„Schön, dass du da bist, Elaine. Bitte, setz dich!“, sagte Alpha Efrein mit ruhiger Stimme, die jedoch das Gewicht seiner Autorität trug und die Luft sofort schwerer machte. „Wir haben dir etwas zu sagen.“
„Ich euch auch, Onkel Efrein. Es gibt etwas, das ich allen mitteilen möchte.“ Elaines Stimme trug eine erwartungsvolle Wärme. Ihre Worte waren begleitet von einem strahlenden Lächeln, das sich ganz natürlich auf ihre Lippen legte. Ihre Augen waren jedoch auf Michael gerichtet.
Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke. Sie erwartete, dass er zurücklächeln und ihre Freude widerspiegeln würde, aber stattdessen fing sie etwas anderes in seinem Gesichtsausdruck auf. Sein Kiefer spannte sich an und in seinen Augen lag ein Schatten. War es Schuld, vielleicht sogar Reue? Bevor sie sich sicher sein konnte, schaute er schnell weg und ließ sie mit einem leichten Stich der Verwirrung zurück.
Trotzdem würde ihre Freude heute Abend nicht getrübt werden.
Elaine fühlte sich, als würde sie leuchten. Jeder Teil von ihr strahlte vor Freude. Ihre Gefährtenbindung, die sie letzte Nacht entdeckt hatte, hatte ihr Herz bis zum Rand gefüllt. Ihr vorbestimmter Gefährte war Michael, der zukünftige Alpha des Silberklingenrudels. Der Mann, den sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte, und mit dem sie nun durch die Mondgöttin selbst verbunden worden war. Allein der Gedanke daran jagte ihr einen Schauer aus Stolz und Aufregung durch den Körper. Sie wollte nichts mehr, als es in die Welt hinauszuschreien.
An diesem Morgen war sie glücklich wie nie zuvor aufgewacht. Ihr Wolf schnurrte vor Zufriedenheit und die Gefährtenbindung flüsterte Versprechen einer Zukunft voller Stärke, Liebe und Einheit. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich vollständig. Obwohl sie allein aufgewacht war, beunruhigte sie Michaels Abwesenheit in ihrem Bett nicht. Sie verstand, dass seine Rolle unzählige Verantwortungen mit sich brachte. Vielleicht bereitete er sich auf die Veränderungen vor, die ihre Bindung mit sich bringen würde. Er hatte sie noch nicht markiert, aber sie schob es verständnisvoll beiseite. Sicherlich wartete er einfach nur auf den richtigen Moment, auf ihre offizielle Paarungszeremonie. So war Michael: verantwortungsbewusst, geduldig und ehrenhaft. Das glaubte Elaine zumindest.
Als Elaine an diesem Tag durch das Rudelhaus ging, platzte ihr Herz fast vor Freude. Die Wölfe, an denen sie vorbeiging, gratulierten ihr herzlich, während Lächeln ihre Gesichter erhellte. Jeder hatte es am Abend zuvor bei der Willkommensfeier gesehen. Wie ihre Wölfe sich erkannt hatten und ihre Gefährtenbindung Funken versprüht hatte. Es war unbestreitbar gewesen.
„Glückwunsch, Elaine!“, sagte eine ihrer Freundinnen und umarmte sie fest.
„Du wirst eine perfekte Luna sein!“, flüsterte eine andere bewundernd.
Elaine hatte jedes Wort mit Dankbarkeit angenommen und ihre Brust schwoll vor Entschlossenheit an. Jeder Segen, jedes Lächeln, jedes Schulterklopfen festigte das Versprechen, das sie sich leise selbst gegeben hatte: Sie würde die Luna werden, die dieses Rudel verdiente. Sie würde an Michaels Seite stehen, ihn als Alpha unterstützen und dem Silberklingenrudel mit all ihrer Kraft dienen.
Nun saß sie mit ihrer Familie und ihrem vorbestimmten Gefährten im Büro des Alphas und war bereit, ihre Freude offiziell zu teilen. Sie konnte es kaum erwarten, die Worte auszusprechen und zu verkünden, dass die Mondgöttin ihr Schicksal mit Michaels verbunden hatte.
Das Einzige, was den Moment trübte, war dieser seltsame Blick in seinen Augen. Aber sie sagte sich, dass es wahrscheinlich nichts war. Bald würde er lächeln. Bald würde alles perfekt zusammenpassen.
„Elaine ...“ Alpha Efreins Stimme war fest und es lag eine Schwere darin, die gegen die Wände des Raumes drückte. Sein Blick verweilte auf ihr und schien fast entschuldigend. „Wir müssen über das sprechen, was letzte Nacht passiert ist. Wir können deine Paarung mit Michael nicht genehmigen.“
Elaine blinzelte und vor Schock stockte ihr Atem in ihrer Kehle. Einen Moment lang dachte sie, sie hätte ihn falsch verstanden.
„Was, ähm, was meinst du damit? Nicht genehmigen?“, Ihre Stimme brach vor Unglauben und ihre Verwirrung sprach aus jedem Wort. „Die Mondgöttin hat uns zu Gefährten gemacht. Er ist mein vorbestimmter Gefährte! Das muss nicht extra genehmigt werden.“
Ihre Augen huschten verzweifelt zu ihren Eltern. Sie suchte Trost, Zusicherung, irgendetwas, das diesem Albtraum einen Sinn geben würde. Aber das Gesicht ihres Vaters war grimmig und der Blick ihrer Mutter schwer vor Trauer. Sie würden sie nicht unterstützen.
Panik begann sich in ihrer Brust auszubreiten. Sie wandte sich an ihre Schwester, dann an Michael. An ihren Gefährte, an den Mann, der ihr gehören sollte. Keiner von ihnen konnte ihr in die Augen sehen. Michaels Kiefer war angespannt und seine Schultern steif, während Kathy auf ihren Schoß starrte. Schuld zeigte sich in ihren zitternden Händen.
„Was ist hier los?“, flüsterte Elaine mit zitternder Stimme, während das Gewicht des Raumes sie erdrückte.
Es war Alpha Efrein, der ihr antwortete. Er sprach wohl überlegt, aber auch unerbittlich. „Elaine, Kathy ist schwanger vom zukünftigen Alpha. Sie hat jahrelang trainiert, um die Luna dieses Rudels zu werden. Sie und Michael haben sich schon vor langer Zeit füreinander entschieden. Er hat sie als seine Gefährtin ausgewählt.“
Seine Worte fielen wie Steine auf Elaine herab. Jedes einzelne zerschmetterte Elaines zerbrechliche Hoffnung ein Stück mehr. „Du kennst unsere Gesetze. Wenn der zukünftige Alpha seine vorbestimmte Gefährtin nicht vor seinem dreißigsten Geburtstag findet, darf er sich eine Luna auswählen. Michael hat seine Wahl getroffen.“
Elaines Atem ging schnell und ihre Brust hob und senkte sich. „Aber, aber er hat mich gefunden!“ Ihre Stimme erhob sich. Sie klang scharf und gebrochen. „Ich bin seine Gefährtin!“
Sie stand auf und ihre Hände ballten sich zu Fäusten, während ihr Wolf in ihrer Brust heulte.
Ihre Worte wurden mit Stille beantwortet. Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Die Wahrheit hing in der Luft wie eine grausame Schlinge.
„Niemand weiß, dass Kathy trainiert hat, um Luna zu werden!“, drängte Elaine weiter. Die Verzweiflung schnürte ihr die Kehle zu. „Niemand in diesem Rudel weiß, dass Michael bereits eine gewählte Gefährtin hat! Ihr habt das vor allen geheim gehalten! Ihr habt das vor mir geheim gehalten!“
Efreins Gesicht wurde ernst. „Wir haben es für den Fall geheim gehalten, dass Michael seine vorbestimmte Gefährtin doch noch finden würde. Aber Kathy ist nun bereits schwanger. Wir können nicht zulassen, dass der nächste Alpha unehelich geboren wird. Diese Entscheidung wurde bereits getroffen und ist endgültig.“
Nun ergriff Elaines Vater das Wort. Seine Stimme war leise, aber fest. Jedes Wort war purer Verrat. „Elaine, es geht nicht anders. Die Zukunft des Rudels darf nicht gefährdet werden. Kathy wird die Luna werden.“
In diesem Moment zerbrach Elaines Welt. Alle Gesichter im Raum verschwammen, während in ihren Augen Tränen brannten, die sie nicht fallen lassen wollte.
Ihre Eltern. Ihr Alpha und ihre Luna. Ihre Schwester. Sogar Michael. Sie alle hatten ihre Wahl bereits getroffen.
Sie war völlig allein und das war ein verheerendes Gefühl.
„Elaine ...“ Kathys Stimme war leise und zitternd, als sie versuchte zu sprechen. Aber sie verstummte in dem Moment, als sie Elaines Gesicht sah. Die Wut. Der Herzschmerz. Die stille Forderung: Sprich nicht mit mir!
Elaine wandte sich abrupt zu Michael und ihre Stimme brach. Sie war gleichermaßen von Liebe und Wut erfüllt. „Und was denkst du darüber, Gefährte?“
Michael sah sie schließlich an. Sein Blick war hart, obwohl seine Stimme mit Bedauern weicher wurde. „Ich weiß, dass das schmerzhaft für dich ist. Aber ich kann nicht zulassen, dass mein Nachkomme unehelich geboren wird. Ich muss an das Rudel denken.“
Elaines Brust schmerzte so stark, dass sie dachte, sie würde zerreißen.
„Du kannst deinen Sohn oder deine Tochter als dein eigenes Kind anerkennen“, sagte sie und ihre Stimme zitterte vor Verzweiflung. „Du musst das nicht tun! Du musst mich nicht verschmähen!“
Es brannte ihr auf der Zunge, zu sagen, dass er sie nicht ablehnen sollte. Aber sie hielt die Worte zurück. Denn sie hatte Angst, dass sie zu einer unwiderruflichen Wahrheit werden würden, wenn sie sie einmal aussprechen würde.
Michaels Kiefer spannte sich an. „Kathy bereitet sich seit Jahren auf diese Rolle vor. Sie ist darauf trainiert, Luna zu werden, und ...“
„Ich kann auch trainieren!“, unterbrach Elaine ihn scharf. Ihre Stimme erhob sich in einem Schrei, der die Stille durchbrach. „Ich kann lernen, ich kann härter arbeiten als jede andere! Ich kann die Stunden investieren, die Opfer bringen! Sag nicht, dass ich das nicht kann!“
Aber in Michaels hartem Blick lag eine Endgültigkeit. Er schüttelte langsam den Kopf. „Es tut mir leid, Elaine. Ich kann Kathy nicht im Stich lassen. Sie wird meine Luna werden. Das ist die beste Lösung für das Rudel.“
„Die beste ...“, wiederholte Elaine mit hohler, gebrochener Stimme.
Erst heute Morgen war sie mit Freude im Herzen aufgewacht und hatte davon geträumt, die Beste zu werden: die beste Luna, die beste Gefährtin, die beste Unterstützung für Michael. Sie hatte sich eine Zukunft vorgestellt, in der sie geliebt und geehrt werden würde, während sie an seiner Seite stünde.
Aber jetzt erkannte sie, dass dort bereits jemand anderes ihren Platz eingenommen hatte. Und sie hatte nichts davon gewusst.
Der Raum begann sich um sie zu drehen, die Stimmen ihrer Familie waren nichts als ferne Echos. Der Verrat schnitt tiefer in sie hinein, als es jede Klinge je könnte.
Ihre ganze Welt war zusammengebrochen.