Kapitel 7

1151 Words
Für einen Moment sprach niemand. Die Stille war dicht und so erdrückend, dass sie auf die Brust aller lastete. Elaine stand aufrecht und ihre Worte hingen noch schwer in der Luft. Sie waren endgültig und unwiderruflich. Dann bewegte sich Michael. Der zukünftige Alpha trat vor und löste sich von Kathys zitterndem Körper. Sein Gesichtsausdruck zeigte seine Anspannung. In seinen Augen lag eine Mischung aus Frustration und Schuld. Als seine Stimme ertönte, klang sie scharf, fast zu scharf. Als ob das Gewicht seiner Scham ihn dazu zwang, auszurasten, anstatt sich ihr zu stellen. „Genug, Elaine!“, fauchte er. Sein Tonfall war rauer als beabsichtigt. „Was du sagst, ist nicht fair!“ Elaine neigte den Kopf, aber ihr Gesichtsausdruck war unergründlich. „Fair?“, wiederholte sie leise. Fast so, als wäre ihr das Wort fremd. Michael machte einen weiteren Schritt nach vorne und seine Hände ballten sich an seinen Seiten zu Fäusten. „Denkst du, du bist die Einzige, die leidet? Denkst du, das ist leicht für mich?“ Seine Stimme brach leicht, aber er zwang sich, nicht die Fassung zu verlieren. „Ich habe das auch nicht gewollt! Ich habe nicht darum gebeten, dass Kathy schwanger wird und das Schicksal uns diesen grausamen Streich spielt! Denkst du, ich fühle mich nicht innerlich zerrissen, wenn ich weiß, dass du meine Gefährtin bist? Denkst du, ich fühle die Gefährtenbindung nicht, die mich jede Sekunde, die ich atme, zu dir zieht?“ Seine Stimme erhob sich, Wut und Verzweiflung kollidierten. „Denkst du, es zerreißt mich nicht, dass ich dich nicht haben kann?“ Zum ersten Mal, seit sie in dieses Büro gekommen war, bröckelte Elaines Maske. Aber nur marginal. Ihre Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie und in ihren Augen flackerte ein Sturm von Emotionen, die sie nicht freigeben wollte. Aber Michael war noch nicht fertig. Seine Brust hob und senkte sich, während er weitersprach. Er spuckte seine Worte fast aus, als ob das Geständnis brannte. „Ich habe Kathy gewählt, bevor ich es erfahren habe. Das lässt sich nicht rückgängig machen. Sie ist schwanger von mir. Dieses Kind ist der Erbe unseres Rudels. Kathy und das Kind brauchen mich. Das Rudel braucht mich. Und als Alpha habe ich nicht den Luxus, nur meinem Herzen zu folgen. Ich muss meiner Pflicht folgen!“ Er sah sie an und in seinen Augen brannte roher Schmerz. „Glaubst du, es ist einfach, die Gefährtenbindung jedes Mal zu verleugnen, wenn ich dich sehe? Denkst du, ich fühle die Strafe der Göttin dafür nicht? Denn das tue ich, Elaine. Jeden verdammten Tag! Aber es gibt jetzt kein Zurück mehr. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Ich kann dieses Rudel nicht im Stich lassen. Also hör auf, so zu tun, als würde ich nicht auch darunter leiden!“ Seine Worte ließen den Raum erzittern und für einen kurzen Moment erfüllte seine Verletzlichkeit die Luft mit etwas Zerbrechlichem, das gefährlich nahe daran war, zu zerbrechen. Elaine ließ die Stille sich ausdehnen, während ihre Augen auf ihn gerichtet waren. Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme leise, aber sie schnitt schärfer als jeder Schrei. „Du leidest?“, fragte sie sanft und ihre Stimme war von Unglauben durchzogen. „Nein, Michael. Du hast eine Wahl getroffen. Du hattest mich, aber du hast trotzdem sie gewählt. Du hast entschieden, dass mein Schmerz weniger zählt als deine Bequemlichkeit. Du nennst es Pflicht, aber es war nie Pflicht. Es ist Schwäche! Du sagst, dass du sie nicht im Stich lassen kannst? Ich habe nie verlangt, dass du sie im Stich lässt. Ich würde nie verlangen, dass du dein Kind im Stich lässt. Alles, was ich wollte, war eine Chance, das zu sein, was ich sein soll. Deine Luna! Deine Gefährtin! Denn das ist der Wille der Göttin. Aber das ist wohl zu viel verlangt, oder?“ Michael zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Elaines Blick verhärtete sich und ihre Stimme wurde wieder fest. „Die Göttin hat uns durch die Gefährtenbindung verbunden, Michael. Und du spuckst darauf. Du spuckst auf mich. Welche Strafe du auch immer empfindest, weil du mich ablehnst, du solltest wissen, dass es nichts im Vergleich zu dem ist, was ich fühle.“ Ihr Blick wanderte kurz zu Kathy, die immer noch weinend in der Ecke saß, und dann wieder zurück zu Michael. „Also sprich nicht über Schmerz! Du kannst nicht so tun, als würdest du genauso leiden wie ich. Du weißt nämlich überhaupt nicht, wie es sich anfühlt, unerwünscht zu sein. Nicht wichtig zu sein. Nicht einmal die Chance zu bekommen, die Person zu sein, die ich sein soll. Du hast dich entschieden, mich zu verlassen. Du hast dich entschieden, mich zu benutzen. Ja, meinen Körper für deine Befriedigung zu nutzen! Und alle hier haben sich entschieden, mich und mein Glück zu opfern. Das zu opfern, was ich bin.“ Die Endgültigkeit in ihrer Stimme ließ die Luft zwischen ihnen erstarren und ließ Michael sprachlos zurück, während er vor Wut und Scham zitterte. Seine Hände ballten und öffneten sich an seinen Seiten, aber es kamen keine Worte aus seinem Mund. Die Luft im Büro des Alphas war geladen und extrem angespannt. Michael stand wie erstarrt da und Scham und Wut kämpften in ihm, während Elaine unnachgiebig blieb. Trotz seines Gefühlsausbruchs blieb sie eine ungerührte Eiswand. Es war dann die Luna, die die Stille durchbrach. „Genug!“ Beatrices Stimme hallte durch den Raum. Nicht laut, aber fest. Die Autorität ihrer Position war deutlich hörbar. Sie erhob sich langsam von ihrem Platz und ihr Blick schweifte über ihren Sohn und Elaine. Ihre Augen richteten sich voller Trauer und Entschlossenheit auf Elaine. „Das zerreißt uns alle, Elaine! Du sprichst mit solch einer Schärfe, weil du Schmerzen hast. Ich sehe es, auch wenn du es zu verbergen versuchst. Du musst aber eine Sache verstehen: Die Bindung zwischen dir und Michael existiert, aber ebenso ist die Bindung, die er mit Kathy geschmiedet hat, real. Wir können nicht ungeschehen machen, was bereits geschehen ist. Wir können nur nach vorne schauen.“ Elaines Kiefer verkrampfte sich und ihr Schweigen sprach lauter als tausend Worte. Der Ausdruck der Luna wurde für einen flüchtigen Moment weicher. „Ich leugne nicht, dass dir Unrecht getan wurde. Du hättest nicht in diese Position gebracht werden dürfen. Als deine Mutter bricht es mir das Herz, Elaine. Aber als Luna muss ich auch das große Ganze im Auge behalten. Dieses Rudel darf nicht an dieser Bindung zerbrechen, egal wie unfair es scheint. Manchmal …“ Sie stockte und ihre Fassung geriet ins Wanken. „Manchmal bekommen wir von der Göttin Prüfungen auferlegt, die wir nicht verstehen können.“ Elaines Lachen war leise, aber bitter. „Prüfungen? So nennst du das? Eine Prüfung? Nein, Luna! Prüfungen sollen uns stärken. Aber das hier ...“ Sie deutete auf Michael und Kathy. „Das ist einfach nur purer Verrat, der als Opfer getarnt ist.“
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