Der Auftrag
Der Angstgeruch hing über dem Rudelhaus, noch ehe Wren das Tor erreichte.
Nicht die scharfe, ehrliche Angst eines Wolfes, der weiß, was ihn erwartet. Diese hier war älter, zäher, hatte sich wochenlang in Holz und Stein eingenistet, bis sie zu einem Teil des Hauses geworden war. Wren kannte diesen Geruch. Sie kannte ihn zu gut.
Am Waldrand blieb sie stehen und ließ ihn trotzdem auf sich wirken. Eine alte Gewohnheit. Wer die Angst nicht mehr wahrnahm, wurde nachlässig. Und Nachlässigkeit war in ihrem Beruf der erste Schritt zum eigenen Tod.
"Du bist kleiner, als ich erwartet hatte."
Sie drehte sich nicht um. Seine Schritte hatte sie längst gehört, schwer und bewusst gemächlich, ein Mann, der ihr zeigen wollte, dass er sich für ihretwegen nicht beeilte.
"Und du bist genau das, was ich erwartet habe." Ihre Stimme blieb kühl. "Alphas sind es meistens."
Das brachte ihm einen Moment des Schweigens ein. Gut. Sie wandte sich um und sah Kade Ashworth oben auf der Treppe stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, mit jenem Blick, den ihr fast jeder Alpha zuwarf: als sei sie ein Schuldeneintreiber, der einen Tag zu früh vor der Tür stand.
Er war jünger, als die Akten vermuten ließen. Breiter in den Schultern. Doch das änderte nichts. Sie hatte Männern doppelter Größe die Bindung aus der Brust gelöst, und niemals hatte die Breite ihrer Schultern entschieden, wie sehr sie am Ende weinten, wenn der Faden endlich riss.
"Die Ältesten sagten, du kämst erst bei Sonnenuntergang."
"Ich sehe mir ein Rudel gern an, bevor es weiß, dass es sich für mich in Szene setzen muss." Sie stieg die Stufen hinauf, ohne Eile, und entging nicht, wie sich sein Kiefer verhärtete, als sie nah genug an ihm vorüberging, um seinen Geruch aufzunehmen. Kiefernholz, Kupfer, und darunter, kaum wahrnehmbar, etwas Bitteres, das sie noch nicht einzuordnen wusste.
"In Szene setzen." Er wiederholte es langsam. "Als hätten wir etwas zu verbergen."
"Jeder verbirgt etwas, an dem Tag, an dem ich komme." Sie blieb in der Tür stehen und sah zu ihm zurück. "Du zum Beispiel. Du wirkst nicht wie ein Mann, dem gerade das Herz gebrochen wird."
Ein Flackern hinter seinen Augen, zu flüchtig, um es zu deuten. "Sollte ich das sein?"
"Die meisten Alphas sind es, wenn ich komme, um eine Bindung aus ihrer Brust zu schneiden. Für sie ist es der schwärzeste Tag ihres Lebens." Sie hielt seinem Blick stand. "Du siehst aus, als wartetest du auf eine Lieferung."
"Vielleicht ist es das."
Ohne eine Antwort darauf schritt sie an ihm vorbei ins Haus. Interessant, dieser Mann. Nicht gefährlich, dessen war sie sich sicher. Sechs Jahre in diesem Gewerbe hatte sie nicht überlebt, indem sie sich von interessanten Alphas ablenken ließ. Aber es lohnte sich, ihn im Auge zu behalten.
Der Ritualraum hatte sich seit sechs Jahren, seit sechs Rudeln, kein bisschen verändert. Nackter Boden, ein Kreis aus Asche, bereits sorgfältig gezogen, zwei Stühle, so nah beieinander gestellt, dass niemand dem, was in ihnen geschah, ausweichen konnte.
Kade setzte sich, ohne dass man ihn zweimal bitten musste. Ungewöhnlich. Die meisten mussten überredet werden, manche sogar gezwungen.
Aus der Ecke beobachtete sie eine hagere Älteste namens Corliss, mit vor der Brust verschränkten Armen, so wie Rudelälteste sie immer beobachteten. Als könnte sie beim Gehen etwas stehlen, das ihr nicht zustand.
"Du kennst den Ablauf", sagte Wren zu ihr. "Ich brauche Berührung. Es tut ihm nicht weh. Es hat noch nie wehgetan."
"Es tut jedem weh", erwiderte Corliss. "Nur nicht auf die Art, die du meinst."
Wren würdigte das keiner Antwort. Niemand hatte ihr für diese Arbeit je gedankt, und niemand würde es heute tun.
Sie kniete sich vor Kade und nahm seine Hände in ihre. Sein Puls schlug ruhig, viel zu ruhig für einen Mann, dem gleich der vom Schicksal bestimmte Mensch genommen werden sollte. Die meisten zitterten in diesem Moment. Seine Hände blieben warm. Und still.
"Deine letzte Gelegenheit, es dir noch anders zu überlegen", sagte sie, so leise, dass nur er es hören konnte.
"Würde es etwas ändern?"
"Nein. Aber ich frage trotzdem."
Sie schloss die Augen und tastete nach der Bindung.
So oft schon hatte sie das getan, dass ihre Finger die Form dessen, was sie finden würden, längst im Schlaf kannten. Eine Bindung besaß eine ganz eigene Signatur, einen Faden aus Wärme, straff gespannt zwischen zwei Seelen. Sie fand das Ende dieses Fadens in Kade mühelos.
Dann hielt sie inne.
Etwas stimmte nicht. Nicht das vertraute Nichtstimmen einer Bindung, die mit den Jahren bitter geworden war. Dies hier fühlte sich an wie ein falscher Geldschein in der Hand, noch bevor man wusste, woran es lag. An manchen Stellen zu glatt. An anderen zu rau. Zusammengeflickt, nicht gewachsen.
Diese Bindung war nicht entstanden. Sie war gemacht worden.
Wren bewahrte ihr Gesicht in vollkommener Ruhe, sechs Jahre der Übung hielten die Maske an ihrem Platz, während jeder Instinkt in ihr zu Eis erstarrte. Sie hatte schon Bindungen gelöst, die das wahre Schicksal geschmiedet hatte, und solche, die an der Distanz bitter geworden waren, sogar die seltene Bindung, die aus einem Fehler der Natur entstanden war, den niemand erklären konnte.
Doch noch nie hatte sie ihre Hände auf eine Fälschung gelegt.
Sie öffnete die Augen. Kade beobachtete sie, und zum ersten Mal, seit sie ihn auf der Veranda getroffen hatte, riss die Maske, die er trug. Keine Überraschung stand in seinem Blick.
Erleichterung.
Er wusste es.
"Etwas nicht in Ordnung?", fragte Corliss, eine Spur zu hastig.
Wren ließ seine Hände los und erhob sich, und noch während sie aufstand, hatte sie ihre Lüge bereits gewählt.
"Nein", sagte sie. "Sie ist alt. Verworren. Solche Dinge dauern länger, wenn sie sich zu tief eingewurzelt haben."
Es war, soweit sie sich erinnern konnte, die erste offene Lüge, die sie je innerhalb eines Ritualkreises ausgesprochen hatte.
"Wie viel länger?"
Wren blickte auf Kade hinab. Er hatte sich nicht bewegt. Er sah sie an wie ein Mann, der eben erst begriffen hatte, dass der Henker das Beil vielleicht doch nicht schwingen würde.
"So lange, wie es dauert. Ich überstürze keine Bindung, die ich nicht verstehe."
Sie wandte sich zum Gehen. Noch bevor sie die Tür erreichte, schnellte Corliss' Hand vor und schloss sich um ihr Handgelenk, der Griff viel zu fest für eine Frau, die angeblich um nichts trauerte.
"Verstehe eines", raunte Corliss, so leise, dass Kade es nicht hören konnte. "Du beendest, wofür man dich bezahlt hat. Nichts weiter."