KAPITEL EINS: DIE MILLIARDEN-DOLLAR-AUKTION
Der Geruch von edlem Scotch und getrockneten Trauerlilien war eine erstickende Mischung.
Vivienne Sterling stand in der Mitte der mit Mahagoni getäfelten Bibliothek ihres verstorbenen Großvaters, den Rücken zu einer starren, perfekten Linie gestreckt. Draußen vor den hoch aufragenden Bogenfenstern des Sterling-Anwesens peitschte der Regen gegen das Glas und verwischte die blinkenden roten Lichter der Zwangsversteigerungsfahrzeuge, die am Rande des Anwesens parkten.
Drinnen hatten die Wölfe ihre Beute endlich in die Enge getrieben.
„Unterschreib es, Vivienne. Sei keine Närrin.“ Ihr Onkel Richard deutete aggressiv auf den mit Samt bezogenen Mahagonitisch. Sein Gesicht war gerötet von zu viel Champagner und der puren Verzweiflung eines Mannes, der in Spielschulden versinkt. „Die Bank wird das Haus in vierundzwanzig Stunden pfänden. Der Name Sterling ist an der Wall Street in Verruf geraten. Das ist dein einziger Ausweg.“
Vivienne sah ihren Onkel nicht an. Ihr Blick war auf den Mann gerichtet, der lässig in dem Ledersessel ihr gegenüber saß.
Arthur Vance.
Mit sechsundvierzig sah der unangefochtene König der New Yorker Immobilienbranche weniger wie ein Retter aus, sondern eher wie ein dunkler Gott, der eine samtene Hinrichtung inszenierte. Er trug einen makellosen, maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Tom-Ford-Anzug, der mehr kostete als Viviennes gesamte Studiengebühren. Sein dunkles Haar war an den Schläfen silbergesträhnt und umrahmte ein Gesicht, das von kalten, undurchschaubaren Zügen geprägt war. Er schaute nicht auf die juristischen Dokumente auf dem Tisch; seine durchdringenden, schiefergrauen Augen waren ganz auf sie gerichtet.
Er war der engste Freund ihres verstorbenen Vaters gewesen. Der geheimnisvolle „Onkel Arthur“, der ihr als Kind von seinen Reisen um die Welt seltene Bücher geschickt hatte. Doch es war nichts Onkelhaftes an der Art, wie sein Blick nun über sie glitt und die scharfe Linie ihres Schlüsselbeins unter ihrem schwarzen Trauerkleid aus Spitze nachzeichnete.
„Dein Onkel ist grob, Vivienne, aber er hat nicht Unrecht“, sagte Arthur. Seine Stimme war ein tiefer, rauer Bariton, der durch den stillen Raum hallte und sofortige Unterwerfung einflößte. „Das Testament deines Großvaters ist archaisch, aber es ist unumstößlich. Du kannst die Sterling-Milliarden nicht erben – oder dieses Haus retten –, es sei denn, du heiratest vor deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag einen Mann von gleichem wirtschaftlichem Stand. Und das ist genau in dreißig Tagen.“
Vivienne verschränkte die Arme, um das leichte Zittern in ihren Fingern zu verbergen. „Und Ihre Lösung für meinen finanziellen Ruin besteht darin, mich zu kaufen?“
Arthur lächelte – ein langsames, gefährliches Zucken seiner Lippen, das seine Augen nicht erreichte. Er beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Knie. Die schiere, überwältigende Aura seiner Macht füllte den Raum zwischen ihnen und ließ die Luft schwer werden.
„Nennen wir es eine strategische Fusion“, korrigierte Arthur geschmeidig. „Mein Vorstand bereitet sich darauf vor, Vance Global Holdings im nächsten Quartal an die Börse zu bringen. Die Wall Street schätzt Stabilität, Familientradition und ein makelloses öffentliches Image. Eine schöne Frau aus altem Geld, aus einer traditionsreichen Familie wie den Sterlings, festigt meine Position. Im Gegenzug tilge ich noch heute Abend die Schulden deiner Familie, schalte den Treuhandfonds deines Großvaters frei und gewähre dir ein persönliches monatliches Gehalt von fünf Millionen Dollar.“
Er tippte mit einem manikürten Finger auf ein dickes, in Leder gebundenes Dokument auf dem Schreibtisch.
„Ein Dreijahresvertrag“, fuhr Arthur fort, sein Tonfall sachlich, doch durchzogen von einer unbestreitbaren Besitzgier. „Hinter verschlossenen Türen wirst du die Rolle der liebevollen, eleganten Mrs. Vance spielen. Am Ende der drei Jahre lassen wir uns einvernehmlich scheiden. Deine Abfindung bei Vertragsende beträgt eine Milliarde Dollar. In bar.“
Vivienne stockte der Atem. Eine Milliarde Dollar.
Es war genug Geld, um ihr Leben zehnmal neu aufzubauen. Es war genug, um sicherzustellen, dass sie nie wieder einen Mann um Sicherheit anflehen musste. Doch als sie in Arthurs skrupellose graue Augen blickte, wusste sie, dass der Preis ihre Freiheit sein würde. Er war ein Raubtier an der Spitze der Nahrungskette; er verschenkte keine Milliarden, ohne zu erwarten, die Seele der Person zu besitzen, der er sie gab.
„Und wenn ich mich weigere?“, fragte Vivienne herausfordernd und hob das Kinn
Arthurs Blick verdunkelte sich, und in seinen Augen blitzte ein Funke roher, dominanter Alpha-Kraft auf. „Dann werden dich die Paparazzi morgen früh dabei fotografieren, wie du deine Kleider auf der Straße in Pappkartons packst. Dein Familienname wird zu einer abschreckenden Warnung, und du wirst den Rest deiner Jugend damit verbringen, Schulden abzubezahlen, die nicht einmal deine eigenen sind.“
Er stand auf, und sein imposanter, 1,90 Meter großer Körper tauchte den Raum augenblicklich in Schatten. Er ging auf sie zu, seine Bewegungen lautlos und tödlich. Als er stehen blieb, war er so nah, dass Vivienne sein teures Zedernholz-Parfüm riechen konnte, vermischt mit dem schwachen, berauschenden Duft von edlem Tabak.
Er streckte die Hand aus, seine große, warme Hand umfasste ihr Kinn. Sein Daumen streifte ihre Unterlippe, eine Geste, die für eine bloße geschäftliche Vereinbarung viel zu intim, viel zu markierend war.
„Sei nicht so stolz, kleiner Vogel“, murmelte Arthur und bohrte seinen Blick in sie. „Du bist für das Penthouse geboren, nicht für die Straße. Unterschreib den Vertrag. Lass mich für dich sorgen.“
Ein Schauer lief Vivienne über den Rücken – halb Schrecken, halb eine elektrische Hitze, die sie nicht wahrhaben wollte. Sie blickte an seiner Schulter vorbei auf die Zwangsvollstreckungsunterlagen, dann hinunter auf den Vertrag. Sie saß in der Falle. Doch als sie die Klausel sah, in der ihre riesige monatliche Zuwendung aufgeführt war, entfachte sich in ihrer Brust ein Funke kalter, berechnender Ambition.
Wenn er sich eine Trophäe kaufen will, dachte Vivienne, während ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte, werde ich sein eigenes Gold nutzen, um mir meinen eigenen Käfig zu bauen.
Sie entzog sich seiner Berührung, bewahrte ihre Fassung und nahm den schweren Montblanc-Füllfederhalter in die Hand. Mit einem schnellen, eleganten Strich unterschrieb sie auf der gepunkteten Linie.
Vivienne Sterling Vance.
Arthur nahm ihr den Füllfederhalter aus der Hand, wobei seine Finger absichtlich ihre streiften. „Eine kluge Entscheidung, meine Frau. Mein Chauffeur wird deine Sachen gleich morgen früh abholen. Willkommen im Vance-Imperium.“
Das Vance-Penthouse in Manhattan war eine Festung aus Glas und Stahl, die siebzig Stockwerke über den glitzernden Lichtern der Stadt schwebte.
Am nächsten Tag um Mitternacht war Vivienne offiziell eingezogen. Die Hochzeit war an jenem Morgen eine hastige, private Angelegenheit in der Kammer eines Richters gewesen, gefolgt von einer Pressemitteilung, die die Wall Street bereits in Aufruhr versetzt hatte. Arthur war unmittelbar danach zu einer dringenden Vorstandssitzung aufgebrochen und hatte Vivienne allein in ihrem neuen, vergoldeten Käfig zurückgelassen.
Sie saß auf dem riesigen Samtsofa, den Laptop auf den Knien. Ihre Finger flogen über die Tastatur, während sie sich in einen privaten, verschlüsselten Offshore-Server einloggte.
Fünf Millionen Dollar waren auf ihr Konto überwiesen worden, sobald die Heiratsurkunde eingereicht worden war.
„Der erste Schritt“, dachte Vivienne, während ein grimmiges Lächeln ihre Lippen umspielte. Sie begann, unter dem Namen einer Briefkastenfirma – Aethel Gardens Holdings – einen Blind Trust einzurichten. Sie hatte nicht vor, Arthurs Geld für Diamanten und Designerhandtaschen auszugeben. Sie würde jeden einzelnen Cent ihres „Ehegattentaschengeldes“ dafür verwenden, still und leise verfallene, kleine Immobilienobjekte aufzukaufen, die Arthurs riesige Firma für zu unbedeutend hielt, um sich darum zu kümmern. Sie würde ihr eigenes Imperium in seinem Schatten aufbauen.
Plötzlich flogen die schweren Glastüren des Penthouses auf.
Vivienne zuckte zusammen und klappte ihren Laptop halb zu, als schwere, aggressive Schritte durch die Marmorhalle hallten.
Es war nicht Arthur.
Der Mann, der ins Wohnzimmer stürmte, war jünger und strahlte eine wilde, unberechenbare Energie aus, die den ruhigen Luxus des Penthouse augenblicklich zunichte machte. Er trug ein teures schwarzes Seidenhemd, das nicht in die Hose gesteckt war, und sein dunkles, lockiges Haar war vom Regen draußen feucht. Er hatte eine markante, umwerfend gutaussehende Kinnlinie und Augen, die so intensiv dunkel waren, dass sie fast schwarz wirkten.
Vivienne stockte der Atem. Julian.
Julian Vance. Arthurs vierundzwanzigjähriger Sohn, der rücksichtslos Erbe des Vance-Vermögens und der Mann, der ihr vier Jahre lang das Leben zur intellektuellen Hölle gemacht hatte, als sie Rivalen an der Columbia University waren. Sie hatte ihn seit dem Abschluss nicht mehr gesehen, als er nach Europa verschwunden war, um den Luxus-Nachtleben-Bereich der Familie zu leiten.
Julian blieb wie angewurzelt stehen, als er sie auf dem Sofa seines Vaters sitzen sah.
Eine lange, qualvolle Sekunde lang war das einzige Geräusch im Raum das entfernte Grollen des Donners draußen. Julians Blick glitt über sie hinweg, nahm ihren Seidenmantel, ihre nackten Beine und den schweren Diamantring wahr, der an ihrer linken Hand funkelte.
Ein dunkles, gefährliches Gefühl verzerrte seine schönen Gesichtszüge. Der Schock in seinen Augen verschmolz schnell zu einer rohen, ungezügelten Wut.
„Also sind die Gerüchte wahr“, zischte Julian und ging mit raubtierhaften Schritten auf sie zu. Er blieb erst stehen, als er direkt über der Couch aufragte, sein Atem ging stoßweise. „Ich lande in New York, und die Schlagzeilen berichten, mein Vater habe eine geldgierige Erbin geheiratet, um seine Aktienkurse zu retten. Ich habe nur nicht geahnt, dass die Hure, die er gekauft hat, du bist, Vivienne.“
Vivienne sprang sofort auf, ihr Stolz loderte auf. „Pass auf, was du sagst, Julian. Ich bin die Frau deines Vaters. In diesem Haus wirst du mir Respekt erweisen.“
„Respekt?“ Julian stieß ein düsteres, spöttisches Lachen aus, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Er trat näher und drang so aggressiv in ihren persönlichen Raum ein, dass sie die Hitze spüren konnte, die von seinem Körper ausging. Er streckte die Hand aus, die wie eine Viper zuschlug, um ihr linkes Handgelenk zu packen, und hob ihre Hand an, sodass der riesige Diamant das Licht einfing. „Du hast einen Mann geheiratet, der alt genug ist, um dein Vater zu sein, nur wegen eines Scheckbuchs? Die brillante, unantastbare Vivienne Sterling hat sich an den Meistbietenden verkauft?“
„Es ist eine geschäftliche Vereinbarung!“, fuhr Vivienne ihn an und versuchte, ihr Handgelenk zurückzuziehen, doch Julians Griff war eisern. Er war stärker als zu College-Zeiten, sein Oberkörper breiter, seine Präsenz völlig erdrückend.
„Es ist mir egal, was es ist“, knurrte Julian und beugte sich ihr bis auf wenige Zentimeter nahe. Seine dunklen Augen brannten vor einem besessenen, furchterregenden Feuer, das ihr Herz aus einem ganz anderen Grund höher schlagen ließ. „Er glaubt, er hätte sich eine Trophäe gekauft, aber er ist ein alter Mann, Vivienne. Er kennt dich nicht. Er kennt das Feuer in dir nicht. Aber ich schon.“
Julians Blick wanderte zu ihren Lippen, sein Griff um ihr Handgelenk verstärkte sich gerade so weit, dass er sie fest an seine Brust zog. Viviennes Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel.
„Glaubst du, du bist hier sicher?“, flüsterte Julian mit gefährlich tiefer Stimme, sein Atem heiß auf ihrer Haut. „Glaubst du, du kannst einfach mit meinem Vater Familie spielen und mich ignorieren? Du hast einen Fehler gemacht, als du in diese Familie gekommen bist, Vivienne. Denn ich werde es dir absolut unmöglich machen, in seinem Bett zu bleiben.“
Bevor Vivienne nach den Sicherheitsleuten schreien konnte, ertönte hinter ihnen das unverkennbare Klingeln des privaten Aufzugs.
Die schweren Schritte von Arthur Vance hallten im Flur wider.
Julian zuckte nicht zurück. Er ließ langsam ihr Handgelenk los, wobei seine Finger in einer verweilenden, besitzergreifenden Liebkosung leicht über ihre Handfläche strichen. Er schenkte ihr ein letztes, teuflisches Grinsen, bevor er zurück in den Schatten trat, gerade als sein Vater den Raum betrat.