Kapitel 2: Gejagt

1655 Words
Kapitel 2: Gejagt Serenas Pfoten hämmerten über den Boden, während sie durch den dunklen Wald raste. Ihr neuer Wolfskörper war fremd, aber kraftvoll, trug sie schneller als je zuvor. Sie war noch nie so weit von den Rudelgebieten fortgewesen. Jeder knackende Zweig ließ sie zusammenfahren, jeder Schatten schien einen Feind zu bergen. Nachdem sie gelaufen war, bis ihr die Zeit wie Stunden vorkam, brach Serena neben einem kleinen Bach zusammen. Ihr mitternächtliches Fell war mit Blättern und Zweigen verheddert, ihre violetten Augen glühten in der Wasseroberfläche. Was war sie jetzt? Die Worte hallten in ihrem Geist: Onyx-Wolf. Verflucht. Monster. Ein Zweig knackte in der Nähe. Serenas Kopf ruckte hoch, ihre Ohren richteten sich auf das Geräusch. Ein vertrauter Duft wehte im Nachtwind heran. Elias. Er trat allein aus den Schatten, noch in Menschengestalt. Sein goldenes Haar glänzte im Mondlicht, doch seine blauen Augen waren kalt und distanziert. „Ich habe dir gesagt, du sollst bis zum Morgengrauen unser Gebiet verlassen“, sagte er, seine Stimme flach. „Warum bist du noch hier?“ Serena versuchte zu antworten, doch es kam nur ein Knurren heraus. Frustriert konzentrierte sie sich darauf, zurück in ihre Menschengestalt zu wechseln. Der Schmerz war brennend, aber diesmal schneller vorbei. Wenige Momente später stand sie vor ihm, nur in die zerfetzten Reste ihres weißen Zeremonienkleids gehüllt. „Elias, bitte“, flehte sie heiser. „Ich verstehe nicht, was passiert. Das ist nicht meine Schuld!“ „Nicht?“ Er trat näher, hielt aber einen sicheren Abstand. „Der Onyx-Wolf erscheint nur, wenn Dunkelheit die Blutlinie befleckt. Welche Dunkelheit hast du vor uns verborgen, Serena?“ „Keine! Ich habe nichts verborgen!“ Tränen liefen über ihr Gesicht. „Wir sollten Gefährten sein. Du hast versprochen, immer an meiner Seite zu stehen.“ Etwas flackerte in seinen Augen—Zweifel, vielleicht sogar Bedauern—doch es verlosch rasch. „Das war, bevor ich wusste, was du wirklich bist.“ Er schüttelte den Kopf. „Die Ältesten haben die alten Texte durchsucht. Der Onyx-Wolf bringt nur Tod und Zerstörung. Deine Anwesenheit bedroht uns alle.“ „Ich würde niemals jemanden verletzen“, flüsterte Serena. „Du kennst mich, Elias.“ „Das dachte ich.“ Seine Kiefermuskeln spannten sich. „Das Rudel hat entschieden. Dein Vater hat zugestimmt.“ Die Erwähnung ihres Vaters fachte neuen Schmerz in Serena an. „Mein eigener Vater will, dass ich gehe?“ „Alpha Caius hat den Notrat selbst einberufen.“ Elias’ Stimme wurde ein wenig weicher. „Er sagte, keine Tochter von ihm würde das Mal des Fluchs tragen.“ Serena fühlte, wie etwas in ihr zerbrach. Nicht nur ihr Herz, sondern etwas Tieferes—als würde das Fundament ihres gesamten Selbst aufreißen. Die dunkle Macht, die sie während ihrer Verwandlung gespürt hatte, regte sich wieder und antwortete auf ihren Schmerz. „Elder Thorne fand eine Prophezeiung“, fuhr Elias fort, ohne die Veränderung in ihr zu bemerken. „Unter einer purpurroten Finsternis geboren, wird der Onyx-Wolf entweder unsere Art retten oder sie zerstören. Niemand möchte herausfinden, was davon wahr ist.“ „Also bist du gekommen, um mich zu töten?“, fragte Serena leise. Elias zögerte. „Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Die Jagdgruppe ist unterwegs—dein Vater führt sie an. Sie werden kein Erbarmen zeigen, nicht einmal mit dir.“ In der Ferne erhoben mehrere Wölfe ihre Heuler in die Nacht, näher als zuvor. „Warum warnst du mich überhaupt, wenn ich doch so ein Monster bin?“, verlangte Serena. Elias wandte den Blick ab. „Weil ich einst versprochen habe, dich zu beschützen. Diese Warnung ist der letzte Schutz, den ich dir geben kann.“ Bevor Serena antworten konnte, brach ein gewaltiger silberner Wolf aus den Bäumen—ihr Vater. Die Zähne gefletscht, die Augen wild vor Wut und etwas anderem—Angst. Hinter ihm tauchten weitere Wölfe auf: ihre Onkel, Cousins, Rudelmitglieder, die ihre Geburtstage gefeiert und ihr das Jagen beigebracht hatten. Ihr Vater wechselte blitzschnell in seine Menschengestalt zurück, sein nackter Körper glänzte vom Schweiß im Mondlicht. „Du!“, fauchte er Serena an. „Mein eigenes Blut, vom Fluch befleckt!“ „Vater, bitte—“ „Ich habe keine Tochter!“, brüllte er. „Meine Tochter wäre eine silberne Wölfin gewesen, stolz und rein. Du bist eine Abscheulichkeit!“ Jedes Wort schnitt tiefer als jede Klaue. Serena stolperte zurück, spürte, wie die fremde Macht in ihr auf ihre Qual reagierte. „Der Rat hat gesprochen“, fuhr ihr Vater fort. „Elder Thorne hat die alten Schriftrollen konsultiert. Der Onyx-Wolf muss ausgelöscht werden, bevor sich die Dunkelheit ausbreitet.“ Elder Thorne trat aus der Menge, bereits in Menschengestalt. Das Gesicht des alten Mannes war unter seinem weißen Bart hart. „Die Prophezeiung ist eindeutig“, verkündete er. „Ein Onyx-Wolf, geboren unter einem purpurroten Mond, bringt das Ende der Tage. Der Fluch muss aus unseren Landen getilgt werden.“ „Ich habe nichts falsch gemacht!“, schrie Serena. „Deine Existenz ist falsch“, entgegnete Elder Thorne kalt. „Deine Mutter hat dieses Mal gut verborgen, aber Blut verrät alles. Jetzt wissen wir, warum Isolde Vale vor all den Jahren verschwand—sie wusste, welche Dunkelheit sie trug.“ „Meine Mutter starb, als ich ein Baby war“, protestierte Serena. „Tat sie das?“ Elder Thornes Augen verengten sich. „Oder floh sie, um ihre Schande zu verbergen? Vielleicht wusste sie, was du werden würdest.“ Flüstern ging durch die versammelten Wölfe. Serenas Kopf schwirrte vor Verwirrung und Schmerz. „Genug geredet“, knurrte ihr Vater. „Die Abscheulichkeit stirbt heute Nacht.“ Er begann, sich zurückzuverwandeln, seine Knochen knackten, während sich sein Körper veränderte. Die anderen Rudelmitglieder folgten, ihre menschlichen Körper schmolzen dahin und enthüllten fletschende Wölfe. Elias stand noch abseits, sein Gesicht gequält. „Caius, vielleicht gibt es einen anderen Weg—“ „Stell dich zur Seite oder stell dich zu ihr“, schnappte Serenas Vater, bevor seine Worte in ein Knurren übergingen, als seine Verwandlung vollendet war. Elias sah Serena ein letztes Mal an, den inneren Konflikt deutlich in seinen Augen. „Lauf“, flüsterte er. Dann begann auch er sich zu verwandeln, sein Körper krümmte sich und streckte sich, bis er ein Wolf war—nicht silbern wie ihr Vater, sondern von einem satten Goldton, der zu seinem menschlichen Haar passte. Serena wartete nicht, um zu sehen, ob er sich der Jagd anschließen würde. Sie rief ihre Wölfin herbei, umarmte den Schmerz der Verwandlung. Diesmal ging es schneller, ihr Körper erinnerte sich. Sekunden später schimmerte ihr schwarzes Fell im Mondlicht, ihre violetten Augen glühten mit innerem Feuer. Die Macht, die in ihr gewachsen war, brach plötzlich hervor. Bäume um sie herum bogen sich, als stünden sie in einem Orkan. Die jagenden Wölfe wurden zurückgeschleudert, jaulend vor Überraschung. Serena verstand nicht, was geschah, aber sie wusste, dass dies ihre einzige Chance war. Sie sprang los, ihre kräftigen Beine trugen sie tiefer in unbekanntes Gebiet. Hinter ihr erklangen die Heuler erneut—wütender jetzt, mit einem Hauch von Angst. Ihre Machtdemonstration hatte sie erschreckt, aber auch ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Nun würden sie niemals aufhören, sie zu jagen. Während sie rannte, liefen Tränen aus ihren Wolfsaugen. Alles, was sie je gekannt hatte, war verloren. Ihr Zuhause. Ihre Familie. Ihre Zukunft mit Elias. Alles verschwunden in einer einzigen Nacht, ersetzt durch Furcht und Hass. Der Wald wurde dichter, die Bäume älter. Serena bemerkte, dass sie in die verbotenen Länder eindrang—Gebiet, das vom gefürchteten Nightfang-Rudel beansprucht wurde. Zu jeder anderen Zeit wäre sie umgekehrt, anstatt das Risiko einzugehen, diesen gefährlichen Wölfen zu begegnen. Jetzt hatte sie keine Wahl. Hinter ihr lauerte der Tod, vor ihr unbekannte Gefahren. Die Heuler ihres ehemaligen Rudels wurden leiser. Entweder waren sie zurückgefallen oder gingen vorsichtiger vor, da sie das Territorium der Nightfangs erreichten. Wie auch immer—Serena hatte einen kleinen Vorsprung gewonnen. Der Morgen nahte. Der purpurrote Mond, der ihr Schicksal besiegelt hatte, sank zum Horizont. Bald würde die Sonne auf ihren ersten Tag als Ausgestoßene scheinen. Erschöpft verlangsamte Serena ihr Tempo. Sie musste sich ausruhen, verstecken, herausfinden, was sie als Nächstes tun sollte. Die Geschichten über die Onyx-Wölfe—waren sie wahr? War sie wirklich verflucht? Und was war diese seltsame Macht, die aus ihr hervorgebrochen war? Ein neuer Duft erreichte ihre Nase—fremde Wölfe. Viele. Nightfang. Serena erstarrte, gefangen zwischen ihren Verfolgern und dieser neuen Bedrohung. Zu spät erkannte sie, dass sie direkt in eine Falle geraten war. Schattenhafte Gestalten traten zwischen den Bäumen hervor und umringten sie vollständig. Keine silbernen Wölfe wie ihr früheres Rudel, sondern dunklere—graue, braune und schwarze, obwohl keiner so rein schwarz war wie sie. Ein gewaltiger Wolf trat vor. Anders als die anderen zeigte er keine Furcht vor ihr. Sein Fell war dunkelgrau, fast schwarz, mit einer markanten weißen Zeichnung über der Brust. Seine bernsteinfarbenen Augen musterten sie interessiert, nicht ängstlich. Serena wich zurück, ein Knurren erhob sich in ihrer Kehle. Doch es gab keinen Fluchtweg. Der große Wolf verwandelte sich, sein Körper streckte und drehte sich, bis ein Mann vor ihr stand. Groß und imposant, mit dem gleichen dunklen Haar wie sein Wolf und kalten bernsteinfarbenen Augen. Eine gezackte Narbe zog sich von seiner linken Schläfe bis zu seinem Kiefer und verlieh seinem ohnehin schon gefährlich schönen Gesicht eine scharfe Note. „Nun“, sagte er, seine Stimme tief und glatt wie Samt, „was haben wir denn da? Eine einsame Onyx-Wölfin, die vor dem Silver Ridge Clan flieht.“ Sein Lächeln war scharf wie eine Klinge. „Wie überaus interessant.“ Serena fletschte die Zähne, bemühte sich, gefährlich zu wirken statt entsetzt. „Mein Name ist Lucian Draven, Alpha des Nightfang-Rudels“, fuhr er fort, offenbar unbeeindruckt von ihrer Drohung. „Und du, kleine verfluchte Wölfin, bist vielleicht genau das, worauf ich gewartet habe.“
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