IIWelche Freude am folgenden Tage beim Erwachen! Die Pfeife, die Bouvard rauchte, und die Prise, die Pécuchet nahm, erklärte ein jeder für die beste seines Lebens. Dann setzten sie sich ins Fenster, um die Aussicht zu betrachten.
Geradeaus hatte man die Felder vor sich, zur Rechten eine Scheune, daneben den Kirchturm; und zur Linken eine Wand von Pappeln.
Zwei Hauptalleen, die ein Kreuz bildeten, zerlegten den Garten in vier Teile. Die Gemüse standen auf den Langbeeten, wo in Abständen Zwergzypressen und spindelförmig geschnittene Obstbäume aufragten. Auf der einen Seite endete ein Laubengang auf einen Schneckenberg; auf der andern stützte eine Mauer die Spaliere; und ein Gitter schloß hinten den Garten gegen die Felder ab. Jenseits der Mauer war ein Obstgarten, hinter dem Laubengang ein kleiner Hain; hinter dem Gitter ein schmaler Pfad.
Das alles betrachteten sie, als ein Mann mit ergrautem Haar in einem schwarzen Überzieher auf dem Fußwege ging, wobei er mit seinem Stock an sämtlichen Stäben des Gitters entlang fuhr. Die alte Dienerin teilte ihnen mit, es sei Herr Vaucorbeil, ein berühmter Arzt des Ortes.
Die übrigen Honoratioren seien: der Graf von Faverges, der früher Abgeordneter war und dessen Kuhställe berühmt wären; der Bürgermeister, Herr Foureau, der Holz, Gips und sonst noch alles mögliche verkaufte; der Notar, Herr Marescot; der Abbé Jeufroy und die verwitwete Frau Bordin, die von ihren Zinsen lebte. — Was sie selbst anbetraf, so nannte man sie Frau Germaine, nach ihrem verstorbenen Gatten Germain; sie ging tageweise in Arbeit, würde aber bereit sein, ganz in den Dienst der Herren zu treten. Sie nahmen sie und machten sich auf den Weg nach ihrem Pachthof, der in einer Entfernung von einem Kilometer gelegen war.
Als sie in den Gutshof traten, schalt der Pächter, Meister Gouy, einen Knecht aus, und die Pächtersfrau saß auf einem Schemel und hatte einen Puter fest zwischen den Beinen, den sie mit Mehlklößen stopfte. Der Mann hatte eine niedrige Stirn, eine feine Nase, einen versteckten Blick und kräftige Schultern. Die Frau war sehr blond, hatte Sommersprossen auf den Backen und hatte jenen Anstrich von Einfalt, den die ländlichen Gestalten auf den Kirchenfenstern zeigen.
In der Küche hingen Hanfbündel an der Decke. Drei alte Flinten reihten sich auf dem hohen Kamin. Eine Anrichte, die mit geblümtem Steingut besetzt war, nahm die Mitte der Wand ein; und die Scheiben aus Butzenglas warfen über die Gerätschaften aus Blech und rotem Kupfer ein blasses Licht.
Die beiden Pariser wünschten die Besichtigung vorzunehmen, denn sie hatten die Besitzung erst einmal flüchtig gesehen. Meister Gouy und seine Gattin geleiteten sie; und die Litanei von Klagen begann.
Sämtliche Gebäude, von dem Wagenschuppen bis zur Branntweinbrennerei, hätten Ausbesserungen nötig. Es wäre erforderlich gewesen, ein Nebenhaus für die Käse zu bauen, an die Tore neue Eisenbeschläge zu setzen, die Erdwälle zu erhöhen, den Teich zu vertiefen und ein gut Teil Apfelbäume in die drei Höfe zu pflanzen.
Dann besichtigte man die Äcker: Meister Gouy machte sie herunter. Sie erforderten zu viel Bedüngung, das Anfahren sei kostspielig; unmöglich, die Steine daraus fortzubringen; Unkraut verderbe die Wiesen; und diese Verunglimpfung seines Bodens dämpfte die Freude, die Bouvard empfand, darüberzuschreiten.
Sie gingen durch den Hohlweg unter Buchen zurück. Von dieser Seite zeigte das Haus seinen Staatshof und die Front.
Es war weiß gestrichen und hatte Ornamente in gelber Farbe. Der Schuppen und das Vorratshaus, das Backhaus und der Holzstall bildeten zwei hinten rechtwinklig anschließende niedrigere Flügel. An die Küche stieß ein kleiner Saal. Dann gelangte man zum Hausflur, einem zweiten größeren Saal und dem Salon. Die vier Zimmer des ersten Stockes hatten ihren Ausgang auf einen Korridor, der nach dem Hofe zu lag. Eins davon nahm Pécuchet für seine Sammlungen. Das letzte wurde für die Bibliothek bestimmt; und als sie die Schränke öffneten, fanden sie andere Schmöker, aber sie hatten jetzt keine Lust, die Titel zu lesen. Das eiligste war der Garten.
Als Bouvard am Laubengange vorbeikam, entdeckte er unter den Zweigen eine weibliche Figur aus Gips. Mit zwei Fingern hob sie ihren Rock, während sie in hockender Stellung saß und ihr Kopf auf der Schulter lag, als fürchtete sie, überrascht zu werden. — „Ah! Verzeihung! Genieren Sie sich nicht!“ und dieser Scherz belustigte sie so, daß sie ihn mehr als drei Wochen jeden Tag zwanzigmal wiederholten.
Indessen wünschten die Bürger von Chavignolles ihre Bekanntschaft zu machen: man suchte sie durch das Gitter zu beobachten. Sie nagelten die Zwischenräume mit Brettern zu. Die Bevölkerung war erbost.
Um sich vor der Sonne zu schützen, trug Bouvard ein turbanartig geknüpftes Taschentuch auf dem Kopfe, Pécuchet seine Mütze; und er hatte eine große Schürze umgebunden, die vorn eine Tasche hatte, in der seine Baumschere, sein Tuch und seine Schnupftabakdose baumelten. Mit bloßen Armen, einer an der Seite des andern, ackerten sie, gäteten sie, putzten sie Bäume aus, ließen sich’s sauer werden und aßen so schnell wie möglich; doch gingen sie, um den Kaffee zu nehmen, auf den Schneckenberg, damit sie die Aussicht genießen konnten.
Wenn sie eine Schnecke sahen, näherten sie sich und zertraten sie, indem sie die Mundwinkel verzogen, wie wenn man eine Nuß knackt. Sie gingen nie ohne ihr Grabscheit aus, und sie zerhieben die Engerlinge in der Mitte mit solcher Kraft, daß der eiserne Teil des Gerätes drei Zoll tief in den Boden eindrang.
Um die Raupen zu vertilgen, schlugen sie die Bäume wie wütend mit heftigen Stockschlägen.
Bouvard pflanzte mitten auf den Rasen eine Pfingstrose, und Tomaten unter die Wölbung des Laubenganges. Sie sollten wie Leuchter herabhängen.
Pécuchet ließ vor der Küche ein großes Loch graben und teilte es in drei Teile, in denen er Kompost herstellen wollte; der würde eine Menge Dinge sprießen lassen, deren verweste Reste neues Wachstum hervorbringen sollten, und das sollte wieder neue Dungmittel ergeben, alles das bis ins Unendliche; und er stand träumend am Rande der Grube und sah dabei in der Zukunft Berge von Früchten, eine Überfülle von Blumen, Lawinen von Gemüsen. Doch der Pferdedünger, der so ausgezeichnet für die Mistbeete ist, fehlte ihm. Die Ökonomen verkauften keinen, die Herbergswirte behielten ihn für sich. Nach langem Suchen entschloß er sich endlich trotz Bouvards Bitten und mit Aufopferung alles Schamgefühls, „selbst den Pferdemist aufkratzen zu wollen!“
Inmitten dieser Beschäftigung sprach ihn eines Tages Frau Bordin auf der Landstraße an. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, erkundigte sie sich nach seinem Freunde. Die schwarzen, sehr glänzenden, obgleich kleinen Augen dieser Frau, ihre kräftigen Farben, ihr sicheres Auftreten (sie hatte sogar etwas Schnurrbart), schüchterten Pécuchet ein. Er antwortete kurz und drehte ihr den Rücken, — eine Unhöflichkeit, die Bouvard tadelte.
Dann brachen die schlechten Tage an, Kälte, starker Frost. Sie richteten sich in der Küche ein und verfertigten Flechtwerk; oder sie gingen durch die Zimmer, plauderten am Feuer, schauten zu, wie der Regen fiel.
Von Mittfasten an spähten sie nach dem Frühling, und jeden Morgen wiederholten sie: „Alles kommt!“ Aber der Frühling kam zögernd, und sie trösteten sich in ihrer Ungeduld, indem sie sagten: „Alles wird kommen!“
Endlich sahen sie die Erbsen aufgehen. Die Spargel sprossen tüchtig. Die Reben waren vielversprechend.
Da sie sich auf die Gartenbestellung verstanden, mußte es ihnen auch mit dem Ackerbau gelingen; — und der Ehrgeiz erfaßte sie, ihren Pachthof zu bewirtschaften. Mit gesundem Menschenverstand und Studien würden sie sich zweifellos gut aus der Sache ziehen.
Zuerst mußte man sehen, wie andere zu Werke gingen; und sie setzten einen Brief auf, worin sie Herrn von Faverges um die Ehre baten, seine Bewirtschaftung ansehen zu dürfen. Der Graf gewährte ihnen sogleich eine Zusammenkunft.
Nach einer Stunde Weges kamen sie auf den Hang eines Hügels, von wo man das Tal der Orne überschaut. Der Fluß floß in Windungen in der Tiefe. Blöcke von rotem Sandstein lagen hier und dort, und größere Felsen bildeten in der Ferne eine Art Klippe, die aus dem mit reifem Korn bestandenen Gelände hervorragte. Auf dem gegenüberliegenden Hügel wucherte Grün in solcher Fülle, daß es die Häuser verbarg. Bäume, die sich als dunklere Linien inmitten des Grases abhoben, zerlegten es in ungleiche Vierecke.
Plötzlich erblickte man das Gut in seiner Gesamtheit. Schindeldächer zeigten den Pachthof an. Rechts lag das Schloß mit seiner weißen Front; dahinter erschien ein Hain, und eine Rasenfläche senkte sich zum Fluß herab, in dem eine gerade Reihe von Platanen ihr Schattenbild spiegelten.
Die beiden Freunde kamen durch ein Luzernefeld, wo man heute. Frauen mit Strohhüten, unter dem Kinn geknoteten Kattuntüchern oder Schutzschirmen aus Papier wendeten mit Rechen das Heu, das an der Erde lag; und am anderen Ende des Geländes, bei den Heuhaufen, warf man eilig die Bündel auf einen langen Wagen, der mit drei Pferden bespannt war. Der Herr Graf näherte sich ihnen, begleitet von seinem Verwalter.
Er trug einen Anzug aus geköpertem Barchent, hatte eine gerade Haltung und Koteletten. Sein Äußeres vereinigte den Beamten mit dem Dandy. Seine Gesichtszüge blieben unbeweglich, auch wenn er sprach.
Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, erklärte er sein System bezüglich der Heubereitung; man wende die Schwaden, ohne sie zu zerstören. Die Schober müßten konisch sein und die Bündel unmittelbar an Ort und Stelle gemacht, dann zu je zehn aufeinandergelegt werden. Was den englischen Harker anlange, so sei das Wiesengelände zu uneben für dieses Gerät.
Ein kleines Mädchen, dessen bloße Füße in Holzpantinen steckten und dessen Leib durch die Löcher des Kleides sichtbar wurde, versorgte die Frauen mit Getränk, indem es Most aus einem Kruge schenkte, den es gegen seine Hüfte preßte. Der Graf fragte, wem dies Kind gehöre; man konnte es nicht sagen. Die Heuerinnen hatten es angenommen, damit es sie während der Ernte bediene. Er zuckte die Achseln und ließ, während er sich entfernte, einige Klagen über die Unsittlichkeit unserer Landleute laut werden.
Bouvard rühmte die Luzerne. Sie sei in der Tat recht gut geraten trotz der Verheerungen durch die Flachsseide. Die zukünftigen Ackerbaukundigen rissen die Augen auf bei dem Worte Flachsseide. Angesichts seines großen Viehbestandes richtete der Graf sein Augenmerk auf die künstlichen Wiesen; das sei übrigens eine gute Vorbereitung für die weiteren Ernten, was nicht immer auch von den Futterwurzeln gälte.
„Mir wenigstens scheint das unbestreitbar!“
Bouvard und Pécuchet wiederholten zugleich:
„O! unbestreitbar!“
Sie standen am Rande eines sorgsam gelockerten Feldes: ein Pferd, das an der Hand geführt wurde, zog einen großen Kasten, der auf drei Rädern ruhte. Sechs Pflugmesser, die nach unten gingen, zogen nebeneinander gleichlaufende feine Furchen, in die das Korn durch bis zum Boden reichende Röhren fiel.
„Hier,“ sagte der Graf, „lasse ich Steckrüben säen. Die Steckrübe ist die Basis meiner vierjährigen Kultur.“
Und er begann mit der Erklärung der Säemaschine. Doch ein Diener kam, ihn abzurufen. Man bedurfte seiner im Schloß.
Sein Verwalter, ein Mann mit verschlagenem Gesicht und kriecherischen Manieren, ersetzte ihn.
Er führte „die Herren“ zu einem andern Felde, wo vierzehn Schnitter mit bloßer Brust und gespreizten Beinen beim Roggenmähen waren. Die Sensen pfiffen in den Halmen, die sich nach rechts legten. Jeder beschrieb vor sich einen weiten Halbkreis, und alle rückten zugleich auf ein Zeichen vor. Die beiden Pariser staunten über die Arme der Leute und fühlten sich von beinahe religiöser Verehrung für den Reichtum des Bodens ergriffen.
Darauf kamen sie an mehreren Feldern vorbei, deren Bestellung soeben beendet war. Die Dämmerung fiel, Krähen ließen sich in die Furchen nieder.
Dann stießen sie auf die Herde. Die Schafe weideten zerstreut, und man hörte das beständige Abnagen des Grases. Der Hirt, der auf einem Baumstumpf saß, strickte an einem wollenen Strumpf und hatte seinen Hund neben sich.
Der Verwalter half Bouvard und Pécuchet über einen Heckenstieg, und sie durchschritten zwei Obsthöfe, wo wiederkäuende Kühe unter Apfelbäumen lagen.
Alle Gebäude des Gutshofes stießen aneinander und bildeten die drei Seiten des Hofes. Die Arbeitskraft wurde auf mechanischem Wege mit Hilfe einer Turbine erzeugt, wozu man einen Fluß benutzte, den man zu diesem Zwecke abgelenkt hatte. Lederriemen gingen von einem Dache ins andere, und inmitten des Düngers arbeitete eine eiserne Pumpe.
In den Schafställen lenkte der Verwalter ihre Aufmerksamkeit auf kleine Öffnungen zu ebener Erde und in den Schweineställen auf sinnreiche Türen, die sich von selbst schlossen.
Die Scheune war wie eine Kathedrale gewölbt in Bögen aus Ziegeln, die auf Steinmauern ruhten.