Kapitel 2

1279 Words
Ein lauter Knall riss mich aus dem unruhigen Schlaf, in den ich irgendwann gefallen war. Es dauerte ein paar Wimpernschläge, ehe ich begriff, dass es sich um die Tür handeln musste, die gegen die Wand geschlagen war. Ein schwach beleuchtetes Loch in selbiger Richtung sprach zumindest dafür, doch meine Augen waren nach der langen Zeit in der Dunkelheit so wenig auf Licht eingestellt, dass ich sie zusammenkneifen musste, um nicht geblendet zu werden. Schnelle, donnernd laute Schritte hallten durch den Raum und auf mich zu. Instinktiv rollte ich mich enger zusammen und zog die Beine an, um Bauch und Oberkörper zu schützen. »Hoch mit dir, Mädchen, und mitkommen!«, befahl mir eine harsche Stimme, die keinerlei Widerspruch zu dulden schien. Nein, ich will nicht, schoss es mir durch den Kopf und mein Körper machte sich unwillkürlich noch kleiner. Aber es half nichts. Eine Hand packte meine Haare und riss mich an diesen hoch. Der Ruck fühlte sich an, als wollte mir die unbekannte Person, die Kopfhaut direkt mit den Haaren herunterreißen und ich schrie vor Schmerzen so gellend auf, dass selbst meine eigenen Ohren klingelten. Bevor ich nachdenken konnte, trat mein linkes Bein aus, wollte den Angreifer abwehren und traf ihn wider Erwarten sogar. Wenn ich es richtig einschätzte, hatte ich seine Kniescheibe erwischt und sollte es auch direkt bereuen. Das schmerzverzerrte Stöhnen hielt nur einen Augenblick an, dann wurde mein Kopf so heftig nach hinten gerissen, dass meine Wirbel protestierend knackten. Ein zur Fratze verzogenes Gesicht beugte sich über mich meines, Sabber spritzte nur so aus dem Mund, während mich dieser anschrie. »Du Gör wagst es, dich mir zu widersetzen? Pass nur auf, dass ich dein Leben nicht direkt hier und jetzt beende, für diese Unverfrorenheit. Wobei –«, die Gestalt hielt einen Moment inne und dann lachte sie böse, »es wäre zu schade, mir den Spaß entgegen zu lassen, dabei zuzusehen, wie dich die Tiere in der Arena zerreißen. Ein schneller Tod wäre viel zu gnädig für dich.« Mit einem hämischen Lachen, welches mir noch eine weitere riesige Portion Spucke in Gesicht schleuderte, stieß er mich von sich. »Und jetzt Bewegung, ehe ich es mir anders überlege!« Benommen tat ich, was er von mir verlangte und trottete voran, ohne meine Umgebung wirklich wahrzunehmen. Viel mehr war ich damit beschäftigt seine Worte zu verarbeiten und zu verstehen, was das für mich bedeutete. Befanden wir uns tatsächlich gerade auf den Weg in die Arena und mein Leben war kein müdes Kupferstück mehr wert? Dass an diesem Ort beinahe täglich Menschen, Zwerge, Tauren, Orks und alle sonstigen Spezies, derer die Sklavenhändler habhaft werden konnten, zur Belustigung der Massen verstarben, war wahrlich kein Geheimnis in Meronia, doch sollte es dabei wahrhaftig so sinnlos zugehen? Ein gezielter Stoß zwischen meine Schulterblätter, der mich vorwärts stolpern ließ, sollte mir Antwort genug sein. Plötzlich stand ich mitten im gleißenden Licht und presste mir sofort die Hände auf die Augen. Diese hatten sich gerade erst an die Düsternis im Tunnel gewöhnt und waren nun abermals überfordert auf einmal in einem Licht zu stehen, das so hell strahlte wie die Sonne an einem warmen Sommertag, obwohl wir uns tief unten im Berg befanden. Unter meinen Füßen spürte ich nicht länger den harten Felsboden. Stattdessen knirschte Sand unter meinen Sohlen und ich sank ein wenig ein. Dieses Monster von einem Aufpasser hatte es tatsächlich getan. Er hatte mich in die Arena gebracht! Wie von selbst senkten sich meine Arme kraftlos herab und sogar durch die weiterhin geschlossenen Lider stach mir die Helligkeit bereits in den Augen. Dennoch zwang ich mich, zu blinzeln, um wenigstens ein paar winzige Fetzen meiner Umgebung wahrzunehmen, bevor ich die Lider wieder zusammenkneifen musste. Es war völlig gleichgültig, wie sehr diese Blicke schmerzten, wenn ich nicht in den nächsten Minuten sterben wollte, sollte ich unbedingt herausfinden, wo ich mich befand und was mich erwartete. Eine große ovale Arena. Hohe Mauern. Blinzelpause. Metallgitter in den Seiten. Verängstigte Gestalten, die sich in der Mitte aneinanderdrängten. Blinzelpause. Dieses Mal länger, doch meine Ohren übernahmen derweil und ließen nun abseits des Rauschens meines eigenen Blutes auch die johlenden Rufe aus den Zuschauerrängen zu. Anhand der Lautstärke ging ich davon aus, dass diese gut gefüllt waren. Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf. Wie konnte man so etwas nur gut finden? In dem Gang, aus dem ich gekommen war, eine Wache, die verhinderte, dass ich zurücklaufen konnte. Außer der Hellebarde des Wächters gab es keine Waffen. Blinzeln. Mittlerweile stellten sich meine Augen endlich auf die Helligkeit ein und ich konnte sie beinahe durchgängig offenhalten. Ob ich das allerdings wollte, stand auf einem anderen Pergament. Der Zwergenhintern machte bereits wieder Anstalten sich auf meiner Brust breitmachen, doch das konnte ich nicht zulassen. Während meine Atmung beschleunigte und die Sterne zu tanzen begannen, sandte ich durch mein Unterbewusstsein einen so heftigen Flammenschwall, als hätte ich einen feuerspeienden Drachen im Gepäck. Dieser tat zum Glück direkt seinen Dienst und ich beschloss, dass es das schlaueste wäre, zu den Gestalten in der Mitte des Kampfplatzes zu gehen. Obwohl es gleichwohl gefährlich war, so hatte der Wächter in meiner Zelle etwas von wilden Tieren gesagt und gegen solche verteidigte man sich gewiss besser in einer Gruppe. Meine Knie zitterten und meine Beine fühlten sich an wie das süße, grüne Gelee, dass es früher häufig an den Festtagen gegeben hatte, doch irgendwie gelang es mir, mich vorwärts zu bewegen. Je näher ich der Gruppe kam, desto besser konnte ich die Furcht auf ihren Gesichtern erkennen und bekam eine Vorstellung davon, wie ich auf meine Umgebung wirken musste. Klein, verängstigt und am ganzen Körper zitternd. Bevor ich jedoch darüber nachdenken konnte, wie ich meine Furcht verbergen und dafür sorgen konnte, dass mir niemand in den Rücken fiel, ertönte eine Stimme, die von allen Seiten zugleich über unsere Köpfe hinwegzufegen schien. Ein eiskalter Schauer kroch mir den Rücken bei den folgenden Worten hinunter. »Herzlich willkommen zum großen Auswahlspektakel des laufenden Eikositums, werte Zuschauerinnen und Zuschauer. Heute haben wir die sagenhafte Anzahl von 37 Anwärtern und Anwärterinnen auf den Rang eines vollwertigen Arenakämpfers versammeln können.« In den Rängen brandete Jubel auf, während um mich herum geschnaubt wurde. Vermutlich waren die Übrigen hier ungefähr genauso freiwillig wie ich. »Wir, die Betreiber der Tiefenarena, möchten Sie, verehrte Gäste, auch gar nicht unnötig auf die Folter spannen. Das Prozedere dürfte Ihnen ja hinlänglich bekannt sein. Dieses Mal haben wir 25 unserer wildesten Tiere ausgesucht, um unsere zukünftigen Kämpfenden angemessen zu prüfen. Die Aufgabe ist wie immer denkbar einfach: Überleben! Unsere Bestien sind ausgehungert und warten nur darauf, sich eine Mahlzeit zu erjagen und diese zu vertilgen. Sobald sich jeder unserer Lieblinge eine Portion gesichert hat, haben die verbleibenden Überlebenden ihre Aufnahmeprüfung bestanden und werden von unseren Kampfmeistern ausgebildet, um schon bald in noch aufregenden Darbietungen für Sie zu kämpfen.« Ich schluckte hart und rund um mich herum, setzte entsetztes Gemurmel ein. Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein. Wir sollten ohne eine Waffe oder eine Rüstung am Leib gegen wilde Tiere antreten? Der Zwergenhintern kam erneut auf mich zu und ja, Panik war an dieser Stelle durchaus angebracht, dennoch durfte sie mich nicht lähmen, sondern mich zum Davonlaufen bringen, denn offensichtlich war das meine einzige Option. Und tatsächlich in dem Moment, in dem die Gatter an den Seiten der Arena sich gleichzeitig begannen nach oben zu bewegen, entfleuchte dem Zwerg ein so gewaltiger Schreckfurz, dass das Laufen von ganz allein klappen würden, um dem imaginären und doch erstaunlich echt wirkenden Duft zu entkommen. Und obwohl meine Imaginationskünste Beachtliches vermochten, die letzte Motivation alle meine Kräfte zu mobilisieren, gaben mir die mit unzähligen Zähne besetzten Mäuler der Tiere, die Schritt um Schritt in die Arena schlichen und unsere Gruppe wachsam belauerten.
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