Kapitel 10

1177 Words
Und nun, drei Wochen nach jenem verheerenden Tag im Büro des Alphas, fand sich Elaine an ihrem Zufluchtsort wieder. Sie stand vor dem Wasserfall nahe der Grenze. Sein ständiges Rauschen war der einzige Begleiter ihres Schmerzes gewesen. Dies war der einzige Ort, an dem sie alles loslassen konnte, was sie bedrückte. Hier musste sie nicht so tun, als ob sie etwas wäre, das sie in Wahrheit schon lange nicht mehr war. Der Wasserfall hatte gesehen, wie sie zusammenbrach und schluchzte, bis ihre Brust schmerzte. Er hatte gehört, wie ihre Stimme brach, als sie ihre Frustrationen dem gleichgültigen Wind entgegenschrie. Er war stummer Zeuge ihrer Flüche gewesen und hatte ihre geflüsterten Fragen an die Mondgöttin gehört. Es waren Gebete, die nie erhört zu werden schienen. In den letzten drei Wochen war das Silberklingenrudel mit den Vorbereitungen für die große Paarungszeremonie beschäftigt gewesen. Aufregung lag in der Luft. Sie war ansteckend und allgegenwärtig, während das gesamte Rudel der Feier entgegenfieberte. Ihre Freude wurde noch durch das Wissen gesteigert, dass die zukünftige Luna den zukünftigen Erben des Rudels in sich trug. Alle waren gespannt darauf, endlich diese Vereinigung zu sehen und sich an dem Versprechen von Stärke und Wohlstand zu erfreuen, das sie symbolisierte. Nur Elaine freute sich nicht darauf. Während das Rudel vor Feierlaune vibrierte, war ihr Herz langsam zerbrochen. Der grausamste Teil war, dass ihr die Aufgabe übertragen worden war, die Einladungen an die benachbarten Rudel zu verschicken. Tag für Tag versiegelte sie Briefe, in denen ihr Name hätte stehen sollen. Jeder Tintenstrich, jede schriftliche Anerkennung der Vereinigung war wie ein Messer, das immer tiefer in ihre Brust getrieben wurde. Als sie zum ersten Mal Kathys Namen neben Michaels geschrieben sah, erstarrte Elaine. Ihre Augen konnten sich nicht davon abwenden. Sie fühlte, wie ihre Seele zersplitterte und ihr Wolf vor Schmerzen wimmerte. Aber sie konnte es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Nicht im Rudelhaus, nicht vor den Leuten, die ihr ihre Zukunft geraubt hatten. „Geht es dir gut, Elaine?“ Luna Beatrices Stimme durchbrach ihre Gedanken. Die Luna überreichte ihr einen frischen Stapel Einladungen, die sie ausliefern sollte. Neben ihr stand Kathy, die zukünftige Luna, strahlend vor Stolz, während sie Beatrice bei ihrem Training begleitete. Es gab keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Jeder kannte Kathys Rolle und ihre Lektionen waren zu einem Spektakel geworden, das das ganze Rudel still bewunderte. Elaine zwang sich, ihnen in die Augen zu sehen, obwohl es sich anfühlte, als würde sie Glas schlucken. „Natürlich, Luna“, antwortete sie, als ob ihr Innerstes nicht Stück für Stück zerbrechen würde. Sie deutete auf die Einladungen. „Ich werde dafür sorgen, dass die Einladungen an die anderen Rudel geschickt werden.“ „Es tut mir leid, wenn das etwas schwierig für dich ist, Elaine“, sagte Kathy leise. Ihr Gesichtsausdruck schien fast mitfühlend. Etwas schwierig? Elaine wollte lachen, schreien, ihrer Schwester sagen, dass sie kein Recht hatte, sich für etwas zu entschuldigen, das sie ihr so bereitwillig gestohlen hatte. Aber ihre Lippen formten stattdessen ein höfliches Lächeln. „Das ist Teil meiner Pflicht, zukünftige Luna. Es gibt nichts, wofür man sich entschuldigen müsste.“ Weder zitterte ihre Stimme noch brach sie. Es gab keinen Hinweis auf den Sturm, der unter ihrer ruhigen Fassade tobte. „Gibt es noch etwas, das Sie von mir benötigen, Luna?“, fragte sie und wandte sich wieder Beatrice zu. Die Luna zögerte, als ob es noch mehr gäbe, das sie sagen wollte. Aber genau in diesem Moment öffnete sich die Bürotür. Alpha Efrein, Beta Richard und Michael betraten den Raum und diskutierten über Details der Zeremonie. Elaines Magen drehte sich um, aber sie zuckte nicht zusammen. Es war ihre Verantwortung, im Raum zu bleiben, Notizen zu machen und Unterstützung zu leisten, während sie das Ereignis planten, das ihre Seele zerstören würde. Also blieb sie still und professionell. Ihr Stift flog über die Seite, während sie über Blumen, Rituale und Gäste sprachen. Sie beantwortete Fragen, wenn sie angesprochen wurde, und ihr Ton blieb immer respektvoll. Ihr Gesicht hingegen war eine unergründliche Maske. Doch innerlich heulte ihr Wolf vor Wut und Trauer. Er krallte sich schmerzhaft in ihre Brust und verlangte nach Gerechtigkeit. Michael saß nur wenige Meter von ihr entfernt und hatte seinen Arm schützend um Kathy gelegt. Jedes Mal, wenn Elaines Augen zu ihnen hinüberflackerten, fühlte sie einen weiteren scharfen Riss in ihrem Herzen. Das hätte sie sein sollen. Das hätte sie sein müssen! „Hast du noch irgendwelche Vorschläge, Elaine?“, fragte Luna Beatrice plötzlich. Für einen Moment registrierte sie die Worte nicht. Erwartete sie wirklich, dass Elaine Verbesserungsvorschläge für die Paarungszeremonie hätte, die ihr gestohlen worden war? Der Raum fiel in Schweigen und alle Augen richteten sich auf sie. In einigen Blicken flackerte Besorgnis, in anderen Mitleid. Elaines Brust verkrampfte sich, aber sie weigerte sich, ihnen zu zeigen, dass sie ins Wanken geriet. Sie atmete tief ein und antwortete mit gleichmäßiger, fast distanzierter Stimme. „Nein, Luna. Ich habe keine weiteren Vorschläge.“ Sie hatte es geschafft. Sie sprach die Worte ohne Bitterkeit und ohne das kleinste Zittern aus. Sie würde ihnen nicht die Genugtuung geben, sie zusammenbrechen zu sehen. „Es tut mir leid, Elaine“, sagte Beatrice und runzelte die Stirn. „Ich wollte nur alle hier einbeziehen. Ich wollte nicht unsensibel sein.“ „Sie müssen sich nicht entschuldigen, Luna“, antwortete Elaine schnell. Ihr Tonfall blieb respektvoll, aber bestimmt. „Ich verstehe das schon.“ Aber sie konnte es in ihren Augen sehen. Sie erwarteten, dass sie jeden Moment zusammenbrechen würde. Das würde sie allerdings nicht tun. „Gibt es noch etwas, das ich für Sie tun kann?“, fragte sie, während ihr Blick durch den Raum schweifte. Alpha Efrein sah sie an und sie wusste bereits, bevor er sprach, dass, welche Worte auch immer seinen Mund verlassen würden, sie extrem verletzend wären. Sein Kiefer spannte sich an und seine Stimme klang schwer. „Du musst an der Zeremonie teilnehmen, Elaine.“ Die Worte trafen sie wie ein Messer. Als ob es nicht schon genug gewesen wäre, ihre Verbindung mit Michael zu leugnen, wollten sie nun auch noch, dass sie lächelnd in der Menge stünde und zusehen würde, wie der Mann, den die Göttin für sie erschaffen hatte, sich an eine andere bindet. Ihr Herz schrie, aber ihr Gesicht blieb gefasst. „Natürlich, Alpha“, sagte sie ruhig. „Wie soll ich mich während der Zeremonie benehmen?“ Der Raum fiel in Schweigen. Niemand wollte ihr antworten, doch sie zwang sie, sich der Grausamkeit dessen zu stellen, was sie von ihr verlangten. Alpha Efrein atmete langsam aus und in seinen Augen flackerte etwas zwischen Schuld und Entschlossenheit. „Zeig einfach, dass du dich für die künftigen Anführer des Rudels freust.“ Ihre Lippen formten ein schwaches, sprödes und kaltes Lächeln. „Natürlich, Alpha. Wenn das alles ist, darf ich mich dann jetzt zurückziehen?“ Er nickte kurz. Elaine verneigte sich respektvoll, drehte sich um und verließ den Raum. Erst als die schwere Tür sich hinter ihr schloss, erlaubte sie ihren Händen zu zittern.
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