen oder anderen, mit einer Art Warten, das sich wie der höchste Ausdruck von Respekt anfühlte. Sie verringerte den Abstand. Kurze, vorsichtige Schritte, und seine Hand hob sich, um ihr Gesicht zu umfassen, und die Bande der Liebe durchströmte sie, warm und stark, und ihr Wolf war für einen kurzen, strahlenden Moment vollkommen still, selig. Und dann trat sie zurück. Er hielt sie nicht auf. „Ich bin nicht …“ „Ich weiß“, sagte er leise, „ich weiß, dass du noch nicht bereit bist, aber ich gehe nirgendwo hin.“ Sie sah zu ihm in der Tür des kleinen, unscheinbaren Cafés auf, das sie von Grund auf aufgebaut hatte, und zum ersten Mal seit fünf Jahren spürte sie die Angst, etwas zu verlieren, das nicht ihre Kinder waren.
„Lio“, sagte sie vorsichtig. „Wenn der Vater der Kinder uns jemals erwischt …“ „Dann regeln wir das“, sagte er. „Gemeinsam.“ Beinahe hätte sie es gesagt. Beinahe hätte sie seinen Namen genannt: Kael Dravenmoor, Alpha-König, der mächtigste Wolf ihrer Generation. Sie sah, wie sein Selbstvertrauen einen Moment lang schwankte, sich dann aber wieder festigte. Doch sie sagte nichts. Stattdessen wünschte sie ihm eine gute Nacht, schloss die Café-Tür hinter ihm und stand im Dämmerlicht, den Rücken an die Tür gelehnt, die Finger an die Lippen gepresst. Ihr Wolf zitterte vor etwas, das nach Süße, Gefahr und Entschlossenheit schmeckte. Das Auto fuhr davon. Ihr Handy vibrierte. Eine Benachrichtigung der Schule. Eine Erinnerung, die Kinder am nächsten Morgen abzuholen. Sie las sie und kam wieder zu sich: Kinder, Routine, Überleben. Nicht fallen lassen. Doch noch während sich dieser Gedanke in ihrem Kopf formte, wusste sie, dass es zu spät war.