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Emma
Als wir landen, weiß ich viel zu viel über meine Sitznachbarn, denn sie scheinen gemeinsam beschlossen zu haben, dass der beste Weg ist, wie ich nicht über meine Trennung weinen kann, dass sie mich mit detaillierten Geschichten über sich selbst unterhalten. Als Ergebnis davon habe ich erfahren, dass Donny, der über fünfzigjährige Mann, ursprünglich aus Pennsylvania stammt, aber in Florida lebt, zweimal geschieden ist, ein Autohaus in Winter Park besitzt und nichts Grünes essen kann, während Ayla, der Teenager, einer der wenigen Menschen ist, die in Florida geboren sind, eine Schwester hat, die dreimal geschieden ist, und im nächsten Jahr die Highschool abschließen wird. Also Ayla, nicht die Schwester. Die Schwester hat die Highschool abgebrochen. Oh, und Ayla ist allergisch gegen Baumnüsse, hat aber keine Probleme mit Grünzeug.
»Bye! Schön, Sie kennengelernt zu haben!« Ich winke ihnen zu, als sie mit ihren Taschen an mir vorbeieilen, und sie winken zurück, offensichtlich erleichtert, dass sie den Flug und die verrückte Rothaarige, die über einen Mann weint, der sie gebeten hat, bei ihm einzuziehen, hinter sich haben.
Ich bin auch erleichtert. Nicht, weil ich ihre Geschichten nicht gern gehört habe – sie haben es geschafft, mich von meinem Herzschmerz abzulenken –, sondern weil ich mich darauf freue, meine Großeltern zu sehen und die warme Luft Floridas auf meiner Haut zu spüren.
Die Feuchtigkeit hier ist mörderisch für meine Locken, aber nach dem brutalen Schneesturm in New York wird es sich unglaublich anfühlen.
Gramps wartet im Terminal, direkt am Shuttleausgang, auf mich, und ich werde immer schneller, bis ich schließlich zu ihm renne und der Koffer hinter mir hüpft. Obwohl wir häufig skypen, habe ich ihn seit einem Jahr nicht mehr persönlich gesehen, und meine Brust fühlt sich an, als würde sie vor Freude platzen, als ich den Koffergriff loslasse, ihn in den Arm nehme und wie eine Verrückte grinse.
Obwohl er fast achtzig Jahre alt ist, ist mein Großvater immer noch kräftig, seine Schultern sind nicht gebeugt und seine Brust ist d**k mit Muskeln überzogen. Er riecht auch genauso, wie ich es in Erinnerung habe – nach Großmutters Keksen und gestärkter Wäsche. Als ich mich zurückziehe, betrachte ich ihn, und es freut mich, zu sehen, dass er trotz einiger tieferer Falten ziemlich genauso aussieht wie im letzten Jahr.
Er betrachtet mich ebenfalls, und ich bemerke den exakten Moment, in dem er meine rot umrandeten Augen registriert.
»Was ist passiert?«, fragt er, und seine buschigen Augenbrauen ziehen sich in Windeseile zusammen. »Hast du geweint?«
»Nein, natürlich nicht. Ich habe nur etwas Zitronensaft in die Augen bekommen«, lüge ich und strecke mich nach dem Griff meines Koffers aus. »Ich habe im Flugzeug ein Stückchen in mein Wasser ausgepresst und mir dabei ins Gesicht gespritzt.«
»Zitrone, hm?« Opa nimmt mir den Koffer ab, als wir zum Ausgang gehen. »Ich dachte, es könnte etwas mit deinem Wall-Street-Freund zu tun haben.«
»Was, Marcus? Oh nein, es ist nichts dergleichen. Außerdem habe ich euch gesagt, dass er nicht mein Freund ist.«
Er ist nicht nichts mehr für mich, aber darauf werde ich jetzt nicht näher eingehen. Vielleicht finde ich später, wenn ich mich erst einmal eingelebt und ein paar von Omas Keksen gegessen habe, die Kraft, die Hoffnungen meiner Großeltern zu zerstören, aber im Moment bin ich zu erschöpft dafür.
Außerdem würde ich die schlechte Nachricht lieber beiden auf einmal mitteilen.
»Nun, was immer es auch sein mag, wir freuen uns für dich«, sagt Opa. »Es sei denn, er ist die fragliche Zitrone.« Er schaut mich an, als wir die Rolltreppe betreten, und ich zwinge mich zu einem Lachen.
»Sehr lustig, Gramps. Wie wäre es, wenn du mir sagst, wie es dir und Oma geht?«
»Oh, wie immer – und das schon seit Ewigkeiten.« Er zwinkert mir zu, und mein Lachen ist diesmal echt. »Was ist mit dir, Prinzessin? Wie war der Flug? Er sah aus, als würde er pünktlich sein, und dann war er plötzlich verspätet.«
»Oh nein. Warst du schon auf dem Weg zum Flughafen, als du von der Verspätung erfuhrst?«
»Das war ich, aber keine Sorge. Ich bin einfach ein bisschen umhergefahren und habe mir dabei Hörbücher angehört. Deine Großmutter war allerdings besorgt, deshalb solltest du sie vielleicht anrufen, sobald wir zum Auto kommen. Haben sie gesagt, was der Grund für die Verzögerung war? War es wegen des Schneesturms?«
Ich zucke mit den Schultern. »Sie haben nichts gesagt, aber sie mussten wahrscheinlich die Flügel enteisen oder so etwas. Ich hatte Glück, dass das Flugzeug überhaupt abhob.«
»Das stimmt. Deine Großmutter klebt seit Montag vor dem Wetterkanal und verfolgt den verdammten Sturm. Man könnte meinen, es sei eine ihrer Netflix-Serien.« Er schnaubt kopfschüttelnd, und ich verberge ein Grinsen. Opa schaut sich Netflix Seite an Seite mit Oma an, aber aus irgendeinem Grund besteht er darauf, dass es ihre Serien sind und dass er überhaupt nicht auf sie steht.
Während wir auf den Parkplatz hinausgehen, unterhalten wir uns weiter, und ich erfahre, dass Opa eine neue Angelrute bekommen hat und dass Oma das meiste Essen für morgen schon vorbereitet hat. »Schade, dass dein junger Mann es nicht schaffen konnte«, meint Opa, als wir ins Auto steigen, und mein Lächeln wird angestrengt, als ich die Ausrede, die ich ihnen über Skype gegeben habe, wiederhole – dass Marcus diese Woche auf der Arbeit verdammt viel zu tun hat.
Es stimmt eigentlich auch – eine fehlgeschlagene Investition ist das, was ihn am Sonntag von meiner Seite gerissen hat –, aber das wusste ich am Samstag nicht, als Marcus meine Großeltern über Skype kennenlernte und sie ihn zu Thanksgiving nach Florida einluden. Ich wusste einfach, dass es verrückt war, ihn so früh in unserer Beziehung schon zu ihnen mitzunehmen, also platzte diese Ausrede aus mir heraus – und das Gott sei Dank.
Hätten meine Großeltern erwartet, dass er mit mir kommt, wäre es unendlich viel schlimmer gewesen.
Als wir den Parkplatz verlassen haben, rufe ich meine Vermieterin, Frau Metz, an, um mich nach meinen Katzen zu erkundigen. »Alle gefüttert und kuschelig auf deinem Bett«, teilt sie mir fröhlich mit, und ich danke ihr nochmals dafür, dass sie sich während meiner Abwesenheit um meine haarigen Babys kümmert.
Als Nächstes rufe ich Oma an und versichere ihr, dass mein Flug gut verlaufen ist und dass ich mich darauf freue, sie gleich zu sehen. Sie beschreibt alle Gerichte, die sie für morgen zubereitet mit Details, bei denen mir das Wasser im Mund zusammenläuft, und als ich auflege, bin ich bereit, meinen eigenen Fuß zu essen.
»Sie hat eine Kleinigkeit für dich eingepackt«, sagt Opa, der anscheinend meine Gedanken liest. »Sie ist in der Kühlbox auf dem Rücksitz. Sie dachte sich, dass du nach dem Flug hungrig sein würdest.«
Ich war es nicht, bis Oma mich mit all diesen kochbuchartigen Beschreibungen hungrig gemacht hat, aber was soll’s? Ich drehe mich um, schnappe mir die Kühlbox und fange an, geschnittenes Obst und Käsestäbchen zu mampfen, während Gramps eine Geschichte über ein neues Paar, das er und Oma kennengelernt haben, zusammen mit irgendwelchen Ereignissen aus ihrer Gemeinde erzählt.
Flagler Beach, die kleine Stadt an der Nordostküste Floridas, in der sie leben, ist etwa neunzig Minuten Fahrtzeit von Orlando entfernt, aber Gramps hasst die I-4, die direkteste Route, die durch Downtown Orlando führt, so dass wir am Ende den längeren Weg nehmen. Seiner Meinung nach lohnt es sich, denn die zusätzlichen zwanzig Minuten geben ihm Seelenfrieden.
»So bleiben wir nicht im Verkehr stecken«, informiert er mich, und ich verkneife mir, ihn darauf hinzuweisen, dass er dadurch, dass er jedes Mal die längere Route nimmt – auch in den Sperrstunden, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Staus gering ist –, insgesamt mehr Zeit auf der Straße verbringt als durch die ständige Fahrt auf der I-4 und das gelegentliche Steckenbleiben.
Auf jeden Fall ist es fast Mitternacht, als wir bei ihnen vorfahren. Zu meiner Überraschung ist Oma, die normalerweise gegen zehn Uhr schlafen geht, hellwach und hübsch gekleidet, als sie uns in der Einfahrt begrüßt, wo ein schnittiger weißer Mercedes neben Großmutters altem Käfer parkt – wahrscheinlich als Gefallen für irgendeinen Nachbarn.
»Du hättest ins Bett gehen sollen«, schimpfe ich mit ihr, während ich sie umarme, und sie lacht, wobei ihre grauen Augen vor kaum unterdrückter Aufregung glänzen, als sie sich zurückzieht und eine Wolke ihres Lieblingsjasminparfums hinterlässt.
»Ins Bett? Wenn meine Lieblingsenkelin nach Hause kommt? Ich bin nicht so alt, dass ich nicht auch mal ein paar Stunden nach meiner normalen Schlafenszeit noch wach sein kann. Außerdem konnte ich nicht einschlafen, wenn so eine große Überraschung auf dich wartet«, sagt sie strahlend, und mir wird klar, dass sie nicht nur Parfum und Ausgehkleidung trägt, sondern auch noch ihr Tages-Make-up.
»Welche Überraschung?« Gramps, der mit dem Koffer von hinten kommt, klingt so verwirrt, wie ich mich fühle. »Und wessen Auto ist das?« Er schaut über seine Schulter auf den Mercedes.
Oma grinst. »Kommt rein und seht selbst.« Sie eilt voraus, und Opa und ich tauschen verwirrte Blicke aus, bevor wir ihr folgen.
Ich gehe zuerst hinein, während Opa hinter mir den Koffer zieht, aber ich mache nur zwei Schritte, bevor meine Füße Wurzeln schlagen, ich auf der Stelle versteinere und mit offenem Mund gaffe.
In der Mitte des Wohnzimmers meiner Großeltern steht neben ihrer leicht abgenutzten Couch ein großer, kräftig gebauter Mann mit harten, auffallend männlichen Zügen. Dicke, dunkle Augenbrauen, ein scharf geschnittener Kiefer und hohe Wangenknochen über schlanken Wangen, die von leichten Stoppeln verdunkelt sind – alles an den kühnen Linien seines Gesichts erwärmt mein Blut und lässt meinen Puls ansteigen. Statt seines üblichen perfekt geschnittenen Anzuges trägt er eine Designer-Jeans und ein lässiges weißes, geknöpftes Hemd – dasselbe Outfit, in dem ich ihn vor weniger als fünf Stunden am JFK-Flughafen in New York gesehen habe.
Als er mich geküsst hat.
Und mich gebeten hat, bei ihm einzuziehen.
Und mich angesehen hat, als hätte ich ihm ein Messer ins Herz gerammt, als ich mich weigerte und ins Flugzeug stieg.
Marcus Carelli, der Wall-Street-Milliardär, in den ich mich trotz meines besseren Urteilsvermögens verliebt habe, ist hier, im Haus meiner Großeltern, und seine kühlen blauen Augen sind mit der Intensität eines Falken, der seine Lieblingsbeute verfolgt, auf mich gerichtet.