Kapitel 1
Nadias POV
Um es mir wegen Natalia heimzuzahlen, sperrt Damien mich in die kleine Speisekammer der Küche.
„Heute ist Natalias Geburtstag, und du hast nicht nur ihre Torte gestohlen – du hast sie ihr ins Gesicht geschmiert. Das ist deine Strafe“, faucht er.
„Ich war es nicht! Ich habe das nicht getan!“
„Nutze die Zeit, um darüber nachzudenken, was du getan hast. Niemand öffnet diese Tür, bis ich es sage.“
Doch ich komme nie mehr aus dieser Speisekammer heraus.
„Damien, weißt du überhaupt, dass heute auch mein Geburtstag ist? Dir liegt nur an Natalia. Wenn sie in der Nähe ist, existiere ich für dich nicht mehr. Damien, bitte!“ Doch die Tür knallt zu und lässt mich in der Dunkelheit zurück.
Er ignoriert mein Weinen und befiehlt allen, die Tür verschlossen zu halten.
„Niemand öffnet diese Tür, bis ich es sage“, sagt er.
Nachdem er gegangen ist, schaltet Natalia den Ofen ein. Ihr selbstgefälliges Lachen hallt draußen wider, während sie spricht.
„Du solltest sehen, was Damien mir diese Woche geschenkt hat. Ein Saphirarmband aus Paris, maßangefertigt. Und das nur zum Spaß. Er sagt, ich hätte es verdient, dafür, dass ich… nun, du weißt schon, was ertrage.“ Ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreicht.
„Er bringt mich morgen an die Küste. Eine private Villa, nur wir zwei“, fügt sie hinzu. „Oh, bevor ich es vergesse – Damien lässt heute Abend teures Feuerwerk für mich abfeuern“, neckt sie.
„Aber fühl dich nicht ausgeschlossen. Ich habe ein besonderes ‚Feuerwerk‘ nur für dich vorbereitet. Wenigstens wünscht dir hier jemand alles Gute zum Geburtstag.“
Ich verstehe es zu diesem Zeitpunkt nicht.
Nicht bis Mitternacht, als der Feueralarm der Küche schrillt und dicker Rauch meine Lungen würgt. Ich schreie um Hilfe, rufe Damien neunundneunzig Mal an, aber er legt jedes Mal auf. Mein Weinen wird vom Dröhnen des Feuerwerks draußen übertönt.
Die Flammen verschlingen mich. Das Feuer verbrennt meine Haut, doch der Schmerz ist nichts im Vergleich zu der Qual in meinem Herzen. Ich schreie um Hilfe. Meine Haut schmerzt, dann werden die Verbrennungen schlimmer, die Luft versengt meine Lunge noch stärker. Ich hämmere gegen die Tür, meine Schreie laut und verzweifelt – wie ein Geist, der nach Rache schreit.
Damit wird alles dunkel, während ich in mich zusammensacke. Das Leben entweicht aus mir.
Heute ist mein Geburtstag. Und er endet hier.
Während die Flammen mich verschlingen, flackert mein Leben wie eine brennende Filmrolle – heute und jedes gestrige Gestern.
Wie an jedem Geburtstag zuvor bin ich allein. Niemandem ist es wichtig. Nicht meinem Rudel, nicht meinen Adoptiveltern – Damiens Familie – und ganz gewiss nicht meinem Ehemann, Damien Blackwood, Alpha des Nightfall-Rudels.
Ich sitze auf der Kante meines eisigen Bettes und wünsche mir töricht, Damien könnte sich an diesen Tag erinnern. Dass er wie ein Wunder erscheinen würde… obwohl ich ihn seit Wochen nicht gesehen habe.
Ich erinnere mich, im Waisenhaus aufgewachsen zu sein, bis ich drei war. Damals fanden die Blackwoods mich – verlassen, ungesehen, ungewollt – und nahmen mich auf. Von diesem Tag an waren Damien und ich unzertrennlich. Er wurde mein Beschützer, mein Bruder.
Am ersten Tag, an dem ich in die Familie komme, küsst er meine Stirn. Alle scherzen darüber. „Er liebt sie“, sagt jemand. „Habe ihn noch nie so sanft gesehen. Könnte sie eines Tages ebenso gut heiraten.“ Alle lachen, aber ich bekomme es nicht aus dem Kopf.
‚Ich werde eines Tages Damiens Frau sein‘, denke ich.
Im College ist er immer für mich da. Einmal bekomme ich während meiner Periode Flecken im Unterricht. Es ist peinlich – Blut auf meiner Kleidung, Leute starren. Ich rufe Damien weinend an. Er eilt sofort herbei, bringt mir eine Binde und schirmt mich vor den Blicken aller ab. Er legt mir seine Jacke um und begleitet mich hinaus, fährt jeden an, der in unsere Richtung schaut. „Warum starrt ihr?“, sagt er bestimmt. „Zurück.“ An diesem Tag beschützt er mich wie niemand sonst.
Doch alles ändert sich, als ich ihm Natalia als meine Freundin vorstelle. Wir lernen sie im College kennen – sie ist lustig, selbstbewusst, alles, was ich nicht bin. Ich denke, sie wird eine gute Freundin für uns beide sein. Aber von diesem Moment an entfernt sich Damien von mir.
Er beginnt, Natalia zu lieben wie nie zuvor, behandelt sie wie seine wahre Jugendliebe. Sie verbringen die ganze Zeit zusammen, lachen, teilen Geheimnisse. Es ist, als würde ich in den Hintergrund verblassen.
Und unsere Ehe? Sie wird von unseren Eltern arrangiert, um die Bündnisse des Rudels zu stärken.
Ich denke sogar, sie würden heiraten – bis unsere Eheabsprache zustande kommt. Weil meine Adoptivfamilie, die Blackwoods, mächtig ist und sie glauben, ich sei die Richtige für ihn und Teil der Familie, wählen sie mich, um die Bindungen des Rudels stark zu halten.
Man sagt mir, dass Damien sich nach der Hochzeit in mich verlieben wird, wenn ich eine gute Luna bin. Doch diese Ehe ist die Hölle. Damien hasst mich nur noch mehr, weil er glaubt, ich hätte seine Chance bei Natalia zunichtegemacht.
Ich erzähle meinen Adoptiveltern von meinem unglücklichen Zuhause in der Hoffnung auf Hilfe, doch sie sprechen nur von Pflicht. „Das Bündnis hält unser Rudel sicher“, sagt meine Adoptivmutter.
„Halte durch, Nadia. Du kannst deine Ehe nicht wegen einer anderen Frau verlassen.“
Und heute ist mein Geburtstag, wie immer zuvor – niemand erinnert sich daran.
Als ich alle Hoffnung aufgebe, kommt Natalia herein und setzt sich neben mein Bett.
Sie zeigt mir ihr wunderschönes Kleid sowie die Knutschflecken unter dem Ausschnitt.
Vorgeblich schüchtern sagt sie: „Dein Ehemann ist wirklich grob. Ich bitte ihn immer wieder, sanfter zu sein…“
Ich bewahre einen ruhigen Gesichtsausdruck. „Bitte, Natalia“, sage ich leise. „Geh einfach.“
„Alles Gute zum Geburtstag. Oh, für uns“, verhöhnt sie mich und dreht eine Haarsträhne. „Wenigstens ist hier im Rudel jemand da, um dir alles Gute zum Geburtstag zu wünschen. Sei dankbar.“
Etwas in mir bricht. „Raus“, sage ich, meine Stimme fest. „Lass mich allein.“
Ihre Augen weiten sich, vorgetäuscht schockiert.
„Wie kannst du es wagen!“, faucht sie.
Bevor ich antworten kann, höre ich Schritte, die sich den Flur entlang nähern. Natalias Lippen verziehen sich zu einem hinterhältigen Grinsen. In einer schnellen, unbeirrten Bewegung greift sie nach der Torte und schmettert sie auf den Boden – rosa Zuckerguss spritzt durch den Raum.
Sie wirft sich zu Boden, täuscht einen Sturz vor und lässt ein dramatisches Schluchzen hören. „Nadia, warum hasst du mich?“, weint sie, ihre Stimme bricht. „Ich bin nur gekommen, um dir alles Gute zum Geburtstag zu wünschen!“
Die Tür schwingt auf, und Damien stürmt herein – diese Szene fällt ihm sofort ins Auge.
„Was zum Teufel soll das?“, knurrt er, sein Blick auf mich gerichtet. „Du eifersüchtige, boshafte Schlampe. Du hast die Torte ruiniert.“
„Ich habe nichts getan!“, protestiere ich, meine Stimme bricht. „Sie…“
„Genug!“, schilt er und packt meinen Arm. Sein Griff ist fest und hinterlässt blaue Flecken auf meiner Haut. „Du kannst es nicht ertragen, dass sie glücklich ist, oder? Du ruinierst alles, Nadia. Das tust du immer.“
Ich versuche mich loszureißen, Verzweiflung packt mich. „Damien, hör mir zu! Sie lügt!“
Aber er hört nicht zu. Das tut er nie. Er zerrt mich aus dem Zimmer, seine Finger graben sich in meinen Arm, während ich stolpernd versuche, Schritt zu halten. Ich bin daran gewöhnt – seine Wut, seine Strafen.
Er ignoriert mein Sträuben und stößt mich in diese kleine Vorratskammer. Ich verbrenne bei lebendigem Leib im Feuer, während sie lachen und das Feuerwerk genießen. Ich schreie verzweifelt um Hilfe, doch das Einzige, was antwortet, ist das sengende Feuer, das alles verschlingt…
Ich hasse dich, Damien. Wenn ich noch einmal von vorn beginnen könnte, würde ich mich nie für dich entscheiden.
Plötzlich höre ich eine Stimme.
„Schlafmütze! Wach auf!“ Sie durchdringt den Nebel – scharf und vertraut.
Meine Augen flattern auf, mein Körper ist schweißgebadet. Ich blinzle, fokussiere meinen Blick und erkenne, dass ich mich in einem vertrauten Zimmer im Familienanwesen befinde, auf dem Bett. Natalia steht über mir, die Arme verschränkt, die Lippen zusammengepresst.
„Warum schläfst du, als wärst du schwanger?“, sagt sie.
Ich blinzle, mein Blick klärt sich, während ich mich an die Erinnerung an den Ofen, das Feuer, den Schmerz erinnere – so lebendig.
War es ein Traum? „Welches Datum haben wir heute?“, frage ich.
„Häh? Hast du den Verstand verloren? Es ist der 13. September 2022“, sagt Natalia gleichgültig. „Du warst betrunken, hast Damiens Büro verwüstet und ihm gesagt, du würdest dich umbringen, wenn er nicht zurückkäme. Damien ist auf dem Weg. Er hat einen Hundert-Milliarden-Dollar-Deal mit der französischen Regierung sausen lassen, um herzukommen.“
Mir stockt der Atem.
2022? Das war vor drei Jahren – damals, als ich noch nicht mit Damien verheiratet war. Ich setze mich auf, meine Augen huschen durch den Raum. Nichts hat sich verändert. Der Spiegel, die Kommode – alles gleich. Was geht hier vor?
Der Ofen, die Schreie – alles fühlt sich so real an. Ich sehe Natalia an, dann meine Hände, und eile zum Spiegel, um meinen Körper zu untersuchen.
Er ist unverbrannt, makellos.
Habe ich dieses Leben schon einmal gelebt? Bin ich… wiedergeboren?