Kapitel 4: Der Überfall

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Unsere Reise endete jäh, als Matthias und Solus gleichzeitig an meinen Armen rissen und mich hinter sich her ins dichte Gestrüpp zogen. Erschrocken hielt ich die Luft an und lauschte, doch nichts war zu hören. Ich wollte mich schon lautstark für die grobe Behandlung beschweren, da hörte ich es auch. Beinahe hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Zuerst waren es nur leise Hufschläge, die sich jedoch sehr schnell näherten. Schon wenige Augenblicke später preschten die Reiter an uns vorbei. Es waren viele. Ich schätzte ihre Zahl auf über fünfzig. Nur wenige von ihnen waren menschlich. Die meisten sahen aus wie die Ungeheuer aus den schrecklichsten Alpträumen die ich je hatte. Einige überragten einen ausgewachsenen, stattlichen Mann sicher um zwei Haupteslängen. Aus ihren hässlichen wulstartig aufgeworfenen Mäulern ragten wildschweinartige Hauer hervor, ihre Körper waren über und über mit grünem Fell bedeckt und sie waren lediglich mit einem Lendenschurz bekleidet. Bis auf den Anführer, der an der Spitze der abscheulichen Truppe ritt und in einer schwarz glänzenden Rüstung steckte und sicherlich noch einmal ein paar Köpfe größer war, als seine Männer. Mächtige Säbel und Schwerter baumelten an ihren Seiten hinab und schlugen den Pferden bei jedem Schritt wie eine Gerte gegen die Flanken. Unter den Monstrositäten fanden sich auch einige kleinere Exemplare, die irgendwie Schimpansen ähnelten, allerdings waren ihre Schädel völlig kahlrasiert und sie hatten ein Gebiss aus dem schreckliche Reißzähne herausstanden. Aus hellwachen Augen stierten diese Wesen mordlüstern in die Finsternis zwischen den Bäumen, als wären sie auf der Suche nach Beute. Ihre Augen glühten gelb. Unwillkürlich spürte ich eine Gänsehaut und meine feinen Häärchen an den Unterarmen stellten sich senkrecht auf. Die Ungeheuer ritten schweigend auf ihr Ziel zu, dass mir dank einer unglaublich starken Intuition leider nur zu bekannt war. Entsetzt und verwirrt rappelte ich mich vom Boden auf und machte schon wieder einen taumelnden Schritt in Richtung Pfad, als Solus sich katzengleich auf mich warf und zu Boden zwang. Seine Rechte hatte er fest auf meinen Mund gepresst. So schob er sich mit mir hinter das nächste Gebüsch, das uns Schutz vor ungewünschten Blicken bot. Vollkommen aufgebracht versuchte ich mich gegen ihn zu wehren, doch er zwang mich allein durch sein Gewicht, das auf mir lag, still zu liegen. Sogleich erschlaffte meine Gegenwehr, als ich Lichter sah, die sich ebenfalls in schnellem Tempo unserem Versteck näherten. Allerdings lange nicht so schnell wie die Reiterei von eben. Als sie sich unserem, Versteck näherten sah ich auch, dass sie schwere Ochsengespanne mit sich führten. Mit einem mahnenden Blick vergewisserte Solus sich, dass ich keinen Laut von mir geben würde und nahm endlich seine Hand von meinem Mund. Ich atmete hörbar ein. Ich wäre fast erstickt! Am liebsten hätte ich mich sofort auf ihn gestürzt, um ihn für seine grobe Behandlung in die Schranken zu verweisen, doch das musste wohl noch warten. Deshalb blitzte ich den jungen Waldläufer nur mit wütenden Augen an. Jetzt fuhren die Planwagen genau an unserem Versteck vorbei. Sie waren uns so nah, dass ich den ekelhaften Geruch, der Affenwesen, die wohl eine Eskorte für die Wagen darstellten, riechen konnte und mir wurde sofort speiübel. Mein Kopf schmerzte noch mehr als er es ohnehin schon tat. Die Fahrer der Wagen waren ausnahmslos Menschen, bis auf einen hässlichen kleinen Gnom, der auf dem Kutschbock des ersten Wagens saß. Ich erkannte sein Gesicht genau, denn er saß im flackernden Schein einer leuchtenden Laterne, die unbekümmert, an einem Haken neben ihm hin und her baumelte. Der Gnom sah beinahe aus wie ein normaler Kleinwüchsiger, wären seine rotglühenden Augen und sein pelziger Schädel nicht gewesen. Der Hässliche strahlte übers ganze Gesicht und bleckte kleine scharfe Zähne, während er ein fröhliches Lied anstimmte, in einer Sprache, die ich nie zuvor gehört hatte. Und die in meinen Ohren so fremd klang, dass sie gewiss nicht von einer mir bekannten Rasse stammen konnte. Nach einer Weile waren die zehn leeren Wagen - soweit ich das erkennen konnte waren sie zumindest leer - an uns vorbeigerollt. Wir warteten noch ein paar Minuten, ehe wir es wagten, den Pfad erneut zu betreten. „Was war das? Was waren das für Wesen?“, stürmte ich sofort auf die beiden Männer ein, die sehr ernst geworden waren. „Was machen die denn hier? So weit von Tangdibol entfernt? Ich dachte, unser Land wäre mittlerweile befreit von diesen Bestien!“, flüsterte Solus erregt. „Unwichtig. Komm, wir müssen uns beeilen. Wir müssen so schnell wie möglich nach Walddorf, vielleicht können wir das Schlimmste ja noch verhindern.“, drängte Matthias. An seiner Stimme konnte ich jedoch erkennen, dass seine letzten Worte selbst ihm keine Hoffnung machten. Vermutlich hatten sie ohnehin nur mir gegolten, denn Solus blickte den alten Waldläufer alarmiert an, folgte ihm jedoch ohne irgendwelche Widersprüche in das Dickicht. Wahrscheinlich kannten sie eine Abkürzung jenseits des normalen Weges. Doch als ich ihnen nachrennen wollte, drehte sich Matthias mitten im Laufen noch einmal um und befahl mir hierzubleiben und mich nicht von der Stelle zu rühren. Ich hätte ihnen sowieso nicht folgen können, nicht in einem Wald, wo es so dunkel war, dass ich nicht einmal die sprichwörtliche Hand vor Augen sehen konnte, geschweige denn, wo ich als nächstes hintreten würde. Darum wurde ich erst langsamer, dann blieb ich schließlich ganz stehen. Erst als ich zum Stillstand gekommen war, merkte ich, wie sehr die ganze Aufregung meinen ohnehin angeschlagenen und alles andere als fitten Körper, angestrengt hatte. Mein Kopf - eingehüllt in den dicken Verband - dröhnte mittlerweile so sehr, dass er drohte zu zerspringen und meine Beine wollten jeden Moment unter mir nachgeben. Im Stillen verfluchte ich meine Faulheit in der Vergangenheit, die es nicht einmal zugelassen hatte, dass ich mindestens einmal die Woche joggen gegangen bin oder sonstige Fitness betrieben habe. Bauch, Hüften, Hintern und Oberschenkel hatten in den beiden letzten Jahren immer mehr Fett angesetzt und meine Lunge war vermutlich schon so schwarz wie die Nacht. Ich seufzte. Im Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Zigarette, auch wenn ich erst neunzehn Jahre alt war, rauchte ich nunmehr schon seit vier Jahren fast eine ganze Schachtel am Tag! Nun ja, dieses Laster musste ich mir jetzt wohl zwangsläufig abgewöhnen, ich keuchte und stützte mich auf meinen zitternden Knien auf. Mein langes Haar hing mir wirr und klebrig-feucht vom Schweiß im Gesicht. In der Dunkelheit erschien plötzlich das Bild meines Freundes vor mir, mit dem ich jetzt beinahe drei Jahre zusammen war, wir hatten schon eine eigene kleine Wohnung gehabt. Warum musste das alles ausgerechnet an seinem Geburtstag passieren?!, schrie es in mir auf. Auf einmal überkam mich eine riesengroße Wut auf alles um mich herum, aber vor allem auf diese Bestien, die wahrscheinlich gerade dabei waren, mir mein Liebstes zu nehmen. Verzweifelt versuchte ich aufzustehen. Die Sorge um meinen Freund wurde unerträglich, doch noch viel schlimmer war die Ungewissheit und die Tatsache, dass ich hier tatenlos mitten im Wald saß, während diese Ungeheuer vielleicht ein ganzes Dorf abmeuchelten. Schwer atmend kam ich auf die Beine. Dabei schien alles Blut aus meinem Körper in meinen Kopf zu weichen und wieder schien er zu bersten. Ich versuchte den Schmerz zu bekämpfen, indem ich meine Lungen mit der ungewöhnlich klaren Luft des Waldes füllte und tatsächlich, der Schwindel besserte sich und auch der Schmerz ebbte zu erträglichen Wellen ab. Vorsichtig, Schritt für Schritt tastete ich mich an den Bäumen entlang zur Straße zurück, der ich im Schutz des Dickichts folgte. Ich hatte wirklich noch nie eine so absolut finstere Nacht erlebt! Schritt für Schritt näherte ich mich meinem Ziel und nach wenigen Minuten schon konnte ich aus der Ferne verzweifelte Schreie hören, von Frauen und Männern die im Schlaf vom Tode überrascht wurden. Mühsam, doch von einem unabdingbaren Drang getrieben, kämpfte ich mich Schritt für Schritt weiter auf die gepeinigten Schreie zu, bis es plötzlich still um mich wurde. Der Kampf war zu Ende. Ich war zu spät. Doch was hätte ich auch schon gegen eine Armee von Kreaturen ausrichten können, alleine und nur mit einem mickrigen Dolch bewaffnet? Ich drückte meine Hand, in der die Waffe lag, so fest zu, dass meine Knöchel weiß wurden, doch auch der Schmerz linderte nicht meine unheilvolle Wut, die tief in meinem Innern brodelte. So kurz vor dem Wiedersehen, war er mir genommen worden! Verzweifelte Schluchzer aus der Teife meiner Seele drohten sich einen Weg in die Freihet zu bahnen, aber ich schluckte die Tränen herunter. Noch war nicht die Zeit zum Heulen, ermahnte ich mich im Stillen. Ich fasste in der Finsternis einen Entschluss. Ich würde diese Bestien jagen, bis keiner mehr von ihnen am Leben war. Ich würde mich rächen für das, was sie mir, meinem Liebsten und all den unschuldigen Elfen angetan hatten. Es war mir gleichgültig welchen Preis ich dafür würde bezahlen müssen. Von einer nie gekannten Kraft beseelt schleppte ich mich weiter, bis ich das widerliche Gegrunze und Geschmatze der Monster hören konnte und der Wind mir ihren Geruch entgegentrieb. Nun standen mir doch Tränen in den Augen. Fast besinnungslos vor Verzweiflung, Schmerz und Hoffnungslosigkeit wischte ich die Tränen mit dem Handrücken fort und setzte weiter wie eine programmierte Maschine einen Schritt vor den anderen. Kurze Zeit später machte der Weg eine Biegung und vor mir lag das Dorf der Elfen. Jedenfalls das, was noch von ihm übrig war. Die Ungeheuer waren noch immer da. Sie waren damit beschäftigt, die überlebenden Elfen in ihre Ochsengespanne zu verfrachten. Was hatten sie mit ihnen vor? Waren diese Geschöpfe Sklavenjäger? Mein Herz tat einen Sprung, als mein Blick auf den letzten Überlebenden fiel, der auf einen der Wagen geladen wurde. Es war Eliah. Es gab also doch noch Hoffnung! Es war als würde ein Lichtstrahl in mein Herz eindringen und die schweren Schatten vertreiben, die auf meinen Gedanken lasteten. Versteckt hinter mehreren Büschen beobachtete ich das weitere Geschehen. Die Ungeheuer machten sich nun daran die restlichen Hütten anzuzünden, die noch nicht ihrem zerstörerischem Treiben zum Opfer gefallen waren. Sie schienen mächtig guter Laune zu sein. In den Wagen saßen nun um die sechzig Gefangene. Allerdings blieben über die Hälfte der Karren leer. Das hieß, dass sie sich entweder eine größere Beute versprochen hatten, oder sie hatten noch mehr solcher Überfälle geplant... Ich betete inständig, dass Matthias und sein Sohn noch am Leben waren, damit ich sie später danach fragen könnte. Oh, wie viele Fragen mir in diesem Moment auf der Seele brannten, vermag ich heute gar nicht mehr zu sagen! Schweigend wartete ich, bis die Kreaturen wieder auf ihre Pferde stiegen und zügig davonritten. Gleich danach folgten ihnen in kurzem Abstand die Wagen, mit denen nun eine weitaus größere Eskorte aufbrach. Ich schätzte die Eskorte nun auf etwa dreißig Mann - beziehungsweise Tiere. Ich hielt mich noch eine ganze Weile versteckt, bis auch die letzten Hufschläge in der Ferne verklungen waren. Ein dumpfer Schmerz pochte in meiner Brust, während ich mich auf die verkohlten Überreste des Dorfes zubewegte. Sofort fuhr ich erschrocken herum, als zwei dunkle Gestalten hinter den schwelenden Resten einer Hütte hervortraten. Doch ich konnte mich entspannen. „Was machst du hier? Ich dachte, wir hatten dir befohlen, auf uns zu warten!“ , fuhr Solus mich unvermittelt an. Ich aber zuckte mit keiner Wimper. Was hatten zwei feige Waldläufer mir schon zu sagen? „Ich wüsste nicht, dass ihr mir etwas zu befehlen hättet. Außerdem, was war schon schlimm daran, dass ich nicht auf euch gehört habe?“ „Hör zu. Es war kein Befehl wie sich Solus so leichtfertig ausdrückte. Es war lediglich ein gutgemeinter Rat.“, versuchte Matthias mich zu beschwichtigen. Dies gelang allerdings erst, als mein Blick zwischen den brennenden Hütten hindurch fiel, denn da nahm mir der Anblick der misshandelten Leichen augenblicklich alle Luft aus den Flügeln. Ätzende Galle schoß meine Atemwege hinauf und ich übergab mich direkt an Ort und Stelle. Selbst den Männern schien der Anblick schwer zu schaffen zu machen. Beruhigend klopfte Matthias mir auf die Schulter. Er lächelte. „Keine Sorge, das geht vorbei. Das passiert wohl jedem, der zum ersten Mal so etwas zu Gesicht bekommt. Bei vielen geschieht es selbst noch beim zweiten und dritten Mal, vielleicht auch jedes Mal. - Komm mit. Wir gehen ein Stückchen. Wir brauchen ein wenig Ruhe. Vor allem du.“ Tatsächlich war es wohl erst mal aus mit meiner unerschütterlichen Kraft, die mir meine Wut gegeben hatte. Selbst der Wille die Mörder auf der Stelle weiter zu verfolgen war sehr geschrumpft. Ich fühlte mich so erschöpft, dass Matthias mich behutsam auf seine Arme nahm und mich ein paar hundert Meter weit in den Wald trug. Dort legte er mich vorsichtig neben einer kleinen sprudelnden Quelle auf den Boden. Sanft stützte er meinen Kopf, während er mir aus einem kleinen Trinkgefäß frisches Wasser gab. Wohltuend floss es meine geschundene Kehle herunter und nahm zumindest den Großteil des ekligen Geschmackes mit sich. Ich wollte gerade den Mund aufmachen, um ihm zu danken, aber Matthias winkte lächelnd ab. Seine Freundlichkeit versetzte mir einen Stich des Schamgefühls, als ich an meine Wut eben dachte, die auch gegen die beiden gerichtet war. „Bleib hier liegen und ruhe dich aus. Keine Angst. Ich bin gleich wieder bei dir und hier kann dir nichts geschehen. Solus wird sicherlich auch gleich hier sein.“ Mit diesen Worten stand er auf und verschwand lautlos im Unterholz. Kurz darauf brach Solus durch das schützende Geäst und trat in das silberne Mondlicht, das durch das aufgerissene Blätterdach auf die winzige Lichtung fiel, die sich um den schmalen Bach, in den sich die Quelle ergoß, gebildet hatte. Er sah schwer angeschlagen aus und als er meinen fragenden Blick bemerkte, schien er zwar kurz mit sich zu ringen, dann brach es allerdings doch aus ihm heraus. „Es gibt keine Überlebenden. Sie sind alle tot.“ Schluchzer durchzuckten seinen Körper und er vergrub sein Gesicht zwischen den Händen. Betroffen näherte ich mich ihm, doch er stieß meine Hand grob beiseite, die sich tröstend auf seine Schulter gelegt hatte. Ich fühlte mich unglaublich hilflos. Ich war noch nie gut im Trösten gewesen, doch wie sollte ich nur einem beinahe Unbekannten beistehen, dessen heftiger Kummer mich ehrlich gesagt, etwas überraschte. Daher schwieg ich und hoffte darauf, dass seine Tränen bald von selbst versiegen würden. Still setzte ich mich an seine Seite, um ihm zu zeigen, dass ich für ihn da wäre, falls er vielleicht doch noch über seine Gefühle sprechen wollte. So saßen wir nebeneinander, der eine von Tränen übermannt, die andere schweigsam und mit nach innen gekehrtem Blick, der noch immer bei den Toten weilte und bei ihrem Freund, der zwar noch am Leben war, doch scheinbar dennoch verloren, als nach einer Weile Matthias mit einem erlegten Hasen in der einen Hand und einem Stoß Reisig in der anderen zurückkehrte. Stumm beobachtete er uns, während er ein kleines Feuer anfachte und zwei gegabelte Äste so aufstellte, dass er einen dritten so darauf legen konnte, dass er einen Spieß abgab, auf den er sogleich das erlegte Wild steckte, nachdem er es ausgeweidet hatte. Stumm beobachtete ich sein Treiben, während Solus langsam wieder zu sich selber fand. „Morgen früh, werdet ihr beide wieder zu unserer Hütte zurückkehren. Ich werde den Biestern folgen und sehen, was sie noch vorhaben. Vielleicht kann ich die Elfen im Sumpf noch rechtzeitig vor ihrem Schicksal warnen.“ Mit einem Schlag war ich hellwach und riss mich vom Bild des vor sich hin brutzelnden Hasens los. Aber Solus kam mir zuvor: „Was?! Du willst alleine gehen?! Niemals! Ich werde mit dir kommen!“ Matthias wählte seine Worte mit Bedacht: „Nein mein Sohn, das wirst du nicht. Irgend jemand muss doch auf unseren kleinen Gast hier aufpassen, meinst du nicht?“ „Niemand muss auf mich aufpassen, denn ich werde mit euch gehen! Glauben Sie etwa ich ließe meinen Freund im Stich?!“, brauste ich auf. „Nein, das denke ich nicht, aber es wäre viel zu gefährlich. Ich möchte nicht, dass noch jemand bei der Sache zu Schaden kommt. Keiner von euch! Aber lasst es für heute Abend gut sein. Wir reden morgen noch einmal darüber.“ Damit war das Thema wohl für ihn erledigt. Murrend nahm ich das Fleisch entgegen, dass er mir vor die Nase hielt. Nach dem Essen war ich so müde, dass ich augenblicklich in eine tiefen Schlaf fiel. Und so merkte ich nicht, wie sich mitten in der Nacht eine einsame Gestalt aus dem Lager schlich. Ebenso wenig wie Solus, der mich am nächsten Morgen mit einer mächtigen Schimpftirade aus dem Schlaf riss. „Er ist weg, verflucht noch mal! Mit seinen verdammten Kräutern hat er uns bis zum Mittag außer Gefecht gesetzt, verdammt, wäre er eine Frau sollte man ihn wie eine Hexe verbrennen! Den hole ich ja nie wieder ein ...“ „Du meinst wohl wir!“, unterbrach ich seine wütenden Flüche. Mit brennenden Augen wirbelte er zu mir herum: „Du?! Du willst mit in die Sümpfe gehen? Das ich nicht lache, du hast doch schon nach einem vierstündigen Marsch auf einem stinknormalen Weg schlapp gemacht. Nein, du kannst sehen, wo du bleibst! Du hältst mich sowieso nur auf!“ Zähneknirschend fügte ich mich. Ich würde schon alleine zurechtkommen! Fluchend griff Solus nach seinem Bogen und machte sich auf den Weg. Ich folgte ihm. „Was willst du denn noch?! Reicht es denn nicht, dass du uns die ganze Sache hier eingebrockt hast?! Nun musst du mich auch noch belästigen! Mach schon, verschwinde!“ Seine Worte machten mich beinahe rasend! „Was, ich soll all das verschuldet haben?! Wie kommst du denn auf so eine Scheiße, verdammt?!“ „Bis du hier aufgetaucht bist, haben sich noch niemals Orks in diese Gegend gewagt! Meinst du nicht auch, dass das alles ein bisschen viel Zufälle auf einmal sind, häh?! Zuerst fällst du einfach so vom Himmel, zusammen mit irgendsoeinem Kerl und dann fällt seit Dekaden zum ersten Mal, gleich eine ganze Schar von Orks und Gremlins in diesen Wald ein!“ Auf einmal blieb er stehen und packte mich am Kragen. „Was willst du hier! Sag schon! Wer bist du wirklich!“ „Das habe ich doch schon erzählt oder etwa nicht?!“ Wütend versetzte er mir einen Stoß der mich von den Füßen fegte, dann drehte er sich um und verschwand im Unterholz. Aufgebracht rannte ich ihm hinterher: „Warte! Ich – hör mir doch zu! Ich weiß doch selber nicht, was hier los ist! Glaube mir, ich wünschte ich wäre niemals in diese verfluchte Welt gekommen! Wir haben gerade den Geburtstag meines Freundes gefeiert. Wir waren mit ein paar Freunden im Wald und haben uns betrunken, dann, naja, dann musste ich mal und bin hinter einen Baum gegangen. Als ich wieder zurück kam, bemerkte ich den Sturm, der auf einmal losgebrochen war. Und dann war es auch schon zu spät. Ich wurde irgendwie in diesen Wirbel gezogen. Mein Freund kam angerannt, um mir zu helfen, doch –„ ,meine Stimme brach, „er hätte es lieber nicht tun sollen, denn jetzt ist er in den Händen von irgendwelchen scheußlichen Kreaturen, die wer weiß was mit ihm anstellen werden, wenn es nicht irgend jemand verhindert!“ „Ja, aber dieser Jemand bist bestimmt nicht du!“, Solus war bei meiner Rede stehengeblieben. Sein Zorn schien wenigstens teilweise verraucht. Ich schöpfte neuen Mut. „Warum nicht? Man könnte doch sagen, ich war zu genau der richtigen Zeit am richtigen Ort oder? Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass ich hier bin. Vielleicht hat das Jemand ja genau so gewollt.“ Er lachte nur. „Ach ja, dann sag mir doch bitte mal wie ein kleines Mädchen eine ganze Meute dieser Monster besiegen will!" Sein Spott machte mich trotzig: „Und wie willst du sie alleine besiegen, oder dein Vater?“ „Matthias ist eigentlich gar nicht mein Vater.“ Damit wandte er sich um und setzte seinen Weg fort. Diesmal aber in einem Tempo mit dem ich leicht mithalten konnte. Dieser Satz sollte wohl ein Friedensangebot darstellen. Mir konnte es nur recht sein. Eilig lief ich hinter ihm her. „Wie hast du das gemeint, er ist nicht dein Vater?“ Er seufzte und ich dachte schon er wollte meine Frage einfach ignorieren, als er schließlich anfing zu erzählen: „Ich war noch sehr jung, als Matthias mich im Wald fand. Er kam gerade noch rechtzeitig, um mich vor den Wölfen zu retten, die mich umzingelt hatten. Ich dachte damals schon, jetzt wäre alles aus, doch Matthias nahm mich mit in seine kleine Hütte und seitdem lebe ich mit ihm zusammen.“ „Hört sich ja alles sehr romantisch an. Aber was macht denn ein kleiner Junge allein mitten im Wald?“ Er zögerte. Meine Frage schien ihm alles andere als Recht zu sein. „Ich hatte mich verlaufen ...“, war seine ausweichende Antwort. Ich beschloss nicht weiter darauf einzugehen, um die Stimmung nicht noch mehr zu drücken. So entstand eine kurze Pause, in der wir zügig durch den dichten Wald marschierten. Wir umgingen das zerstörte Dorf, da wir einen nochmaligen Anblick des Grauens nicht ertragen hätten und wandten uns stattdessen gleich in Richtung der Sümpfe. „Meinst du wir sind schnell genug, um deinem Vater, ich meine Matthias und den anderen Elfen beizustehen?“ „Ich hoffe es, aber ich befürchte, dass wir zu spät kommen werden. Immerhin haben die anderen bereits mehr als einen halben Tag Vorsprung. Trotzdem sollten wir uns beeilen und nur Rast machen, wenn es wirklich nicht mehr anders geht.“ Das hatte ich zwar geahnt, dennoch schluckte ich. Ich hatte sowieso schon den schlimmsten Muskelkater meines Lebens und jeder Schritt bereitete mir Qualen. Trotzdem schwor ich mir, mich nicht zu beklagen. Solus bedauerte es schließlich jetzt schon, dass ich mich an seine Fersen geheftet hatte. „Sag mal. Hast du mich eigentlich aus dem Wasser geholt? Ich meine, bist du wirklich in diesen Fluss gesprungen, das hieße nämlich, dass du dein Leben riskiert hättest. Ich meine, wie hast du das bloß geschafft? Jeder andere wäre sicherlich ertrunken.“ Er grinste. Meine Frage machte ihn sichtlich stolz. „Natürlich war es gefährlich, aber was hätte ich denn tun sollen? Du wärst auf jeden Fall ertrunken. Aber vielleicht wäre das ja auch besser so gewesen, dann würde ich jetzt wenigstens schneller vorankommen.“ Doch seine Augen straften seine harten Worte Lügen, deshalb nahm ich sie ihm nicht übel, sondern hakte weiter nach: „Dann hast du doch bestimmt auch gesehen woher wir kamen oder?“ Sein schelmischer Blick wurde nachdenklich: „Ja. Das habe ich. Ich wollte es zuerst gar nicht glauben, ich war mir sicher, dass es nur eine Täuschung war, die mir das Unwetter vorgegaukelt hat, aber nun ... Ich glaube dir jedenfalls, dass du aus einer anderen Welt stammst. Bei Matthias bin ich mir da allerdings nicht so sicher.“ Erklärend fügte er noch hinzu: „Er glaubt nur, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Keine Angst. Er hält dich nicht für verrückt wegen deiner Geschichte. Ihm wäre eine andere Lösung des Problems deiner Herkunft einfach lieber.“ „Und die wäre?“ „Na das du durch den Schlag auf den Kopf dein Gedächtnis verloren hast oder sowas und dass mir der Sturm so viel Regen ins Gesicht gepeitscht hat, dass ich gar nicht sehen konnte, wie du ins Wasser gestürzt bist und mir später eben irgend etwas zusammengereimt habe, auf das, was ich gemeint habe zu sehen. Ich weiß, dass es ziemlich an den Haaren herbeigezogen klingt, was ich dir hier gerade auftische. Aber Matthias ist eben ein sehr realitätsbezogener Mensch. Daher war er auch nie gerne bei den Elfen. Er schickte immer mich, um mit ihnen zu handeln, oder sie um Hilfe zu bitten, wie in der Nacht, als ihm der Kraterwurz ausgegangen war und er mich schickte welchen zu holen, wegen seinen Gleiderschmerzen.“ „Dann unterscheidet sich eure Welt wohl gar nicht so sehr von unserer.“ Solus blickte mich fragend an. „Wie meinst du das?“ „Na das alte Leute schwer von ihrem Standpunkt abzubringen sind. Sie sind eben genauso stur und dickköpfig wie alte Esel. Mein Vater ist genauso.“ Wir lachten kurz und mit wenig Humor. Nach einem langen Schweigen setzte ich wieder an. „Meinst du, dass ich irgendwann meine Familie wieder sehen werde? Und meine Freunde?“ Der junge Mann mit den dunklen rotbraunen Haaren, schaute mich mitleidig an: „Ich hoffe es. Ich verspreche dir jedenfalls dir bei einer Lösung dieses Problems zu helfen, sobald wir diese Orkbande erledigt haben!“ Ich lächelte ihn dankbar an. „Danke Solus. Das ist wirklich unheimlich nett von dir, aber ich fürchte, ich kann deine Hilfe nicht annehmen. Schließlich hast du mir schon einmal das Leben gerettet. Das könnte ich wirklich nicht von dir verlangen.“ „Ach und wie willst du alleine wieder zurückfinden? Du weißt ja nicht einmal wie die Welt heißt auf der du gerade stehst, geschweige denn, welche Leute du fragen musst, dass dir geholfen wird!“ Impulsiv nahm ich den großen Waldläufer in die Arme. Lachend schob er mich von sich fort. „Nicht so stürmisch. Hinterher wird noch jemand eifersüchtig!“ Betroffen senkte ich den Blick und starrte den aufgeschwemmten Boden an, der sich unter meinen Füßen beharrlich veränderte. So verhinderte ich auch, dass ich über die nächste Wurzel stolperte und bäuchlings auf den Boden fiel. „Tut mir Leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Wir werden ihn schon finden. Du wirst schon sehen!“ Aufmunternd klopfte er mir auf die Schultern und grinste mich fröhlich an. Doch meine Laune war, wie man so schön sagte, im Arsch. „Diese Monster werden dafür bezahlen, was sie angerichtet haben, das schwöre ich!“ Solus Miene wurde augenblicklich wieder ernst. „Und du meinst, das du das schaffen kannst? Hast du denn wenigstens schon mal eine Waffe in der Hand gehabt? Irgendeine? Ich meine ich weiß ja nicht, was für Waffen ihr in eurer Welt habt, aber ...“ Ich unterbrach ihn kopfschüttelnd. „Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand. Nicht mal eine aus unserer Welt. Um ganz ehrlich zu sein, ich war bis jetzt immer froh in einem Teil unserer Welt geboren worden zu sein, in dem so gut wie niemand Waffen besitzt. Außerdem hätte mir das auch nichts gebracht. Eine Pistole zu bedienen scheint mir dann doch weit einfacher, wenn auch weitaus effektiver zu sein, als einen Dolch oder etwas dergleichen.“ Ich seufzte schwer, „Aber vielleicht könntest du es mir ja beibringen?“ Hoffnungsvoll sah ich ihm in die blauen Augen. Er seufzte ebenfalls, doch dann stahl sich ein leises Lächeln in seine Augen. „Nur wenn du mir erklärst, was eine Pistole ist.“ Meine umständlichen Erklärungen brachten ihn schwer ins Staunen. „Und du bist sicher, dass das alles keine Magie ist von dem du mir erzählst?“ Ich lachte. „Nein, bei uns gibt es keine Magie. Nur Technik. Alles nur Technik.“ Er schüttelte den Kopf. „Du solltest mir zeigen wie man so ein Ding baut, dann würden diese Biester schreiend vor uns Reiß aus nehmen!“ Mit großen Augen sah ich ihn an. „Aber ich weiß doch nicht wie man eine Pistole baut!“ „Nun sei‘s drum. Dann müssen wir die Orks eben mit herkömmlichen Waffen bekämpfen. Weitaus schwieriger aber dennoch machbar schätze ich.“ Wir liefen weiter bis spät in die Nacht. Noch immer befanden wir uns im dichten Wald, der scheinbar niemals enden wollte. Dennoch beschlossen wir für die Nacht eine Rast einzulegen. Viel weiter hätten mich meine Beine auch nicht mehr getragen. Ich half Solus gerade Feuerholz zu suchen, als ich auf etwas beängstigendes stieß. Vor mir sah ich zwei rotglühende Augen, die jeder meiner Bewegungen genau folgten. Erschrocken sah ich mich um. Von Solus war weit und breit keine Spur. Voller Angst tasteten meine Hände nach dem schmalen Griff des Dolches, den ich durch meinen Gürtel geschoben hatte und ergriffen ihn. Mit dem Dolch dicht an die Brüste gepresst näherte ich mich dem unheimlichen Glühen, doch als ich an den Busch gelangte, aus dem es vor wenigen Sekunden noch gefährlich geleuchtet hatte, war nichts und niemand zu finden. Auch in der Umgebung konnte ich nichts Auffälliges entdecken, daher nahm ich das Bündel Feuerholz, das ich bereits gesammelt hatte, wieder auf und kehrte mit großem Unbehagen wieder zu unserem kleinen Lagerplatz zurück. Kurz darauf erschien auch Solus mit einem seltsamen Vogel über der Schulter und zusammen entzündeten wir ein kleines Feuerchen. Da Solus nicht das Glück hatte, wie Matthias in der Nacht zuvor zwei passende Äste für den Bratspieß zu finden, musste er das Rebhuhn - oder was immer das auch für ein Tier sein mochte -eben auf einen Stab spießen und diesen solange übers Feuer halten bis das Tier gar war. Ausgehungert machten wir uns darüber her. „Diesmal waren zwar keine Kräuter drin, die uns schlafen lassen wie die Babys, aber ich denke, dass wir trotzdem genauso schlafen werden.“ , meinte Solus besorgt. „Immer einer sollte Wache halten und den anderen wecken, wenn der Schlaf ihn zu übermannen droht, damit wir nicht wieder den halben Tag verschlafen. Mit den ersten Zeichen der Sonne sollten wir aufbrechen, sonst haben wir keine Chance die anderen noch rechtzeitig einzuholen.“ Ich stimmte ihm bedauernd zu. Wenigstens übernahm er die erste Wache. Ich hätte meine Augen keine Minute mehr offenhalten können. Jetzt wo ich zur Ruhe gekommen war, merkte ich noch deutlicher, wie jeder einzelne Muskel in meinem Körper schmerzte und auch meine Kopfschmerzen waren noch lange nicht gänzlich verschwunden. Ich hatte dem Stein wohl mehr als nur eine Platzwunde am Kopf zu verdanken, sondern auch eine Gehirnerschütterung. Was einen nicht tötet, macht einen nur härter, dieser heißgeliebte Spruch meines Vaters war das letzte, was mir durch den Kopf ging, bevor der Schlaf mich in seine Arme nahm.
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