Kapitel 3

1054 Words
Der Schmerz, der durch Elaines Brust schoss, war unerträglich. Roh, brennend, eine Qual, die sie nicht einmal ihrem schlimmsten Feind wünschen würde. Er höhlte sie von innen aus und ließ sie nach Luft schnappen, als könnte jeder Atemzug sie weiter zerschmettern. Unvergossene Tränen glänzten in ihren Augen und ihr Blick heftete sich verzweifelt an Michaels Gesicht. Sie flehte ihn stumm an, alles rückgängig zu machen, seine Meinung zu ändern und sie so zu sehen, wie sie wirklich war. Denn sie war seine Gefährtin, von der Göttin selbst für ihn auserkoren. Aber die Härte in seinen Augen sagte ihr alles, was sie wissen musste. Er hatte seine grausame Entscheidung bereits getroffen. Er hatte Kathy gewählt, ihre eigene Schwester. Elaines Stimme brach, als sie sich an ihre Familie wandte. Sie waren ihre letzte Hoffnung. „Und ihr?“, fragte sie. Ihr Blick wanderte von ihrem Vater zu ihrer Mutter. Suchend, flehend. „Stimmt ihr dem etwa auch zu?“ Die Schultern ihres Vaters sanken unter dem Gewicht ihres Blickes. Sein Ton war fest, aber seine Worte schnitten tiefer als jedes Messer. „Wir müssen an unser Rudel denken, Elaine. Nicht nur an unsere Familie, sondern an alle Wölfe, die von uns abhängen. Das ist größer als wir.“ Die Augen ihrer Mutter waren voller Trauer, aber ihre Worte trafen sie wie ein Hammer. „Deine Schwester ist schwanger, Elaine. Wir müssen also auch an das Baby denken.“ Elaines Herz zog sich so fest zusammen, dass sie dachte, es könnte ganz aufhören zu schlagen. Sie wandte sich Kathy zu und hoffte verzweifelt, dass ihre Schwester alles leugnen würde. Dass sie eine gute Schwester wäre und an ihrer Seite stünde. Aber auch in Kathys Augen schimmerte nichts als Bedauern. „Es tut mir so leid, dass das passiert ist, Elaine“, flüsterte Kathy mit zitternder Stimme. „Ich liebe dich. Ich wusste ja nicht, dass Michael dein Gefährte ist. Wenn ich nicht schwanger wäre, würde ich ihn dir überlassen. Das würde ich wirklich tun. Aber jetzt erwarte ich ein Baby. Ich kann das nicht tun ...“ Jedes Wort war ein weiteres Messer, das tief in Elaines Brust gestoßen wurde. Der Verrat war für sie unerträglich. Ihre Familie, diejenigen, die sie beschützen und vor Schmerz bewahren sollten, waren jetzt genau diejenigen, die sie zerstörten. Und das Schlimmste daran war, dass sie so taten, als würde sie nur eine grausame Pflicht erfüllen. Als wäre es edel, ihr Glück zu opfern. Etwas in Elaine verhärtete sich. Sie spürte, wie ihr Herz begann zu gefrieren, als würde sich ihre Seele hinter eisige Mauern zurückziehen. Sie erkannte dann mit tiefster Gewissheit, dass sie ihre Familie nie wieder auf dieselbe Weise ansehen könnte. Das war nicht mehr ihre Familie. Das war einfach nur noch die Beta-Familie des Rudels, die das Wohl des Rudels über alles stellte. Der Alpha und die Luna waren einfach nur Anführer, aber ganz sicher keine Beschützer. Und Michael? Er war nicht mehr ihr Gefährte. Er war einfach nur noch der zukünftige Alpha, nichts weiter. Elaine holte zitternd, aber bewusst Luft und zwang sich zur Ruhe. Sie würde ihnen ihren Schmerz nicht zeigen. Sie verdienten es nicht. Keiner von ihnen verdiente ihre Tränen, ihre Liebe oder ihr Vertrauen. „Also“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme blieb ruhig, fast distanziert. „Was werden wir jetzt tun, Alpha?“ Der gesamte Raum fiel in eine fassungslose Stille. Kein Geschrei, keine Tränen, kein verzweifeltes Flehen, nur eine eisige Ruhe, die niemand von Elaine je erlebt hatte. Es beunruhigte sie zutiefst, denn Elaine war nie kalt gewesen. Sie hatte immer Wärme und Licht ausgestrahlt. Sie war der Funke, der andere inspirierte. Jetzt war dieser Funke verschwunden, begraben unter ihrem gebrochenen Herzen. Alpha Efrein räusperte sich, aber sein Blick blieb düster. „Michael und Kathy werden nächsten Monat ihre Paarungszeremonie haben“, sagte er langsam. „Das Rudel weiß bereits, dass du Michaels vorbestimmte Gefährtin bist. Du musst also der Verbindung von Michael und Kathy öffentlich deinen Segen geben. Das Rudel muss vereint bleiben!“ Elaines Herz brach erneut. Jedes Wort verursachte einen weiteren Riss. Sie wollten nicht nur, dass sie ihren Gefährten opferte, sondern auch noch, dass sie lächelnd neben ihnen stünde und so täte, als würde sie ihre Verbindung unterstützen. Sie wollten, dass sie diese Demütigung als ihre Pflicht sehen würde. „Also“, sagte sie leise, aber mit Schärfe in ihrer Stimme. „Ihr wollt, dass ich meinen Gefährten, meinen von der Göttin gegebenen Gefährten, aufgebe und auch noch dankbar dafür bin?“ „Das habe ich nicht gesagt!“, schoss Alpha Efrein zurück und Frustration flackerte in seinen Augen auf. „Es spielt keine Rolle“, erwiderte Elaine. Ihre Stimme klang nun scharf und unerbittlich. „Ich bin diesem Rudel sowieso völlig egal.“ „Sag das nicht, Elaine!“, flehte Kathy und Tränen liefen ihr über die Wangen. „Das stimmt nicht!“ Elaine lachte bitter. Es war ein hohles Lachen, das alle Anwesenden frösteln ließ. „Elaine, bitte“, versuchte Kathy es erneut und trat einen Schritt vor. „Wir lieben dich! Wir wissen, dass du leidest. Aber wir müssen alle tun, was richtig für das Rudel ist. Ich wollte nie die Ursache deines Schmerzes sein. Ich wollte das nicht, Elaine! Aber bitte, bitte versteh das!“ Sie streckte die Hand aus und versuchte, Elaines Hand zu halten. Ihre Stimme brach, als sie flüsterte: „Bitte!“ Aber Elaine zog ihre Hand zurück, als könnte sie sich an der Berührung ihrer Schwester verbrennen. Sie hatte ihre Schwester einst vergöttert, geschätzt und über alles geliebt. Doch nun war sie die Quelle ihres tiefsten Schmerzes. Und Elaine konnte es nicht ertragen. Ihre Stimme war fest und klang endgültig. „Ich muss über das alles nachdenken. Ich muss von euch allen weg.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ignorierte den Chor von Stimmen, die ihren Namen riefen. Es waren die verzweifelten Schreie ihrer Familie, die versuchten, sie zu erreichen. Ihre Worte, ihre Entschuldigungen, ihre Bitten. Nichts davon zählte mehr. Sie schloss sie aus, versiegelte ihr Herz und mit einem letzten Akt des Trotzes schlug sie die Tür zu ihren Gedanken zu. In dem Moment, als sie versuchten, sie durch die Gedankenverbindung zu erreichen, blockierte sie sie alle. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Elaine wirklich allein.
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