Kapitel 1: Der Geschmack von Asche
Das erste Zittern, das Silas spürte, kam nicht aus seinem Kopf, sondern aus seinem Mund. Ein Phantomgeschmack, beißend und metallisch, wie frisches Blut vermischt mit verbranntem Holz. Er hatte den Sonnenaufgang beobachtet – eine qualvoll schöne, selbst auferlegte Qual, seit fünf Jahren. Nicht von einem Fenster aus, sondern von der abgenutzten Feuerleiter seiner Wohnung im French Quarter, wo die feuchte Luft schwer war vom Duft von Kaffee und den Exzessen der vergangenen Nacht. Fünf Jahre, seit das fehlerhafte Ritual ihm seine Schnelligkeit, seine Kraft, seine ewige Jugend geraubt und ihn in diese verfallende sterbliche Hülle geworfen hatte, ihm jedoch den qualvollen Fluch gewährte, vollkommen lebendig und sich seiner Verdammnis bewusst zu sein.
Die unvollständige Heilung. Er spürte, wie die Sonne seine Haut wärmte; ein unermessliches Geschenk, das ihm lange verwehrt geblieben war, das nun jedoch ein schmerzhaftes Brennen auf seinem überempfindlichen Körper auslöste. Er konnte essen, er konnte schmecken, er konnte schlafen – obwohl der Schlaf ihm Alpträume bescherte, die so lebhaft waren, dass sie sich nicht von seiner Qual im Wachzustand unterscheiden ließen. Und er konnte sich erinnern. Gott, wie sehr er sich erinnern konnte. Jede Sünde, jeder Verrat, jedes Leben, das er mit eigener Hand genommen hatte, spielte sich in einer endlosen, seelenzerstörenden Schleife in seinem plötzlich zerbrechlichen Geist ab. Die Heilung hatte seine Seele nicht gereinigt; sie hatte sie lediglich in einem menschlichen Körper gefangen und ihn gezwungen, Zeuge seiner ewigen Verdammnis zu sein.
Er hustete, der gespenstische Geschmack brannte in seiner Kehle. Unter ihm erwachte die Stadt zum Leben. Eine Straßenbahn rumpelte vorbei, ihre Glocke läutete eine widerwärtige Melodie. Touristen schlenderten umher, Tassen Kaffee in der Hand, ahnungslos von dem uralten Schrecken, der unter ihnen stand. Wenn sie nur wüssten, dass dies Silas Blackwood war, die „Alte Geißel“, ein Name, der seit einem Jahrtausend voller Furcht geflüstert wurde. Er stieß ein raues, humorloses Lachen aus. Sie würden ihm nicht glauben. Er war ein Phantom seiner selbst, ein Geist, der in den Ruinen seiner vergangenen Sünden spukte.
Später in dieser Nacht, den geisterhaften Geschmack noch im Mund, fand er sich, wie so oft, in Elena Rodriguez’ Speakeasy wieder. The Velvet Shadow. Ein treffender Name für sein derzeitiges Dasein. Elena, mit ihren strahlenden, intelligenten Augen und einem Lächeln, das selbst sein gefrorenes Herz erwärmen konnte, schob ihm einen Eistee über die Theke.
„Du siehst heute Abend besonders gequält aus, Silas“, murmelte sie mit leiser, schnurrender Stimme. Sie war das, was er in diesem zerbrechlichen, neuen Leben am ehesten als Freundin bezeichnen konnte, oder vielleicht auch nur als Bekannte. Sie stellte nie Fragen, urteilte nie, bot ihm nur ein offenes Ohr und starke Drinks an. Er fragte sich oft, ob sie wirklich verstand, wie tief seine Verzweiflung reichte, oder ob das lediglich Teil seiner Anziehungskraft auf sie war.
„Nur die üblichen Phantome, Elena“, krächzte er, während seine Hand zitterte, als er sie durch sein schütteres graues Haar fuhr. Diese einfache Geste war eine schmerzhafte Erinnerung. Tausend Jahre lang hatte er Haar in der Farbe der Mitternacht gehabt, eine Hand, die Steine zermalmen konnte, Augen, die die Seele selbst verzaubern konnten. Und jetzt das.
Er beobachtete die anderen Gäste, ein lebhaftes Bild aus Lachen und Freude. Ein junges Paar, verschlungen in der ersten Blüte der Liebe, eine Gruppe von Musikern, die mit lebhaften Gesten ihren nächsten Auftritt besprachen. Solch flüchtige Freude. Er erinnerte sich an Jahrhunderte voller Momente wie diesen, Momente, die er zuvor nur beobachtet hatte, bevor er sich wie ein ausgehungerter Wolf auf sie stürzte. Der Hunger war nicht verschwunden; die Teilheilung hatte ihn lediglich unterdrückt. Seine uralte Blutgier brodelte noch immer im Hinterkopf – ein urzeitlicher, unstillbarer Drang, die Lebenskraft zu verschlingen, die von ihnen ausging. Es ging nicht mehr nur um Blut; es ging um alles.
Er sehnte sich nach dieser Verbindung, nach dieser einfachen, reinen Freude, doch der Geist seiner Vergangenheit rückte ihm zu nahe. In jedem Gesicht sah er ein potenzielles Opfer, in jedem Schatten sah er das Spiegelbild seines eigenen monströsen Selbst. Wie könnte er jemals ein Mensch sein, wenn jede seiner Zellen ein Denkmal der Unmenschlichkeit war?
„Manchmal, Silas“, sagte Elena leise und riss ihn aus seinen Gedanken, „muss man die Vergangenheit hinter sich lassen.“
Er lachte erneut trocken und humorlos. „Manche Vergangenheiten, Elena, lassen einen nie los.“
Er stand auf und drückte ihr ein paar zerknitterte Geldscheine in die Hand. Im Speakeasy wurde es immer lauter, die Musik der Band begann zu pulsieren. Er brauchte Stille. Er brauchte die kühle Nachtluft, um den Geschmack von Asche und das Flüstern seiner Vergangenheit zu übertönen.
Er ging durch die verwinkelten Gassen, angezogen von den älteren Stadtvierteln. Er kam an verzierten Eisenbalkonen vorbei, an Gaslaternen, die tanzende Schatten warfen, an moosbewachsenen Innenhöfen. Jeder Schritt war ein Spaziergang durch die Geschichte, eine persönliche Galerie seiner Sünden.
Dann, als er um eine dunkle Ecke bog, zerriss ein durchdringender Schrei die Nacht. Keine Musik, sondern ein rauer, uralter, neuer Schrei, der nicht nur durch die Luft hallte, sondern bis in seine Knochen drang. Der Schrei einer Frau, nicht aus Angst, sondern aus purem, unverfälschtem Entsetzen – der Art, die einem das Herz zerreißt.
Und mit dem Schrei verstärkte sich der gespenstische Geschmack in seinem Mund und wurde überwältigend real. Eine Erinnerung, so unverfälscht und eindringlich, überflutete seine Sinne: der Gestank von verbranntem Fleisch, der Geschmack von Asche und Eisen auf seiner Zunge, das triumphierende Dröhnen einstürzenden Mauerwerks.
Er stolperte und klammerte sich an eine Backsteinmauer, um Halt zu finden, während sein zerbrechlicher Körper heftig zuckte, ganz von der Vision überwältigt. Er sah sie – ein Gesicht, vor Qual verzerrt, die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen, ein Gesicht, das er erkannte, ein Gesicht, das er verdammt hatte. Er sah die Flammen in ihren Augen reflektiert, spürte ihre sengende Hitze auf seiner Haut und schmeckte den kupfernen Beigeschmack von frischem Blut, so real, als würde es ihm in diesem Moment die Kehle hinunterfließen.
Er erinnerte sich nicht nur. Er war dort. Er war er.
Und dann riss er die Augen auf und sah nicht mehr die brennenden Überreste der Vergangenheit, sondern die kühle, dunkle Gegenwart. Seine Teilheilung, die ihn reinigen sollte, hatte ihn direkt an den Ort seines historischen Verbrechens versetzt. Der Schrei verhallte in der Luft, doch die Echos … oh, die Echos, die fingen gerade erst an. Er blickte auf seine Füße hinab. Auf dem alten Kopfsteinpflaster lag ein kleines, kunstvoll geschnitztes Holzplättchen und wartete. Ein Symbol, das er seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hatte. Ein Symbol der Rache.
Er wurde nicht nur von seiner Vergangenheit heimgesucht; seine Vergangenheit war hier. Und sie wusste, dass er schwach war.