Kapitel 2 – Der Erbe wird entthront

2002 Words
Ronan öffnete die Augen zum Geräusch des Regens. Für einige Sekunden konnte er sich nicht daran erinnern, wo er war. Sein Kopf fühlte sich schwer an, und sein Körper war ungewöhnlich schwach. Er blickte zur hölzernen Decke über sich. Sein Schlafzimmer. Langsam drehte er den Kopf. Evelyn saß neben seinem Bett, die Hände fest in ihrem Schoß verschränkt. Sobald sie bemerkte, dass er wach war, stand sie auf. „Ronan“, flüsterte Evelyn. Ronan versuchte, sich aufzurichten. „Was ist passiert?“, fragte er. „Du bist auf der Lichtung zusammengebrochen“, antwortete Evelyn. Ronan runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich.“ Sein Blick wanderte durch das Zimmer. „Wo ist Vater?“ Evelyn zögerte. „Er ist unten.“ „Warum ist er nicht hier?“ „Er musste mit dem Rat sprechen“, erklärte Evelyn. Ronan richtete sich weiter auf. „Welcher Rat?“ Evelyn wirkte unbehaglich. „Die Ältesten“, antwortete sie. Ronan erinnerte sich an die schwarzen Zeichen. Sofort hob er sein Hemd an und betrachtete seine Brust. Die Zeichen waren verschwunden. Seine Haut sah vollkommen normal aus. Ronan starrte verwirrt darauf. „Die Zeichen …“, murmelte er. „Welche Zeichen?“, fragte Evelyn alarmiert. Ronan sah sie an. „Du hast sie gesehen.“ Evelyns Gesichtsausdruck veränderte sich. „Ronan, du warst bewusstlos.“ „Du hast sie gesehen, bevor ich zusammengebrochen bin“, beharrte Ronan. Sie schwieg. „Mutter“, sagte Ronan leise. Evelyn seufzte tief. „Ja“, gab sie schließlich zu. „Ich habe sie gesehen.“ „Was waren sie?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete Evelyn. Ronan verengte die Augen. „Du lügst.“ Evelyn wirkte verletzt von seinen Worten. „Ich würde dich niemals anlügen.“ „Du und Vater habt die ganze Nacht etwas vor mir verborgen“, sagte Ronan. Sie senkte erneut den Blick und wirkte zutiefst beunruhigt. „Manche Dinge sind schwer zu erklären“, gab Evelyn zu. „Dann versuch es“, forderte Ronan. Evelyn setzte sich wieder neben ihn. „Dein Vater wird mit dir sprechen.“ „Wann?“ „Bald.“ Ronan schüttelte frustriert den Kopf. „Das sagen alle.“ Er ließ die Beine über die Bettkante gleiten und war entschlossen aufzustehen. Evelyn trat sofort vor. „Wo willst du hin?“ „Zu ihm.“ „Das solltest du nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil du dich ausruhen musst.“ „Ich brauche keine Ruhe. Ich brauche Antworten.“ Evelyn stellte sich vor die Tür. „Ronan, bitte.“ Er hielt inne. Etwas in ihrem Gesicht ließ ihn stehen bleiben. Angst. Dieselbe Angst, die er in den Augen seines Vaters gesehen hatte. „Mutter“, sagte Ronan sanft. „Wovor hast du Angst?“ Evelyn öffnete den Mund. Doch bevor sie antworten konnte, ertönte ein lautes Klopfen an der Tür. „Ronan“, rief Magnus von draußen. Evelyn trat zur Seite. Die Tür schwang auf und Magnus betrat das Zimmer. Sein Gesicht war ernst, doch Ronan konnte die Müdigkeit in seinen Augen erkennen. Ronan stand auf. „Du hast gesagt, das Siegel bricht.“ Magnus erstarrte. Evelyn schloss die Augen. „Du hast das gehört?“, fragte Magnus. „Ja.“ Magnus sah Evelyn an und blickte anschließend wieder zu Ronan. „Ich habe aus Angst gesprochen“, gab Magnus zu. „Welches Siegel?“ „Ronan …“ „Welches Siegel?“, drängte Ronan erneut. Magnus schwieg. Ronan trat näher. „Du hast mir gesagt, dass mein Wolf existiert.“ Magnus’ Gesicht verhärtete sich. „Das habe ich.“ „Dann wo ist er?“ „Ich weiß es nicht.“ Ronan starrte ihn an. „Du weißt es nicht?“ „Nicht vollständig“, gab Magnus zu. „Dann sag mir, was du weißt“, verlangte Ronan. Magnus atmete langsam ein. „Dein Wolf ist anders“, sagte er. „Inwiefern?“ „Das kann ich dir noch nicht erklären.“ Ronans Frustration wuchs. „Das sagst du ständig!“ Magnus’ Stimme wurde entschlossen. „Weil die Wahrheit zu kennen dich in Gefahr bringen könnte.“ Ronan schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich bin bereits in Gefahr, oder?“ Keiner seiner Eltern antwortete. Und dieses Schweigen sagte Ronan mehr als genug. --- Bei Sonnenaufgang spürte das gesamte Mooncrest-Rudel, dass etwas nicht stimmte. Gerüchte verbreiteten sich durch das Anwesen und drangen bis zu Ronans Zimmer vor. Einige behaupteten, sein Wolf sei einfach nicht erwacht. Andere begannen sich zu fragen, ob er tatsächlich weiterhin der Erbe des Alphas bleiben konnte. Ronan stand vor dem Spiegel. Achtzehn Jahre lang hatte er sich auf diesen Moment vorbereitet. Sein Vater hatte ihm beigebracht, zu kämpfen, zu verhandeln, Befehle zu erteilen und das Rudel zu beschützen. Doch all das schien bedeutungslos zu sein, wenn das Rudel glaubte, dass ein Alpha einen erwachten Wolf brauchte. Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. „Herein“, antwortete Ronan. Lucien betrat das Zimmer und wirkte unruhig. „Du bist wach“, sagte Lucien. „Offensichtlich“, erwiderte Ronan. Lucien schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Ronan begegnete seinem Blick im Spiegel. „Was hat Vater dir erzählt?“ „Nichts.“ „Du lügst.“ „Ich schwöre, das tue ich nicht.“ Ronan drehte sich um. „Was sagen sie?“ Lucien zögerte. „Sie sprechen über die Zeremonie.“ „Und?“ „Sie fragen sich, ob du noch Alpha werden wirst“, gab Lucien zu. Ronans Kiefer spannte sich an. „Ich bin immer noch der Erbe.“ Lucien wandte den Blick ab. Ronan bemerkte es sofort. „Was?“ „Nichts.“ „Lucien“, warnte Ronan. Lucien seufzte tief. „Vater hat eine Versammlung einberufen.“ Angst breitete sich in Ronans Magen aus. „Wann?“ „Jetzt.“ Ronan sah ihn ungläubig an. „Warum?“ „Ich weiß es nicht.“ Ohne ein weiteres Wort ging Ronan zur Tür. „Gehen wir.“ --- Die Große Halle war voller Rudelmitglieder. Die Ältesten standen im vorderen Bereich, während die Krieger an den Wänden aufgereiht waren. Ronan betrat die Halle neben Lucien. Das Gespräch verstummte augenblicklich. Alle Blicke richteten sich auf ihn, während er mit erhobenem Kopf nach vorn ging. Magnus stand in der Mitte der Halle, Evelyn an seiner Seite. Ronan blieb einige Schritte vor ihnen stehen. „Worum geht es?“, fragte er. Magnus ließ seinen Blick über das versammelte Rudel schweifen, bevor er seinen Sohn ansah. „Letzte Nacht unterzog sich Ronan seiner Erwachungszeremonie.“ Ein Murmeln ging durch die Halle. Magnus fuhr fort: „Sein Wolf ist nicht erwacht.“ Ronans Hände ballten sich zu Fäusten. Er ahnte bereits, worauf das hinauslief. „Nach den Gesetzen von Mooncrest“, erklärte Magnus, „muss ein Alpha einen erwachten Wolf besitzen.“ Ronan trat näher. „Vater.“ Magnus sah ihm in die Augen. „Tu das nicht“, flehte Magnus. Schmerz spiegelte sich in seinem Gesicht wider. „Ich habe keine Wahl.“ „Du hast immer eine Wahl.“ Die Halle versank in völlige Stille. Magnus holte tief Luft. „Ronan Vale wird hiermit aus der Thronfolge entfernt.“ Ein erschrockenes Raunen ging durch den Raum. Ronan fühlte sich, als hätte man ihn getroffen. Er starrte seinen Vater ungläubig an. „Was?“ Magnus schluckte schwer. „Lucien wird der neue Erbe von Mooncrest.“ Lucien trat sofort vor. „Vater, ich will nicht …“ „Du wirst deine Position akzeptieren“, sagte Magnus bestimmt. Lucien sah zu Ronan. „Ronan, es tut mir leid“, sagte er leise. Ronan sah ihn direkt an. „Wusstest du davon?“ „Nein“, antwortete Lucien ehrlich. „Ich schwöre, ich wusste nichts davon.“ Ronan glaubte ihm. Doch das machte den Schmerz nicht geringer. Er wandte sich wieder Magnus zu. „Du hast mich darauf vorbereitet, Alpha zu werden.“ Magnus schwieg. „Du hast mich ausgebildet.“ „Ich weiß“, antwortete Magnus leise. „Du hast allen gesagt, dass ich dein Erbe bin.“ „Ich weiß.“ „Und jetzt nimmst du mir alles weg, nur weil mein Wolf nicht erwacht ist?“ Bedauern trat in Magnus’ Augen. „Die Gesetze verlangen es.“ Ronan stieß ein bitteres Lachen aus. „Die Gesetze.“ Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. „Bin ich also nichts weiter als das für euch?“ „Ronan, das stimmt nicht“, beharrte Magnus. „Was bin ich dann?“ Magnus konnte nicht antworten. Ronans Augen brannten vor Emotionen. „Sag es mir.“ Magnus wandte den Blick ab. Langsam begann Ronan zu verstehen. Er nickte. „Ich verstehe.“ Er drehte sich zu den Türen um, gerade als Evelyn nach ihm rief. „Bitte geh nicht so“, flehte sie. Ronan blickte über seine Schulter. „Was soll ich deiner Meinung nach tun?“ Tränen traten in Evelyns Augen. „Ich möchte, dass du weißt, dass du geliebt wirst.“ Ronan schluckte schwer. „Warum fühlt es sich dann so an, als würdet ihr mich verstoßen?“ Evelyn fand keine Antwort. Ronan wandte sich wieder den Türen zu. Bevor er hinausgehen konnte, sprach Magnus. „Du bist immer noch mein Sohn.“ Ronan blieb stehen. „Aber ich bin nicht mehr dein Erbe.“ Magnus senkte den Blick. „Nein“, gab er zu. Ronan ging hinaus. Der Regen hatte aufgehört. Der Himmel war von dunklen Wolken bedeckt. Er stand allein auf den Stufen der Großen Halle und fühlte sich, als hätte er sein ganzes Leben damit verbracht zu glauben, dass er zu Mooncrest gehörte. Doch jetzt wusste er nicht mehr, wohin er wirklich gehörte. Hinter ihm öffneten sich die Türen. Lucien trat hinaus. „Ronan“, rief er. Ronan drehte sich nicht um. „Geh zurück hinein.“ „Ich möchte mit dir reden.“ „Es gibt nichts zu besprechen.“ Lucien trat näher. „Ich wollte deine Position niemals.“ Endlich drehte Ronan sich zu ihm um. „Aber jetzt hast du sie.“ „Ich habe nicht darum gebeten.“ „Das musst du auch nicht.“ Luciens Gesichtsausdruck veränderte sich. Ronan bereute seine Worte sofort, doch die Wut, die in ihm brodelte, ließ sich nicht unterdrücken. „Es tut mir leid“, sagte Lucien leise. Ronan wandte den Blick ab. Er fühlte sich überwältigt. „Lass mich einfach allein.“ Lucien blieb noch einen Moment stehen, bevor er zurück ins Haus ging. Ronan wandte sich dem Wald zu. Er wusste nicht, wohin er ging. Er wusste nur, dass er nicht länger dort bleiben konnte. Als er unter den Bäumen hindurchging, flüsterte eine vertraute Stimme in seinem Kopf: „Sie haben dich abgelehnt.“ Ronan blieb stehen. Sein Herz raste. „Wer bist du?“, flüsterte Ronan eindringlich. „Du kennst mich.“ Ronan sah sich hektisch um. Niemand war zu sehen. Dann erschienen zwischen den Bäumen zwei silberne Augen. Ein gewaltiger schwarzer Wolf trat aus den Schatten und richtete seinen Blick auf ihn. Ronan blieb reglos stehen, während ihn die Angst packte. Die Kreatur starrte ihn weiterhin an. „Sie haben dir deine Krone genommen“, sagte der Wolf. Ronan bekam kaum noch Luft, als der Wolf einen Schritt auf ihn zumachte. „Aber sie können dir nicht nehmen, was in dir steckt.“ Ronan starrte die Kreatur an. Mit leiser Stimme fragte er erneut: „Wer bist du?“ Die Augen des Wolfes leuchteten mit einem intensiven Licht. „Ich bin Varek.“ Dann verschwand er. Allein unter den Bäumen spürte Ronan, wie sich etwas in seinem Inneren veränderte. Zum ersten Mal seit der Zeremonie hatte er keine Angst mehr davor, keinen Wolf zu haben. Er hatte Angst vor etwas anderem. Davor herauszufinden, was sein Wolf wirklich war.
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