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Die Dunkelheit schob sich unmerklich voran, als sie entschlossen das alte, bröckelnde Fenster öffnete und hinaus in die Nacht trat. Das fahle Mondlicht legte sich wie ein Schleier über die Dächer der verlassenen Stadt, während kalter Wind durch die Gassen pfiff. Ihre Bewegungen waren ruhig und zielgerichtet – jeder Schritt schien wohlüberlegt und präzise. Der schwarze Wolf begleitete sie, doch diese Zeit schien anders. Er glitt fast lautlos über den Boden, als würde er die Schatten selbst beherrschen. Immer wieder trafen sich ihre Blicke: Sie, mit leuchtenden, entschlossenen blauen Augen, und er, mit seinem stummen Verständnis, dargestellt in den flackernden gelben Glutpunkten seiner Augen. Die tiefe Verbundenheit zwischen ihnen war mehr als nur ein Band, es war eine stille Kommunikation, die alle Worte überflüssig machte. Mit jedem Schritt verschmolzen ihre Welten: Die kalte Stadt, in der die verfallenen Fassaden von alten Zeiten zeugten, und der mystische, unberechenbare Wald ihrer Erinnerungen und Träume. Die Brise spielte mit den feurigen Strähnen ihres roten Haars, während das Tattoo des Drachen über ihren Rücken im schwachen Licht zu pulsieren schien – als würde er eine uralte Macht wachrufen. Ihre Mission war noch unklar, nur ein Gefühl der unausweichlichen Pflicht und die leise Ahnung, dass das Schicksal eine bedeutende Wendung bereithielt, trieb sie an. Ihr Herz schlug im Rhythmus der Nacht, synchron mit dem unerschütterlichen Schritt ihres Gefährten, dem Schatten, der sie so treu begleitete. Die Schritte führten sie durch dunkle Gassen und verlassene Plätze, wo jeder Schatten mehr versprach, als er enthielt. Es war, als ob die ganze Stadt in der Stille auf das Echo eines längst vergangenen Krieges wartete – bereit, erneut in den Strudel von Intrigen und Machtkämpfen hineingezogen zu werden. Plötzlich blieb sie stehen. Ein schwaches Licht blitzte in der Ferne auf – eine Silhouette, die zwischen den alten Mauern schimmerte. Ihre Augen funkelten scharf. Mit einer fast übernatürlichen Präzision beobachtete sie, wie der Wolf sich neben sie stellte und den Schatten vor seinen leuchtenden Augen studierte. Es war, als hätten sie beide gespürt, dass der nächste Schritt unausweichlich war.
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