„Genug jetzt!“, Alpha Efreins Stimme durchschnitt die drückende Stille im Büro. Sein Ton war scharf und gebieterisch. Doch darunter lag eine subtile Dringlichkeit. Er wollte die Kontrolle über dieses Treffen zurückerlangen, bevor es noch weiter außer Kontrolle geriet.
Später, sagte er sich, würde es noch genug Zeit geben. Zeit, um ausgiebig mit Elaine zu sprechen, um ihre Wunden zu heilen und sie daran zu erinnern, dass sie geliebt wurde. Später würde es genug Zeit geben, ihre zerbrochenen Bindungen zu reparieren.
Für den Moment jedoch mussten die Bedürfnisse des Rudels an erster Stelle stehen. Das Rudel kam immer zuerst. So war es eben. Das Überleben des Rudels, der Erbe, den Kathy nun in sich trug, und die Stabilität ihrer Zukunft. Das waren nun die Prioritäten.
Er richtete seinen Blick auf Elaine und sprach vorsichtig, fast sanft. „Elaine, du hast gesagt, du wolltest über Michaels und Kathys Paarungszeremonie sprechen. Ich weiß, dass das, was wir von dir verlangen, schmerzhaft ist, aber du musst verstehen, dass uns die Hände gebunden sind. Kathy ist bereits schwanger mit dem zukünftigen Erben und Michael hat sie lange bevor er wusste, dass du seine Gefährtin bist, als seine Luna gewählt. Das Timing war einfach, tja, unglücklich. Du hast weit weg vom Rudel studiert und Michael war auf der Alpha-Akademie. Als er zurückkehrte und ihr euch wieder über den Weg gelaufen seid, hatte das Schicksal bereits sein grausames Spiel in Gang gesetzt. Es war niemandes Schuld. Es hat sich einfach so ergeben.“
Elaines Lippen zuckten zu einem fast nicht erkennbaren Lächeln. Ihre Augen blieben jedoch kalt und unergründlich.
„Das ist nicht das, worüber ich sprechen wollte, Alpha“, sagte sie emotionslos.
Sie weigerte sich, seine Erklärung anzuerkennen. Er versuchte sich herauszureden, indem er das schlechte Timing für das alles verantwortlich machte. Für Elaine klangen seine Worte hohl, fast lächerlich. Er versuchte, Verrat als Zufall zu verkleiden, Zurückweisung als Schicksal. Aber sie kannte die Wahrheit. Die Wahrheit war brutal: Der zukünftige Alpha hatte nicht auf sie gewartet. Denn sie war es ihm nicht wert gewesen. Michael schätzte sie nicht wert und auch sonst niemand in diesem Raum.
Und Kathy? Ihre Schwester, diejenige, die sie jetzt alle als zukünftige Luna feierten, hatte Verlangen über Pflicht und Egoismus über Anstand gewählt. Sie hatte sich Michael hingegeben, ohne darüber nachzudenken, was es bedeuten könnte. Ohne auf ihren eigenen Gefährten zu warten und ohne sich darum zu kümmern, dass Michaels vorbestimmte Gefährtin noch irgendwo da draußen war.
Elaines Stimme wurde schärfer und ihre Bitterkeit sickerte durch, trotz ihres Versuchs, die Fassung zu bewahren. „Ich bin ursprünglich hierhergekommen, um darüber zu sprechen, wie man die negativen Folgen dieser Situation begrenzen und den Schaden für das Rudel minimieren kann. Aber da jetzt alle die Wahrheit kennen, gibt es keinen Grund mehr, noch irgendetwas zu vertuschen. Stattdessen werde ich meine Forderungen auf Entschädigung für die Demütigung und den Verrat, den ich ertragen musste, stellen.“
Der Raum wurde still.
„Forderungen?“, wiederholte Alpha Efrein und runzelte die Stirn.
„Ja.“ Elaines Stimme klang kompromisslos. Sie stand nun aufrechter und richtete ihren fordernden Blick auf den Alpha. „Als Erstes fordere ich deine Zustimmung, dass ich aus dem Beta-Haushalt ausziehen darf. Ich werde in das verlassene Haus am äußersten Rand des Territoriums umziehen. Zweitens trete ich von meiner Position als Beta-Sekretärin zurück. Ich werde in dieser Funktion dem Rudel nicht mehr dienen. Und schließlich möchte ich, dass ihr alle euren Kontakt mit mir einschränkt. Bis zur Paarungszeremonie werde ich hier bleiben, wie ihr es verlangt, aber ich möchte keine unnötigen Interaktionen. Ich möchte in Ruhe gelassen werden.“
Ihre Worte fielen wie Steine ins Wasser und die Schockwellen breiteten sich im Raum aus.
Die Beta-Frau schnappte nach Luft und Tränen stiegen sofort in ihre Augen.
„Elaine ...“, flüsterte sie und klammerte sich an den Arm ihres Gefährten, als könnte sie nicht mehr alleine stehen. Der Beta hielt sie fest und sein Gesicht war von Kummer gezeichnet, während sein Blick hilflos zu seiner Tochter wanderte.
Kathy weinte nun ganz offen und schluchzte in Michaels Brust, während er sie hielt und tröstende Worte murmelte. Der Anblick verdrehte etwas in Elaine. Diese Zurschaustellung von Zärtlichkeit, dieses Mitgefühl. Wo war es gewesen, als sie geweint hatte? Als es sie innerlich zerrissen hatte? Als sie bluten musste für ihre Einheit? Sie hatten alle weggeschaut. Aber jetzt eilten sie, um Kathys Tränen zu stoppen.
„Du überschreitest deine Grenzen, Elaine!“, donnerte Alpha Efrein und schlug mit solch einer Wucht mit der Faust auf seinen Schreibtisch, dass das Holz ächzte. Der Klang hallte durch den Raum.
Aber Elaine zuckte nicht zusammen. Ihr Blick blieb fest und ungebrochen auf ihn gerichtet.
„Nicht wirklich, Alpha. Das sind einfach die Bedingungen für meine Zusammenarbeit. Ihr wollt doch, dass ich so tue, als hätte die Mondgöttin einen Fehler gemacht. Dass ich so tue, als hätte sie sich geirrt, als sie mir Michael als meinen Gefährten gab. Ihr wollt, dass ich so tue, als wäre es akzeptabel oder sogar notwendig, meinen Gefährten im Namen der Einheit des Rudels zu opfern. Na, schön! Ich werde mitspielen. Aber ich werde es nicht völlig umsonst tun. Das hier ...“ Sie deutete auf sich selbst und ihre ruhige, kalte Haltung. „Das ist der Preis. Meine Bezahlung ist die Freiheit von euch allen. Keine Bindungen. Keine Verbindungen. Nichts.“
Ihre Worte trafen wie eine Klinge und durchschnitten jede leere Versprechung und jedes Flehen um Verständnis.
„Elaine, hör auf! Bitte sag das nicht!“, schluchzte Kathy und ihre Stimme brach. Sie riss sich aus Michaels Armen und streckte die Hand nach Elaine aus, als könnte sie sie vom Abgrund zurückziehen. „Es tut mir leid! Du weißt nicht, wie leid es mir tut, dich verletzt zu haben! Bitte, stoß uns nicht weg! Bitte!“
Aber Elaine sah nicht zu ihrer Schwester. Ihr Blick blieb unerschütterlich auf den Alpha gerichtet.
„Elaine, tu das nicht!“ Die Stimme ihrer Mutter zitterte vor Verzweiflung. Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie mir zitternden Händen vortrat. „Wir können das noch reparieren, wenn du nur zuhören würdest! Du bist nicht die Einzige, die leidet, siehst du das nicht? Wir sind deine Eltern, wir leiden auch für dich. Bitte, lass das nicht zwischen uns stehen! Wir sind doch immer noch eine Familie.“
Für einen Augenblick flackerten Elaines Augen auf und ihre Mutter glaubte, die Verletzlichkeit und den Schmerz unter dem Eis sehen zu können. Ein Schimmer der Tochter, die sie immer gekannt hatte.
Aber dieser Schimmer verschwand so schnell, wie es aufgetaucht war.
„Familie?“ Elaines Stimme war scharf. Aber nicht aus Wut, sondern aufgrund ihres gebrochenen Herzens. „Wir sind keine Familie. Eine Familie schützt einander. Eine Familie unterstützt sich gegenseitig, erhebt sich und opfert sich gemeinsam. Aber was habt ihr getan? Ihr habt mich nicht geschützt. Ihr habt mich nicht unterstützt. Ihr habt mich, eure eigene Tochter, für das Rudel geopfert. Ihr habt euch für sie und gegen mich entschieden.“
Ihr Blick glitt über den Alpha und die Luna, den Beta und seine Gefährtin und huschte dann zu Michael und Kathy. Sie nahm ihnen allen ihre Illusionen.
„Alpha, Luna, ihr beide seid vorbestimmte Gefährten. Niemand hat euch jemals gebeten, auf die Gefährtenbindung zu verzichten. Und du, Beta, lebst auch mit deiner Gefährtin zusammen. Ihr hättet euch das niemals nehmen lassen. Aber in meinem Fall war das plötzlich ganz einfach, nicht wahr? Das Unmögliche zu verlangen? Mich von meinem Gefährten zu trennen und es als vermeintliche Pflicht zu bezeichnen. Mich zum Schweigen zu bringen, mich zu begraben, alles für die Einheit dieses Rudels! Sagt mir, was für ein Opfer habt ihr bringen müssen?“
Ihre Stimme brach, aber sie zwang sich zur Ruhe, und ihr Blick blieb eiskalt. „Ich werde bis zur Paarungszeremonie bleiben. Das ist der Preis, den ihr von mir verlangt habt. Aber ich werde zu meinen Bedingungen bleiben. Und danach werde ich dieses Rudel und auch euch nie wieder meine Familie nennen.“
Die Endgültigkeit ihrer Worte legte sich wie ein Gewitter über den Raum.
Aber Elaine stand nur ruhig, entschlossen und unantastbar da.