Kapitel 1: Der Verfluchte Mond
Kapitel 1: Der Verfluchte Mond
Serena Vale konnte nicht schlafen. Heute war ihr einundzwanzigster Geburtstag und, noch wichtiger, die Nacht ihrer ersten Verwandlung. Sie lief in ihrem Schlafzimmer auf und ab und zählte die Minuten bis Mitternacht.
„Beruhig dich“, flüsterte sie zu sich selbst und fuhr sich mit den Fingern durch ihr langes dunkles Haar. „Jeder Vale war seit Generationen ein perfekter Shifter.“
Ihr Herz raste, als sie aus dem Fenster auf den Vollmond blickte, der über dem Gebiet von Silver Ridge aufging. Der Mond wirkte anders heute Nacht—an den Rändern von einem roten Schimmer umgeben. Ein purpurroter Mond. Sie fröstelte trotz der warmen Sommerluft.
Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken.
„Serena? Bist du bereit?“ Die tiefe Stimme ihres Vaters drang durch die Tür. Alpha Caius Vale, der Anführer des Silver Ridge Clans, klang ungewöhnlich nervös.
„Ja, Vater. Ich komme.“ Serena strich das weiße Zeremonienkleid glatt, das alle Wölfe bei ihrer ersten Verwandlung trugen. Der weiche Stoff fiel ihr bis zu den Knien—schlicht, aber elegant.
Sie öffnete die Tür und sah ihren Vater dort stehen, seine grauen Augen—derselbe Farbton wie ihre—erfüllt von Stolz.
„Heute Nacht wirst du zu dem, wozu du immer bestimmt warst“, sagte er und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Die zukünftige Luna unseres Rudels.“
Serena nickte, ihr Magen flatterte vor Aufregung und Angst zugleich. Als Gefährtin von Elias Storm, dem jungen Alpha, der eines Tages ihren Vater ablösen würde, ausgewählt zu werden, war die größte Ehre. Sie kannte Elias seit ihrer Kindheit, und der Gedanke, an seiner Seite zu stehen, ließ ihr Herz stolpern.
„Ist Elias hier?“, fragte sie, während sie ihrem Vater den Flur entlang folgte.
„Natürlich. Alle warten im Heiligen Kreis.“
Der Heilige Kreis war eine Lichtung im Herzen des Waldes, umgeben von uralten Eichen, die schienen, den Sternenhimmel zu berühren. Als Serena und ihr Vater sich näherten, sah sie Hunderte von Wölfen, die in konzentrischen Ringen um einen steinernen Altar in der Mitte versammelt waren. Fackeln brannten hell und warfen tanzende Schatten auf gespannte Gesichter.
Und dort, am Altar stehend, war Elias Storm. Groß und kraftvoll, mit goldenem Haar, das im Feuerschein aufglühte. Als er Serena sah, leuchteten seine blauen Augen auf, und er lächelte—ein Lächeln, das sie sonst innerlich wärmen ließ. Doch heute Nacht fühlte es sich anders an. Das Lächeln erreichte seine Augen nicht ganz.
Flüstern glitt durch die Menge, als Serena in die Mitte des Kreises trat. Sie hielt den Kopf hoch, bemüht, selbstsicher zu wirken, trotz der seltsamen Spannung in der Luft.
„Heute Nacht erleben wir die erste Verwandlung von Serena Vale“, verkündete ihr Vater, seine Stimme trug über die stille Menge. „Die zukünftige Luna des Silver Ridge Clans und Gefährtin unseres nächsten Alphas, Elias Storm.“
Elias trat vor und nahm Serenas Hand. Seine Berührung war kälter, als sie es in Erinnerung hatte.
„Ich habe auf diese Nacht gewartet“, sagte er, doch seine Stimme klang angespannt. „Wir alle haben das.“
Die Rudelmitglieder begannen zu singen, ihre Stimmen erhoben und senkten sich wie Wellen. Serena schloss die Augen und spürte die Energie, die in ihr aufstieg. Das war der Moment, von dem sie ihr ganzes Leben geträumt hatte.
„Es ist so weit“, flüsterte ihr Vater.
Serena trat auf den steinernen Altar, ihre nackten Füße froren auf dem uralten Fels. Der purpurrote Mond hing nun direkt über ihr und tauchte die Lichtung in gespenstisch rotes Licht.
„Umarme deinen Wolf“, rief Elias ihr zu. „Lass sie frei.“
Serena holte tief Luft und griff tief in sich hinein, suchte nach der Wölfin, von der sie wusste, dass sie dort war. Sie hatte ihre Präsenz seit Jahren gespürt—einen Schatten unter ihrer Haut, der darauf wartete, befreit zu werden.
Zuerst geschah nichts. Dann durchzuckte sie ein Schmerz wie ein Blitz. Sie schnappte nach Luft und krümmte sich zusammen, als ihre Knochen zu knacken und sich umzuformen begannen. Das war nicht richtig. Erste Verwandlungen sollten schmerzhaft sein, ja, aber das—das war Qual.
„Vater?“, rief sie, ihre Stimme verzerrte sich, als ihr Kiefer begann, sich zu verlängern.
Der Gesang der Menge stockte. Jemand keuchte. Dann noch jemand.
„Was passiert mit ihr?“, rief eine Stimme.
Durch Tränen des Schmerzes sah Serena, wie sich ihre Hände nicht in die silberweißen Pfoten ihrer Blutlinie verwandelten, sondern in massive schwarze Klauen, ihre Haut verdunkelte sich zu mitternächtlichem Fell, das das Fackellicht zu verschlucken schien.
„Nein“, flüsterte ihr Vater, Entsetzen brannte in seinen Zügen. „Das kann nicht sein.“
Die Verwandlung beschleunigte sich, Knochen brachen und Muskeln rissen, während Serenas menschliche Gestalt der Wölfin in ihr nachgab. Doch als die Verwandlung abgeschlossen war, legte sich eine unnatürliche Stille über den Heiligen Kreis.
Wo eine silberne Wölfin stehen sollte, kauerte eine massive schwarze Wölfin auf dem Altar. Serenas Fell war dunkler als Mitternacht, schien das Licht um sie herum aufzusaugen. Und ihre Augen—ihre Augen leuchteten in einem lebendigen, unnatürlichen Violett.
„Onyx-Wolf“, flüsterte jemand, und das Wort verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Menge.
„Der Fluch ist zurück!“
„Sie ist ein Monster!“
„Lauft! Bringt die Welpen in Sicherheit!“
Serena winselte, verwirrt von der Reaktion. Sie sah zu Elias, erwartete, dass er sie verteidigen würde, das Rudel beruhigen. Stattdessen sah sie nackte Angst in seinen Augen, als er vom Altar zurückwich.
„Elias?“, versuchte sie zu sagen, doch es kam nur ein tiefes Knurren heraus.
„Bleib zurück“, sagte er, seine Stimme zitterte. „Du bist nicht das, was wir dachten. Nicht die, die ich dachte.“
Schmerz schoss durch Serenas Herz, schlimmer als die körperliche Qual ihrer Verwandlung. Sie wandte sich an ihren Vater, hoffte auf Unterstützung, auf eine Erklärung.
Doch das Gesicht von Caius Vale war zu einer Maske aus Abscheu und Verrat erstarrt. „Wie konnte das geschehen?“, fauchte er. „Ein Onyx-Wolf in meiner Blutlinie?“
„Die Prophezeiung“, flüsterte eine Älteste neben ihm. „Geboren unter dem purpurroten Mond…“
Serena versuchte, einen Schritt auf ihren Vater zuzugehen, verwirrt und verängstigt, doch als sie sich bewegte, raste eine fremde Macht durch ihren Körper. Die Fackeln rund um die Lichtung loderten plötzlich höher, dann erloschen sie völlig und stürzten den Heiligen Kreis in Dunkelheit, erleuchtet nur vom roten Mond und ihren glühenden violetten Augen.
Schreie ertönten, als Wölfe versuchten, vor ihr zu fliehen. Selbst in der Dunkelheit konnte Serena alles klar sehen—den Schrecken und den Hass in Gesichtern, die noch vor Minuten gelächelt hatten.
„Ergreift sie!“, rief jemand. „Bevor sie uns alle ins Verderben stürzt!“
„Nein, tötet sie jetzt!“, rief eine andere Stimme.
Serena wich zurück, ihre neuen Wolfsinstinkte schrien sie an, zu fliehen. Das konnte nicht wahr sein. Das sollte ihre Nacht des Triumphes sein, nicht des Grauens.
Elias trat vor, sein Gesicht im Mondlicht hart. „Serena Vale“, verkündete er, seine Stimme nun kalt und formell, „kraft meines Rechts als zukünftiger Alpha des Silver Ridge Clans lehne ich dich als Luna ab und verstoße dich aus unserem Rudel.“
Die Worte trafen sie wie körperliche Schläge. Abgelehnt. Verstoßen. Von dem Mann, der ihr Gefährte, ihre Zukunft sein sollte.
„Du hast bis zum Morgengrauen Zeit, unser Gebiet zu verlassen“, fuhr Elias fort. „Danach wirst du gejagt wie die Abscheulichkeit, die du bist.“
Serenas neuer Wolfskörper zitterte vor Schock und Trauer. Doch tief unter diesen Gefühlen regte sich etwas anderes—etwas Dunkles und Mächtiges, das von Rache flüsterte.
Ein Knurren baute sich in ihrer Kehle auf, und sie sah, wie Elias zusammenzuckte. Gut. Soll er Angst haben.
Bevor jemand sie fangen konnte, sprang Serena vom Altar und brach durch den Kreis der verängstigten Wölfe. Ihre kraftvollen Beine trugen sie in den Wald, weg von allem, was sie je gekannt und geliebt hatte.
Hinter ihr hörte sie die Stimme ihres Vaters, brüchig vor Emotion: „Findet sie! Der Onyx-Wolf darf nicht entkommen!“
Während Serena tiefer in den fremden Wald rannte, pochte ihr Herz mit einer furchtbaren Wahrheit: Sie war verflucht, gejagt und vollkommen allein. Doch etwas sagte ihr, dass dies nur der Anfang einer viel dunkleren Geschichte war—einer, die im purpurroten Licht des Mondes geschrieben stand, der ihr Schicksal besiegelt hatte.