
Nacht über den Zinnen
Das Mondlicht fiel durch das hohe Fenster und tauchte den Raum in silbriges Blau. Der Wind spielte mit den schweren Vorhängen, ließ sie lautlos tanzen wie Schatten auf der Mauer. Sie stand regungslos da, den Blick nach draußen gerichtet – in die Tiefe der Nacht, über die Dächer hinweg, als würde sie längst wissen, was kommen würde.
Ihr roter Zopf lag wie eine flammende Narbe über dem Rücken. Dort, zwischen Schulterblättern und Wirbelsäule, schlängelte sich das schwarze Muster eines asiatischen Drachen, als wäre er lebendig – als würde er im Licht des Mondes atmen.
Langsam drehte sie sich zur Seite, nur ein Hauch Bewegung, kaum mehr als ein Flüstern. Ihre blauen Augen glühten im Halbschatten, kalt und wachsam, als hätten sie die Dunkelheit längst durchschaut.
Und hinter ihr, in der Ecke des Raumes – kaum mehr als eine Ahnung – war er. Der Schatten des schwarzen Wolfs. Nur zwei glimmende Augen zwischen der Schwärze. Er sagte nichts. Aber er war da. Immer.
Verbunden in der Stille
Kein Laut. Kein Wort. Nur die Nacht – schwer und still.
Sie spürte ihn, bevor sie ihn sah. Wie immer.
Ein kaum wahrnehmbares Prickeln in der Luft, ein vertrautes Ziehen in der Tiefe ihrer Brust.
Er war da.
Langsam hob sie den Blick, drehte den Kopf ein Stück weiter. Nicht, um sich zu vergewissern – sondern um ihn zu begrüßen.
Der schwarze Wolf trat nicht aus dem Schatten, er war der Schatten. Nur seine Augen – gelb wie altes Feuer – blitzten auf.
Sie trafen ihre. Kein Knurren, kein Laut. Nur Verstehen.
Wie ein Spiegel.
Sie war aus Fleisch und Blut.
Er aus Geist und Dunkelheit.
Doch ihre Seelen kannten sich. Getrennt konnten sie töten.
Zusammen waren sie lautlose Götter.

