Kapitel 11

847 Words
Die Paarungszeremonie war nur noch sieben Tage entfernt, aber das Rudelhaus platzte schon vor Aktivität aus allen Nähten. Anführer benachbarter Rudel hatten begonnen einzutreffen und brachten eine Aura von Wichtigkeit und Festlichkeit mit sich. Der Alpha und die Luna standen ständig in der Eingangshalle und begrüßten jeden Gast mit geübter Eleganz, während Michael und Kathy stolz neben ihnen standen und das strahlende Bild einer vielversprechenden Zukunft abgaben. Von ihrem Platz im Hintergrund aus beobachtete Elaine, wie sich alles wie ein grausames Theaterstück entfaltete. Sie konnte das Lächeln auf den Gesichtern des Alpha-Paares sehen und konnte den Stolz in ihren Stimmen hören, als sie die Glückwünsche von den anderen Rudeln entgegennahmen. Jedes Mal, wenn ein Anführer sich respektvoll verneigte und Michael und Kathy lobte, bemerkte Elaine das subtile Glitzern in Michaels Augen, während er Kathy vorstellte. „Das ist meine Gefährtin, Kathy.“ Immer genau diese Worte. Nie erwähnte er, dass sie nur seine gewählte Gefährtin war. Er gab nie zu, was sie wirklich war. Vielleicht dachte er, die Wahrheit zu verbergen würde das Ansehen des Rudels schützen. Oder vielleicht war er einfach nur zu stolz, um Scham zuzulassen. So oder so, Elaine hörte es jedes Mal, und jedes Mal zog sich ihr Brustkorb zusammen, bis sie dachte, ihre Rippen könnten brechen. „Du musst nicht hierbleiben, Elaine. Wenn sie Hilfe brauchen, werde ich das übernehmen.“ Die Stimme ihrer Mutter Lucille drang in ihre Gedanken ein. Elaine drehte sich um und sah sie in der Nähe stehen. Sorge zeichnete ihre Züge. „Das ist die Aufgabe, die von mir verlangt wird, Lucille“, antwortete Elaine. Sie blieb höflich, aber kurz angebunden, und sprach sie auch absichtlich nur mit ihrem Vornamen an. Lucilles Lippen zitterten. „Ich weiß, wie schmerzhaft das für dich sein muss. Und es tut mir leid, dass ich nichts tun kann, um diesen Schmerz zu lindern.“ Ihre Augen glänzten mit unvergossenen Tränen. „Es tut mir leid, dass ich als deine Mutter dich nicht unterstützen oder dir Trost spenden kann.“ Elaine drehte ihren Kopf leicht und begegnete ihrem Blick mit einem Ausdruck, der so ruhig war, dass er fast kalt wirkte. „Bei allem Respekt, Lucille, aber du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie schmerzhaft das für mich ist. Woher solltest du das auch wissen?“ Ihre Stimme war fest und jede Silbe bewusst gewählt. „Du bist mit deinem vorbestimmten Gefährten vereint. Niemand hat ihn dir aus deiner Seele gerissen, während deine Familie einfach danebenstand und wegsah, anstatt dich zu schützen.“ Lucille schnappte nach Luft, aber Elaine hielt nicht inne. Ihre Augen waren klar. Frei von Bitterkeit, aber auch frei von Wärme. Es war, als würde sie eine Fremde ansprechen. „Du hast aber recht, Lucille. Als meine Mutter hast du mich weder unterstützt noch mir Trost gespendet. In dem Moment, in dem du deine Pflicht über deine eigene Tochter gestellt hast, hast du aufgehört, meine Mutter zu sein.“ Die Worte trafen Lucille wie Peitschenhiebe direkt ins Herz. Sie zuckte zusammen, als würde jeder einzelne eine Spur hinterlassen. Scham brannte auf ihren Wangen, aber sie konnte nicht widersprechen. Denn jedes von Elaines Worten entsprach der Wahrheit. Sie hatte Kathy gewählt. Das Kind, das den Erben in sich trug. Sie hatte die Zukunft des Rudels über die gebrochene Seele ihrer anderen Tochter gestellt. Und obwohl ihr Herz für Elaine schmerzte, wusste sie nicht, wie sie das, was sie zerstört hatte, wieder reparieren konnte. Schließlich zitterte ihre Stimme und sie sagte leise und fast flehend: „Du hast recht, ich kenne den Schmerz nicht, den du ertragen musst. Aber du kannst trotzdem mit mir reden, Elaine. Ich vermisse unsere nächtlichen Gespräche. Ich vermisse meine Tochter. Ich weiß, dass du nicht mehr bei uns im Rudelhaus bleiben willst, aber wir können uns doch auch woanders treffen, wenn das einfacher wäre. Oder ich kann zu dir kommen.“ Ihre Augen suchten in Elaines nach dem kleinsten Hoffnungsschimmer. Aber Elaines Ausdruck wankte nicht. „Nochmals, Lucille, ich möchte wirklich nicht respektlos klingen, aber deine Tochter braucht dich. Kathys Paarungszeremonie findet in einer Woche statt. Sie wird die Unterstützung ihrer Mutter brauchen. Konzentriere deine Kraft lieber auf sie!“ Sie schluckte schwer und unterdrückte die Worte, die ihr auf der Zunge lagen. Lucilles Lippen öffneten sich, aber es kam kein Laut heraus. Sie sah aus, als wollte sie protestieren und darauf bestehen, dass sie für ihre beiden Töchter da sein könnte. Aber die Scham in ihren Augen verriet die Wahrheit. Sie hatte bereits gewählt und das wussten sie beide. Also tat Elaine, was sie immer tat. Sie blieb. Sie arbeitete. Sie lächelte, wenn es nötig war, sprach, wenn sie angesprochen wurde, beantwortete Fragen mit makelloser Höflichkeit. Für die besuchenden Alphas und Lunas wirkte sie einfach nur wie die effiziente Tochter des Betas: souverän, fähig und professionell. Aber diejenigen, die sie wirklich kannten, die gesehen hatten, wie ihr Licht in den letzten drei Wochen verblasste, sahen etwas anderes. Sie sahen keine Tochter, keine Schwester, nicht einmal eine trauernde Frau. Sie sahen nur noch eine hohle Puppe. Mit einem Lächeln bemalt, das nie ihre Augen erreichte.
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