Kapitel 8

987 Words
Bevor Luna Beatrice auch nur den Mund öffnen konnte, durchschnitt die Stimme des Alphas scharf die drückende Stille. „Das reicht, Elaine!“ Der Befehl von Alpha Efrein hallte laut und absolut im Raum wider. Seine Worte trugen das Gewicht seiner Autorität und erschütterten die Luft. „Ich verstehe, dass du Schmerzen hast, aber das entschuldigt nicht, wie du mit uns sprichst! Du wirst dich daran erinnern, dass wir immer noch der Alpha und die Luna dieses Rudels sind! Und das bedeutet Verantwortung. Verantwortung für die Sicherheit, den Frieden und die Einheit des gesamten Rudels. Wenn der Preis für die Bewahrung dieser Einheit ist, dass eine Person übergangen wird, dann ist das nun mal so. Wenn du nicht mit uns als Familie stehen willst, dann wirst du eben allein stehen. Du kannst das Beta-Haus verlassen und am Rande unseres Territoriums leben, weit weg von deinen Eltern und deiner Schwester. Aber dann vergiss niemals, dass du das selbst so wolltest, Elaine.“ Die letzten Worte des Alphas donnerten durch den Raum und ließen die Luft schwer und stickig zurück. „Alpha ...“ Beta Richard trat vor und seine Stimme brach vor Sorge und Verzweiflung. Seine Augen flehten um Gnade. Aber nicht für sich selbst, sondern für seine Tochter. Alpha Efrein schnitt ihm allerdings gnadenlos das Wort ab. „Nein, Beta! Es reicht! Ich habe genug von ihrer Unverschämtheit und ihrem ständigen Trotz. Wir haben uns gebeugt und wir haben nachgegeben. Wir haben versucht, sie zu trösten. Aber sie stößt uns vor den Kopf. Sie glaubt, sie sei die Einzige, die leidet. Aber da irrt sie sich. Jeder einzelne von uns hat gelitten. Wir alle bluten, wir alle trauern! Aber dennoch tragen wir jede Last zum Wohle des Rudels. Und was macht sie? Sie weigert sich, das Leid anderer anzuerkennen. Wenn das Verlassen der Beta-Familie tatsächlich ihr Wunsch ist, dann werde ich ihr diesen gewähren. Aber hör mir zu, Elaine!“ Seine dunklen Augen brannten sich unerbittlich in sie hinein. „Du wirst nicht von deinem Posten zurücktreten! Du wirst deine Pflicht nicht aufgeben! Du wirst deine Arbeit hier im Rudelhaus fortsetzen, wie es von dir verlangt wird! Du wirst jedem Mitglied des Rudels jeden Tag begegnen. Du wirst mir und der Luna als deinen Anführern Respekt erweisen. Von heute an wirst du wie jedes andere Rudelmitglied behandelt werden. Denn von heute an gehörst du nicht mehr zur Beta-Familie!“ Der Raum fiel in Schweigen. Alle Anwesenden waren betäubt von den Worten des Alphas. Einige keuchten und selbst die Fassung von Luna Beatrice wankte. Richard und Lucille sahen erschüttert aus. Ihre Augen waren weit geöffnet und ihre Lippen zitterten, als wäre ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen worden. Aber Elaine wankte nicht. Sie stand dort, als hätte sie dieses Ergebnis die ganze Zeit über erwartet. Wenn ihr Rudel zu einem Ort geworden war, an dem ihre Opfer, ihr Schmerz und ihre Würde nichts bedeuteten, warum sollte sie dann noch daran festhalten? Sie hatten ihr bereits ihren Gefährten genommen, sie ihrer Zukunft beraubt und nun waren auch noch ihre familiären Bindungen gekappt worden. Hielt sie überhaupt noch etwas in diesem Rudel? Nein. Wenn dies ihre Realität war, dann war ihre Entscheidung klar. Trotzdem musste sie vorsichtig sein. Obwohl sie nun ihres Familiennamens beraubt worden war, blieb sie für das Rudel wertvoll. Ihre Rolle, ihre Position und vor allem die Verbindungen, die sie während ihrer Jahre an der Universität für Werwölfe gepflegt hatte, waren für Alpha Efrein wichtig. Er wollte diese Bindungen zu anderen Rudeln und diese Allianzen auf keinen Fall verlieren. Deshalb lehnte er ihren Rücktritt ab. Deshalb kettete er sie durch Pflicht an diesen Ort, obwohl sie es nicht wollte. Er würde sie für das, was sie dem Rudel geben konnte, ausnutzen, und das wusste sie ganz genau. Respekt. Das war es, was sie verlangten. Respekt, den sie nicht verdient hatten. Respekt, der aus Angst und Gehorsam entstand, aber nicht aus Liebe oder Loyalität. Aber sie würde ihnen diesen Respekt entgegenbringen, zumindest vorerst. Sie würde ihr Spiel spielen, lächeln, wenn sie musste, und sich verbeugen, wenn es erforderlich war. Ein Monat. Das war alles, was sie ihnen geben würde. Danach, ob sie die Erlaubnis erhielt oder nicht, würde sie dieses Rudel für immer verlassen. „Elaine, bitte …“ Die Stimme ihrer Mutter unterbrach die Stille, während Tränen über ihre Wangen strömten. Sie klammerte sich an den Arm ihrer Tochter und ihr Körper zitterte vor Verzweiflung. „Tu das nicht! Entschuldige dich einfach! Sag einfach zum Alpha, ähm, dass es dir leidtut. Dann ist alles wieder in Ordnung. Bitte, ich flehe dich an!“ Elaine drehte langsam den Kopf, um ihrer Mutter ins Gesicht zu sehen. Nein, korrigierte sie sich selbst innerlich, das war nicht mehr ihre Mutter. Diese Frau war die Beta-Frau. Sie stellte das Wohl des Alphas über das ihres eigenen Kindes. Für sie war diese Frau nur noch Lucille, nicht mehr Mama. Der Schmerz dieser Erkenntnis schnitt tiefer als jede Klinge. Ihr Blick kehrte zum Alpha zurück. Er blieb fest und unbeirrbar. Ihre Stimme blieb zwar ruhig, trug aber dennoch die stille Stärke der Endgültigkeit in sich. „Ich werde das Beta-Haus sofort verlassen und im verlassenen Haus am Rand des Territoriums wohnen. Ich werde meine Arbeit im Rudelhaus fortsetzen, wie Sie es befohlen haben. Und ich werde Ihnen den Respekt zeigen, den Sie verlangen, Alpha.“ Sie hielt inne und ließ ihre Worte in der schweren Luft hängen, bevor sie zum letzten Schlag ausholte. „Aber von diesem Tag an gehöre ich nicht mehr zur Beta-Familie.“ Damit drehte Elaine sich auf dem Absatz um und verließ den Raum. Ihre Schritte hallten auf dem Steinboden nach. Jeder Schritt war ein Erinnerungsstück für alle Anwesenden, das ihnen verdeutlichte, dass hier gerade eine Bindung gerissen war, die wahrscheinlich nie mehr repariert werden könnte. Und obwohl ihr Herz schmerzte, zitterte ihr Geist nicht mehr. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte Elaine eine seltsame, kalte Freiheit.
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