Kapitel 4

1225 Words
Elaine rannte, als würde die Luft um sie herum sie ersticken und als ob die Wände ihrer Welt einstürzten. Es war ihr egal, wohin ihre Füße sie trugen. Sie wusste nur, dass sie fliehen musste. Weg von ihren Stimmen, weg von ihren Rechtfertigungen, weg von dem Verrat, der alles zerstört hatte, woran sie geglaubt hatte. Ihre Lungen brannten, ihre Brust hob sich, aber sie hielt nicht an, bis das vertraute Geräusch von rauschendem Wasser ihre Ohren erreichte. Ihr Rückzugsort. Der Wasserfall befand sich mächtig und ungezähmt nahe der Grenze des Territoriums. Sein stetiges Rauschen übertönte den Lärm der Welt. Es war ihr Zufluchtsort, die eine Ecke des Rudelgebiets, wo ihr niemand folgte, niemand etwas forderte, niemand über sie urteilte. Sie stolperte auf den Wasserfall zu und ihre Knie gaben schließlich unter ihr nach, als sie auf die feuchte Erde sank. Ihre Hände gruben sich in den Boden, ihr Körper zitterte heftig und endlich ließ sie alles raus. Ein roher, gebrochener Schrei riss aus ihrer Kehle, hallte über die Felsen und vermischte sich mit dem Donnern des Wasserfalls. Sie schrie erneut, nun noch lauter, bis ihre Stimme brach. Bis es sich anfühlte, als könnte der Klang sie selbst zerreißen. Die Tränen, die sie in jenem erstickenden Raum zurückgehalten hatte, flossen nun frei und unaufhaltsam. Sie liefen ihr über die Wangen so unerbittlich wie der Wasserfall vor ihr. Das rauschende Wasser wurde zum einzigen Zeugen ihres Schmerzes. Der endlose Strom des Wassers spiegelte den endlosen Schmerz in ihrem Herzen wider. Sie weinte um alles, was sie verloren hatte. Sie weinte um ihre Familie. Die Gefährtenbindung, über die sie sich immer definiert hatte. Die Beschützerrolle ihres Vaters, der ihr einst versprochen hatte, sie immer zu beschützen. Die Wärme ihrer Mutter, die einst ihr Trost gewesen war. Und die bedingungslose Liebe ihrer Schwester, die immer ihre beste Freundin gewesen war. Diese Bindungen waren verschwunden, sauber und gnadenlos durchtrennt. Was blieb, war nur Verrat und die Erkenntnis, dass ihre Familie das Wohl des Rudels über ihres gestellt hatte. Sie weinte auch um Michael, ihren Gefährten. Den Mann, der für immer ihr Gefährte hätte sein sollen. Ihre andere Hälfte, die ihr von der Göttin selbst gegeben worden war. Sie weinte um die gestohlene Zukunft, von der sie einst zu träumen gewagt hatte. Gefährtenbindung, Liebe, Freundschaft, Nächte voller Lachen und Welpen, die sie gemeinsam mit ihrem Gefährten großziehen wollte. All das war ihr entrissen worden, bevor es überhaupt beginnen konnte. Ihr Wolf heulte auf, klagte vor Schmerz und trauerte mit einem Heulen um ihren Gefährten, das tief in ihre Knochen drang. Der Klang war so durchdringend, dass er Elaine fast erneut in die Knie zwang. „Er hat uns nicht verlassen“, flüsterte ihr Wolf verzweifelt. „Sein Wolf will uns immer noch! Es war Michael, der diese Entscheidung getroffen hat, nicht sein Wolf!“ Aber die Worte brachten keinen Trost. Sie vertieften nur die Wunde. Wenn es Michael gewesen war, der diese Wahl getroffen hatte, dann bedeutete das, dass er entschieden hatte, dass sie nicht gut genug für ihn war. Sie war es nicht einmal wert, um sie zu kämpfen. Sie erinnerte sich an letzte Nacht. An das Feuer in seinen Augen, als sie entdeckten, dass sie Gefährten waren. Die Hitze seiner Berührung. Die Art, wie ihre Körper zusammenpassten, als wären sie füreinander bestimmt. Für einen Moment hatte sie daran geglaubt, dass sie eine gemeinsame Zukunft haben würden. Aber jetzt kannte sie die Wahrheit. Deshalb hatte er sie nicht markiert. Deshalb hatte er sich selbst in einem solch leidenschaftlichen Moment zurückgehalten. Er hatte Kathy bereits gewählt. Er hatte bereits gewusst, dass er sie verraten würde. Ein Schluchzen durchfuhr sie. Er hatte sie nicht nur abgelehnt. Er hatte sie benutzt. Ihren Körper, ihr Herz, ihr Vertrauen, wohl wissend, dass er nicht bei ihr bleiben würde. Sie hatte ihm alles gegeben, und dennoch war es nicht genug gewesen. Und am schlimmsten war, dass alle in jenem Raum diesem Verrat zugestimmt hatten. Ihr Vater. Ihre Mutter. Ihre Schwester. Der Alpha. Die Luna. Alle hatten schweigend zugesehen und es sogar noch gerechtfertigt, als wäre ihr Schmerz ein fairer Preis für das Wohl des Rudels. Ihre Brust hob und senkte sich und ihr Atem kam in flachen, ungleichmäßigen Zügen. Sie krümmte sich nach vorne und hielt ihren Bauch fest, als könnte sie sich physisch zusammenhalten. Als könnte ihr Körper vollständig auseinanderfallen, wenn sie losließe. Aber langsam begannen die Tränen zu trocknen. Der Wasserfall rauschte weiter, unaufhaltsam und gleichgültig. Als wollte er sie daran erinnern, dass die Welt nicht für ihren Schmerz stehen bleiben würde. Die Nacht vertiefte sich um sie herum und die Sterne begannen schwach über den Bäumen zu schimmern. Sie zwang sich, sich aufzurichten, obwohl ihr Körper noch zitterte. Sie konnte nicht hierbleiben und in ihrer Trauer ertrinken. Wenn sie im Rudelhaus bleiben würde, umgeben von Lügen und Verrat, würde sie verkümmern. Sie würde unwiderruflich zerbrechen. Nein, sie brauchte einen Plan! Ihr Geist begann zu arbeiten, zunächst zögerlich, aber mit wachsender Entschlossenheit. Sie konnte keinen weiteren Tag unter demselben Dach wie die Beta-Familie leben. Jeder Blick, jedes geflüsterte Wort würde sie ersticken. Sie konnte nicht zusehen, wie Michael mit ihrer Schwester herumspazierte, als wäre nichts geschehen. Sie würde das nicht überleben. Aber sie konnte das Rudel auch nicht einfach verlassen. Zumindest noch nicht. Nicht vor der Paarungszeremonie. Sie würden sie zwingen, daran teilzunehmen. Das wusste sie. Und wenn sie vorher verschwinden würde, würden sie sie jagen. Aber danach könnte sie verschwinden und sie würde niemals zurückkehren. Es gab niemanden mehr, für den es sich lohnte, noch hierzubleiben. Ihr Geist wanderte zu einem Ort, von dem sie einmal gehört hatte. Es war ein fast vergessenes Gebäude am äußersten Rand der Grenze. Ein Haus, in dem Wölfe, die auf ihre Bestrafung warteten, untergebracht worden waren. Mittlerweile war es verlassen und vollkommen der Wildnis überlassen worden. Niemand ging mehr dorthin. Also würde sie dorthin gehen. Sie musste nur noch einen Monat überstehen. Sie würde sich für einen Monat verstecken. Allein, unsichtbar für die Augen derer, die sie verraten hatten. Dort müsste sie kein falsches Lächeln aufsetzen. Dort müsste sie ihren Kummer nicht unterdrücken. Sie könnte sie selbst sein. Gebrochen. Wütend. Frei. Die einzige Zeit, in der sie sich verstellen müsste, wäre, wenn der Alpha ihre Anwesenheit forderte. Sie würde diese Auftritte minimal halten, sie schweigend ertragen und dann wieder verschwinden. Aber das würde eine gewisse Vorbereitung erfordern. Sie müsste ihre Position als Sekretärin des Betas aufgeben. Der Gedanke daran schmerzte sie. Es war die einzige Rolle, in der sie sich einst nützlich und wichtig gefühlt hatte. Aber sie konnte ihnen nicht länger dienen. Nicht nach dem, was sie getan hatten. Stunden vergingen, während sie an ihrem Zufluchtsort saß. Der endlose Rhythmus des Wasserfalls erdete sie, während sie die Fragmente ihres Plans zusammenfügte. Erst als der Mond hoch am Himmel stand und das Dunkel der Nacht sie umhüllt hatte, bemerkte sie, wie viel Zeit vergangen war. Die Welt war jetzt still, abgesehen vom Wasser und dem leisen Flüstern des Windes in den Bäumen. Durch die Rudelbindung spürte sie den schwachen Druck der Stimmen ihrer Familie. Beta Richard, ihre Mutter Lucille, sogar Kathy, alle versuchten, sie zu erreichen. Sie fragten, ob sie in Sicherheit sei. Aber ihr Geist war verschlossen und versiegelt. Sie würde sie nicht hereinlassen. Nicht heute Nacht. Diese Nacht war für die Trauer. Diese Nacht gehörte ihrem Kummer. Morgen würde sie wieder stärker sein ...
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