Schatten über dem Jurassic Inn

1097 Words
Die Treppe schien kein Ende zu nehmen. Frau Kaitlin blickte nervös auf ihre Armbanduhr, während sie die Stufen durcheilte. Sie hätte ihren Sohn am liebsten selbst gesucht. Sie wusste, dass er stark war, aber ein dunkles Gefühl warnte sie vor Unheil. Auf dem oberen Absatz hielt sie inne. Ihr Telefon summte auf der Veranda. Mit zitternden Händen griff sie danach und wischte über den Bildschirm, ohne auf die Nummer zu achten. „Johnny! Wo bleibst du? Es dauert zu lange!“ Nur ein unheimliches Rauschen antwortete ihr. Als sie auf das Display sah, stand dort eine unbekannte Nummer. Voller Panik legte sie auf und rannte ins Haus. Im selben Moment klopfte es leise an der Tür. Hastig riss sie die Tür auf, zog ihren Sohn hinein und schlug das Holz hinter ihm zu. „Mama! Was ist denn los?“, fragte Johnny überrascht und fing seinen Sturz ab. „Wir müssen sofort zurück in die Middens!“, rief sie außer sich. Sie zog eine große Tasche aus dem Schrank und warf panisch Kleidung hinein. „Es war ein Fehler, herzukommen. Sie werden dich töten!“ „Mama, beruhige dich doch. Was ist passiert?“ „Der alte Zirkel wurde ausgelöscht! Die Nachricht verbreitet sich überall. Sie suchen nach dir. Jeder, der dich erkennt, wird versuchen, dich zu töten!“ „Mama!“, rief Johnny energisch und packte sie an den Schultern. „Hör mir zu. Der alte Orden kann mich hier nicht finden. In den Middens läuft die Suche, aber ich habe Scot und das innere Rudel vorgewarnt. Wir sind hier sicher.“ Er nahm sie fest in den Arm. Johnny spürte, wie der rasende Herzschlag seiner Mutter langsam ruhiger wurde. Sein Vater hatte immer gesagt, sie sei zu sanft für eine Luna. Sie ertrug keine Gewalt. Nach dem Krieg, der seinen Vater das Leben gekostet hatte, war sie mit den Überlebenden geflohen. Um seine Mutter nicht weiter in Gefahr zu bringen, war Johnny bereit, jederzeit wieder zu fliehen. Er löste sich aus der Umarmung, als sein Mobiltelefon in der Tasche vibrierte. Er ging in sein Zimmer und nahm den Anruf entgegen. „Hey, Kumpel!“, ertönte Scots Stimme. „Scot?“ „Wir sind in der Stadt und wollen feiern. Wo bist du?“ „Was für eine Feier? Ist das ein neues Codewort?“, fragte Johnny leise. „Nein, Philia wollte unbedingt los. Wir haben gestern die Middens verlassen und uns in einer kleinen Herberge in BeTusar eingemietet.“ „Seid ihr verrückt geworden?“, zischte Johnny. „Wir wollen einfach ein bisschen Spaß. Wir müssen uns treffen. Die Herberge heißt Jurassic Inn. Frag nach der blonden Frau am Empfang.“ Bevor Johnny antworten konnte, brach die Verbindung ab. Das Rudel war also hier in der Stadt. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er zog eine frische Weste an, schnappte sich seine Tasche und verließ das Zimmer. Das Jurassic Inn lag isoliert am Rande der Stadt. Johnny brauchte fast zwei Stunden zu Fuß, um es zu erreichen. Obwohl er seit zwei Wochen in BeTusar lebte, hatte er die Umgebung kaum erkundet. Bis jetzt war die Kleinstadt friedlich gewesen. Keine Kämpfe, keine Verfolgungsjagden. Er hatte fast ein normales menschliches Leben geführt. Bei diesem Gedanken kam ihm wieder Vera in den Sinn. Sie war eindeutig ein normaler Mensch, unschuldig und sanft. Ihre Augen hatten das beruhigende Blau des Ozeans. Ihr Herzschlag war leicht zu lesen, und er mochte ihre unbefangene Art – ganz im Gegensatz zu ihrer schwarzhaarigen Freundin. Als er die Herberge erreichte, dröhnten ihm bereits Musik und Stimmengewirr entgegen. Der Himmel war grau und verhieß Regen. Johnny trat an die Theke, hinter der die von Scot beschriebene blonde Frau stand. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war barfuß. Als sie Johnny erblickte, verzog sich ihr Gesicht zu einem wissenden Lächeln. „Ein schöner Abend, nicht wahr? Normale Gäste haben wir um diese Zeit selten. Ein armer Familienvater wird wohl kein Zimmer mehr bekommen, wenn er nachher ankommt.“ Johnny wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Die Frau redete ohne Pause weiter. Sie erzählte von früheren Zeiten, als junge Leute sich nie in ihr Etablissement gewagt hätten, und sprach plötzlich von bösen Wölfen, die einst ausgerottet worden waren. Johnny verengte die Lippen und versuchte freundlich zu lächeln, um seine wachsende Unruhe zu verbergen. „Johnny!“, rief plötzlich eine vertraute Stimme. Philia steuerte mit einer Flasche Alkohol in der Hand auf ihn zu. Sie trug schwere Ankle Boots und war leicht angetrunken. „Ich wusste, dass du hier bist! Komm mit“, sagte sie und warf der blonden Frau einen Blick zu. Die Wirtin öffnete den Durchgang und rief ihnen hinterher: „Viel Spaß noch!“ Im Inneren der Herberge saßen Scot und Noah zusammen mit einem Fremden an einem Tisch. „Hey! Du hast ewig gebraucht, Mann!“, begrüßte Scot ihn lachend. Noah stellte den Unbekannten vor: „Das ist Luke. Er hat uns geholfen, diesen Schuppen zu finden. Er ist der Freund meiner Schwester und lebt schon lange hier.“ Noah lächelte, doch Luke blickte düster und anspannend zu Johnny hinüber. „Du stellst sie einander vor, aber es sieht so aus, als ob sie sich bereits kennen“, bemerkte Philia spöttisch. „Ich kenne ihn nicht“, sagte Johnny kalt und fixierte Lukes Blick. Die Musik im Raum wurde dröhnend laut. Der mittlere Bereich der Herberge war zu einer Tanzfläche umfunktioniert worden. Es war heiß, und der Geruch von starkem Alkohol lag dicht in der Luft. Plötzlich spürte Johnny eine unmittelbare Gefahr. Die Hitze in seinem Inneren loderte auf. Instinktiv zog er Philia hinter sich. „Er ist derjenige, den alle suchen, nicht wahr?“, zischte Luke plötzlich. Scot und Noah starrten ihn überrascht an. „Wovon redest du?“, fragte Philia verwirrt. „Sie haben uns gesagt, dass er hier sein wird“, antwortete Luke. Er trat einen Schritt vor, und seine Augen verfärbten sich in einem gefährlichen, leuchtenden Goldton. Das Rudel erkannte sofort die Bedrohung: Luke gehörte zum feindlichen Rudel. Scot reagierte blitzschnell und warf sich vor Johnny. Er verpasste Luke einen heftigen Stoß, der den Angreifer durch den Raum schleuderte und mehrere Tische zertrümmerte. Panische Schreie erfüllten das Jurassic Inn. Johnny packte Philia am Arm und rannte zum Ausgang, während Noah einen schweren Holzstuhl in den Sicherungskasten feuerte. Das Licht erlosch augenblicklich. In der absoluten Dunkelheit brach das reine Chaos aus. Johnny und sein Rudel stürzten ins Freie und mischten sich unter die flüchtende Menschenmenge, während der Regen auf die Straße niederging.
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