Kapitel 9

1032 Words
Drei lange Wochen waren vergangen seit jenem Tag im Büro des Alphas. Drei Wochen, die sich wie Jahre angefühlt hatten. Drei Wochen der Demütigung, geflüsterter Beleidigungen und der Isolation, die an ihrem Geist nagte wie ein hungriger Wolf. In dem Moment, als sie das Beta-Haus verlassen und ihr neues Leben am Rand des Territoriums begonnen hatte, hatte sie aufgehört, Elaine, die Tochter des Betas, zu sein. In den Augen des Rudels war sie etwas völlig anderes geworden: Sie war nun eine Ausgestoßene, eine Warnung, eine wandelnde Erinnerung daran, was mit denen geschah, die sich dem Alpha widersetzten. Schon am ersten Tag, als sie sich im Rudelhaus zum Dienst meldete, konnte sie ihre Blicke auf sich spüren. Dutzende von Blicken, die in ihre Haut stachen. Außerdem hörte sie das Flüstern, das wie vergiftete Pfeile durch die Flure hallte. Einige murmelten: „Abgelehnt, unerwünscht ...“, als sie an ihr vorbeigingen. Andere machten sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimmen zu senken. Sie lachten, sie verspotteten und verfluchten sie leise und genossen ihren Niedergang. Für sie war sie nicht mehr Elaine, die Akademikerin, Elaine, die Tochter des Betas, oder Elaine, die Frau, die einst für ihre Leistungen an der Universität gefeiert worden war. Sie war jetzt nur noch die Querulantin, das Hindernis, das zwischen ihrem geliebten zukünftigen Alpha Michael und seiner auserwählten Luna, Kathy, gestanden hatte. Die Tatsache, dass sie die Gefährtin war, die die Mondgöttin ihm gegeben hatte, zählte nicht mehr. Das Rudel sah nur, was der Alpha ihnen erklärt hatte. Nämlich, dass Elaine nicht mehr zur Familie gehörte, weil sie nicht würdig war. Jeden Morgen im Speisesaal war es am schwersten. Die Teilnahme war für alle Wölfe, die nicht im Wachdienst waren, obligatorisch, was bedeutete, dass Elaine dem öffentlichen Auge nicht entkommen konnte. Nachdem sie ihr Essen geholt hatte, saß sie immer allein in einer Ecke des großen Saals. Einst hatte ihre Anwesenheit im Kreis der Beta-Familie ihr einen Ehrenplatz in der Nähe der Vorderseite verschafft. Jetzt blieben die Bänke um sie herum leer, als ob sie eine ansteckende Krankheit hatte. Ihre Einsamkeit war ein Spektakel für sich. Das Flüstern wurde lauter, wenn sie vorbeiging, Lachen folgte ihr wie ein Schatten, und wertende, mitleidige oder auch grausame Blicke verließen nie ihren Rücken. Sie hielt allerdings den Kopf hoch, obwohl ihr Herz schmerzte. Denn sie weigerte sich, ihnen zu zeigen, dass sie zerbrach. An einem Morgen, als der Saal sich wie immer mit Geplauder füllte, änderte sich die Atmosphäre in dem Moment, als die Alpha- und Beta-Familien eintraten. Alle Augen wandten sich ihnen mit Bewunderung und Respekt zu. Alle Anwesenden begrüßten sie und verbeugten sich. Lächeln erblühten auf den Gesichtern wie Blumen, die die Sonne suchten. Das war die Macht ihrer Präsenz. Der Respekt und die Loyalität, die ihr einst auch zuteil geworden waren, wurden ihr nun verweigert. Wie immer bewegten sich die Familien durch den Saal und tauschten morgendliche Grüße mit ihrem Rudel aus. Als sie sie erreichten, zwang Elaine sich auf die Füße. Sie senkte den Kopf, entblößte ihren Nacken und sprach mit einer festen Stimme, die den Sturm in ihrer Brust verbarg. „Alpha, Luna, Beta, Lucille, guten Morgen.“ Ihre Kehle zog sich zusammen, als sie den letzten Gruß hinzufügte. Ihre Stimme blieb sanft, aber fest. „Zukünftiger Alpha und zukünftige Luna, auch Ihnen einen guten Morgen.“ Das war nun ein Ritual geworden, diese erzwungene Respektsbekundung. Eine weitere Kette, die sie fesselte. Lucilles Augen fanden ihre und waren erfüllt von einem Kummer, den Worte nicht ausdrücken konnten. Die Hände der älteren Frau zitterten, als wollte sie ihre Tochter in die Arme ziehen und ihr tröstende Worte zuflüstern, wie sie es einst getan hatte. Aber sie tat es nicht. Sie konnte es nicht. Die Augen des Rudels beobachteten sie und in ihren Augen war Elaine nicht mehr ihre Tochter. Sie war nur noch ein beliebiges Rudelmitglied. Der Alpha nickte ihr kurz zu und sein Gesichtsausdruck war unlesbar. „Guten Morgen, Elaine“, sagte Kathy. Sie waren immer noch blutsverwandt, aber in der Realität keine Schwestern mehr. Sie lächelte sanft, als wollte sie Elaine daran erinnern, dass tief in ihrem Herzen noch immer eine schwesterliche Verbindung bestand. Elaines Lippen verzogen sich leicht, aber ihre Worte waren ohne Wärme. „Guten Morgen, zukünftige Luna.“ Der Titel war für sie ein Dolch. Sie würde sie niemals wieder Schwester nennen. Sie war kein Familienmitglied mehr. Kathy war für Elaine nur noch eine Erinnerung an ihren Schmerz und ihre zerrissene Gefährtenbindung. Die Gruppe ging weiter zu ihren Plätzen und alle Anwesenden unterhielten sich wieder, als wäre nichts geschehen. Kein weiteres Wort wurde an Elaine gerichtet. Der Rest des Tages verging ähnlich. Ihre Arbeit war zu einer ständigen Prüfung ihrer Ausdauer geworden. Einst hatte sie nur ihrem Vater Bericht erstattet, aber jetzt musste sie ihre Berichte dem Alpha direkt vorlegen und manchmal auch Michael, dem zukünftigen Alpha. Denn er hatte begonnen, mehr von den Aufgaben seines Vaters zu übernehmen. Jede Interaktion war eine frische Wunde, jeder Bericht eine weitere Erinnerung an das, was sie verloren hatte. Michaels zukünftiger Beta war noch an der Akademie und würde erst nächsten Monat zurückkehren. Also musste Elaine vorerst die Lücke füllen. Sie war gezwungen zu dienen, gezwungen vorzutäuschen. Das Vortäuschen war der schwierigste Teil. Sie musste so tun, als würde ihr Herz nicht jedes Mal brechen, wenn sie vor ihnen stand. Sie musste so tun, als würde das Flüstern ihr nicht wehtun. Sie musste so tun, als ob sie ihnen freiwillig Respekt entgegenbrachte, und nicht nur, weil es von ihr verlangt wurde. Drei Wochen lang ging das nun schon so. Drei Wochen, in denen sie ihren Stolz herunterschluckte und ihren Schmerz so tief vergrub, dass niemand ihn sehen konnte. Drei Wochen, in denen sie sich ihre Würde bewahrte, obwohl die Welt um sie herum lachte. Und trotz alledem hatte sie sie niemals respektlos behandelt. Weder den Alpha, noch die Luna, noch diejenigen, die ihr alles genommen hatten. Ihre Stimme zitterte nie, ihre Haltung wankte nie. Sie zollte ihnen den Respekt, den sie verlangten, obwohl sie wusste, dass sie ihn nicht verdient hatten. Es war ihre letzte Waffe und ihr letzter Schild. Die Würde, die sie ihr nicht nehmen konnten, egal wie sehr sie es auch versuchten.
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