Kapitel 1
Ein heftiger Stoß ließ mich in das Dunkel des vor mir liegenden Raumes taumeln. Ich strauchelte, rang für einen Moment mit meinem Gleichgewicht und schlug nur Sekunden später mit voller Wucht auf dem Boden auf. Nur mit Mühe gelang es mir, einen Schmerzensschrei zu unterdrücken, doch ich grub die Zähne lieber tief in meine Unterlippe, ehe ich den Sklavenhändlern die Genugtuung geben würde, Schwäche zu zeigen. Wenn ich eins in meinen Jahren als Verstoßene gelernt hatte, dann, dass auch nur das kleinste Anzeichen von Verletzlichkeit ausreichte, um in der Hackordnung ganz unten zu landen und ein Leben in einer irdischen Hölle zu führen – und das war noch die beste aller Möglichkeiten.
Mit einem Knall fiel die Tür hinter mir ins Schloss und das Grau wurde zu einem tiefen, undurchdringlichen Schwarz.
Furcht ergriff mich und senkte sich auf meine Brust wie das dicke Hinterteil eines zu gut genährten Zwerges, das sich nach getaner Arbeit auf einen Stuhl in der Schenke fallen ließ. Je gemütlicher sich die Angst einrichtete, desto mehr blieb mir die Luft weg und Sterne begannen vor meinen Augen zu tanzen. Kipp jetzt nicht um, Ophelia, beschwor ich mich selbst in Gedanken. Konzentrier dich auf das, was deine Eltern dir beigebracht haben!
Obwohl die Zeit mit ihnen lange zurücklag, so half mir die Erinnerung an sie stets, mich zu fokussieren. Mit aller verbleibenden Willenskraft sammelte ich mich und lenkte die wenigen klaren Gedanken, die ich zusammenkratzen konnte, die Vorstellung eines Zwergenhinterns. Sobald dieser sich vor meinem inneren Auge deutlich abzeichnete, beschwor ich das Bild einer Flamme hinzu, welche die Hose des Zwerges in Brand setzen sollte. Da die Sterne immer wilder durch mein Sichtfeld tanzten und der Druck auf meiner Brust mir zunehmend den Atem raubte, benötigte ich mehrere Versuche, bis es mir gelang, den Stoff zum Kokeln zu bringen.
Mit einem Satz sprang der Zwerg vom Stuhl und der Druck auf meiner Brust ließ langsam nach, obwohl es gewiss noch einige Zeit dauern würde, bis meine Rippen und meine Lunge aufhörten, zu schmerzen.
Mit der abklingenden Panik verebbte auch das Rauschen in meinen Ohren, welches sie stets begleitete, ab. Angespannt versuchte ich, zwischen den leiser werdenden Wellen, Geräusche in meiner Umgebung wahrzunehmen. Zumindest hatten sie mich nicht in eine Zelle mit hungrigen Tieren geworfen, sonst hätten sich all meine Sorgen vermutlich längst erledigt. Wobei … ob ich da wirklich von Glück sprechen sollte, wagte ich doch, sehr zu bezweifeln.
»Ist hier jemand?«, flüsterte ich in die Stille, wohlwissend, dass ich die Sklavenhändler nicht auf mich aufmerksam machen durfte. Man hatte mich nicht zum ersten Mal verkauft, so tief im Dung hatte ich allerdings noch nie gesteckt.
Als sich auch nach einer weiteren Nachfrage nichts rührte und ich keine Geräusche erlauschen konnte, wagte ich es, mich vorsichtig aufzusetzen. Meine Knie brannten ebenso höllisch wie meine Handflächen und Unterarme. Ich benötigte wahrlich kein Licht, um zu wissen, dass ich mir beim Sturz alles aufgeschrammt hatte, zumindest schien jedoch nichts gebrochen zu sein. Trotzdem wackelte ich prüfend mit jedem Finger, ehe ich mich mit zusammengekniffenen Lippen auf alle Vieren begab und allen Schmerzen zum Trotz langsam durch die Zelle krabbelte. Mit einer Hand tastete ich dabei zunächst den Boden vor mir ab, bevor ich mit dem restlichen Körper nachrückte.
Mühselig und viel zu langsam begutachtete ich auf diese Weise mein Gefängnis. Der Untergrund bestand aus rauem, unbehauenem Gestein, das übersät von spitzen Kieseln und scharfen Kanten war. Die Wände waren ebenfalls aus purem Fels, einzig die Tür war zwergengemacht. In einer Ecke hatte es bestialisch gestunken und als ich gegen einen metallischen Gegenstand gestoßen war, war daraus ein stinkendes Nass auf meine Hand geschwappt. Obwohl ich diese im Stroh, das ich in einer anderen Ecke ertastet hatte, abgerieben hatte, roch sie weiterhin einfach erbärmlich und ließ keinen Zweifel darüber zu, welche Zustände mich an diesem Ort erwarteten. Meine Hoffnung, dass zumindest ein klitzekleiner Lichtblick zu finden war, wurde jäh vernichtet. Herausgraben würde ich mich schon einmal nicht können, doch damit hatte ich zugegebenermaßen auch nicht gerechnet, immerhin befand ich mich in einer tief im Berg gelegenen Arena. Vielmehr hatte ich während meiner Suche auf eine gemauerte Wand oder ein Loch in der Tür gehofft, sogar Dinge, die von Zwergen hergestellt worden waren, ließen sich leichter überwinden als ein Berg.
Mit einem langen Seufzer krabbelte ich in die Richtung, in der das Stroh liegen musste, falls ich nicht völlig die Orientierung verloren hatte. Die Schwärze um mich herum war so dicht, dass meine Augen sich nicht daran gewöhnen wollten. So blieb mir nichts, als darauf zu achten, in welche Richtung ich meinen Körper drehte und zu zählen, wie viele Krabbler ich nach vorn gemacht hatte. Keine allzu präzise Weise sich einen Weg zu merken, wie ich sehr bald feststellen durfte, als ich mich wieder vor dem stinkenden Metallgefäß befand. Frustriert drehte ich in einem rechten Winkel nach links ab und landete am Ende doch noch auf dem Stroh. Vorsichtig nahm ich es in die Hand und schnüffelte daran.
»Bähh«, rutschte es mir heraus und ich musste beinahe würgen. Natürlich hatte ich das Stroh gewohnheitsmäßig mit meiner übelriechenden Rechten aufgehoben. Mit aller Gewalt rang ich den Brechreiz nieder, denn ich wollte auf keinen Fall eine Pfütze meines Mageninhalts auf einem Boden haben, den ich nicht sehen konnte. Auch wenn mir dieses Kunststück zwar mit langsamer, flacher Atmung gelang, so konnte ich doch mit restlichen Emotionen nicht mehr kontrollieren. Zunächst kämpfte ich noch gegen die Tränen an, die sich aus meinen Augenwinkeln lösen wollten, aber kaum hatte die erste sich herausgeschlichen, brachen sämtliche Dämme und das salzige Wasser floss nur so meine Wangen hinab. Kraftlos ließ ich mich einfach ins Stroh kippen, rollte mich zusammen und dämpfte meine Schluchzer mit dem Ärmel meiner Jacke. Es war egal, ob meine Unterlage sauber oder vom vorherigen Bewohner der Zellen verschmutzt worden war, allein, dass ich mich an diesem Ort befand, war eine einzige Katastrophe. Die Gladiatorenarena unter dem Berg galt als die schlimmste ihrer Art und noch niemals hatte es ein Kämpfer lebend aus ihr herausgeschafft. Was bei allen runzligen Gelbsackkröten hatte ich der Welt nur getan, dass mein Leben in den letzten zehn Jahren so schiefgelaufen war? Und wie, verwünscht noch mal, sollte ich hier wieder herauskommen?