Sorgen Sie dafür, dass die Dienstmädchen jeden Winkel dieses Hauses schrubben“, sagte Bianca zu dem Butler, ihre Stimme triefte vor unverdienter Autorität. „Die Vorhänge sind scheußlich, und die Farbgestaltung ist völlig veraltet. Ich will, dass bis Freitag alles ausgetauscht ist.“ Sharon lächelte liebevoll und tätschelte Biancas Hand. „Natürlich, Liebes. Jetzt, wo die nutzlose Straßenratte endlich weg ist, hast du hier das Sagen. Dieses Haus hätte von Anfang an dir gehören sollen.“ Chloe begann ruhig die Treppe hinunterzugehen, ihre Turnschuhe klangen leise auf dem polierten Marmor. Biancas Blick schnellte zu ihr, ein kleines, triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie trat vor und verschränkte die Arme. „Oh, Chloe. Du bist immer noch hier? Adrian hat mir erzählt, du hättest die Papiere gestern Abend unterschrieben. Ich dachte, du hättest wenigstens den Anstand, vor Tagesanbruch auszuziehen.“
„Im Vertrag steht, dass ich bis Mittag Zeit habe, auszuziehen“, erwiderte Chloe mit vollkommen ruhiger Stimme, völlig frei von dem Schmerz oder der Wut, die Bianca offensichtlich provozieren wollte.
Sharon trat neben Bianca, ihr Gesichtsausdruck verzog sich zu einem höhnischen Grinsen, als sie Chloes billige Pappkartons musterte. „Sieh dir diesen Schrott an! Beweg dich nicht so, Chloe! Drei Jahre lang hast du dich an meinem Sohn bereichert. Sei froh, dass er dich nicht mittellos auf die Straße gesetzt hat.“
„Ich habe keinen einzigen Cent von dem Geld Ihres Sohnes genommen, Mrs. Vance“, sagte Chloe und stellte ihren Karton neben die Haustür. Bianca lachte leise, ein spöttisches Lachen. „Ach, bitte! Die stolze, tragische Opferrolle steht dir nicht, Chloe. Wir alle kennen Mädchen wie dich, die aus den Slums kriechen, um sich etwas dazuzuverdienen. Pass nur auf, dass du auf dem Weg nach draußen nicht versehentlich ein paar Familienerbstücke mitgenommen hast.“ Bevor Chloe antworten konnte, ging Bianca zu den Pappkartons neben der Tür. Ohne Vorwarnung kippte sie den obersten Karton mit ihrem Designerabsatz um.
Das Klebeband riss, und der Inhalt ergoss sich über den Marmorboden – ein paar alte Taschenbücher, ein abgetragener Wintermantel und eine kleine, versilberte Spieldose, die Chloes leiblicher Mutter gehört hatte, bevor diese als Kind verschwand.
„Was machst du da?“, fragte Chloe mit finsterem Blick und tiefer Stimme.
„Nur eine routinemäßige Sicherheitskontrolle“, sagte Bianca achtlos und trat dabei absichtlich auf Chloes Ärmel, während sie mit dem Schuh gegen die silberne Spieldose stieß. „Die sieht teuer aus. Bist du sicher, dass Adrian sie dir nicht gekauft hat? Kaleb, wirf den Schrott in den Verbrennungsofen. Das ist eine Zumutung.“
Der Butler Kaleb erstarrte und wirkte sichtlich unbehaglich. Sharon klatschte ungeduldig in die Hände. „Na? Du hast die zukünftige Herrin des Hauses gehört, Kaleb. Verbrenn es. Wir brauchen Chloes dreckige Slum-Keime nicht auf dem Anwesen.“
Chloe trat vor, ihre Ausstrahlung veränderte sich so abrupt, dass selbst Sharon unwillkürlich zurückwich. Angst lag nicht in Chloes Gesicht – nur eine eisige, gefährliche Ruhe. Sie hob die silberne Spieluhr auf, wischte ein Staubkorn von ihrer Oberfläche und verstaute sie sicher in ihrer Tasche.
„Fass meine Sachen noch einmal an, Bianca, und du wirst schon sehen, wie teuer ein Fehler sein kann“, sagte Chloe leise. Bianca schnaubte verächtlich, doch ein Anflug von Unbehagen huschte über ihre Augen angesichts Chloes intensivem Blick. „Drohst du mir? In meinem eigenen Haus? Adrian!“
Die Haustür öffnete sich, und Adrian betrat mit einer Tasse Kaffee in der Hand den Flur. Er blieb stehen, sein Blick wanderte über die umgekippte Spieluhr, das wütende Gesicht seiner Mutter und Chloe, die still inmitten des Chaos stand.
„Was ist hier los?“, fragte Adrian stirnrunzelnd.
„Adrian, sieh sie dir an!“ Bianca veränderte augenblicklich ihr Verhalten. Ihre Stimme wurde leise und tränenreich, als sie seinen Arm ergriff. „Ich wollte ihr nur beim Packen helfen, aber sie ist so aggressiv geworden. Sie hat mich bedroht, nur weil ich ihr geraten habe, noch einmal zu überprüfen, ob sie versehentlich etwas von Vance mitgenommen hat.“ Adrian sah Chloe an und erwartete die üblichen Tränen oder flehentliche Verteidigungsversuche. Stattdessen blickte Chloe ihn mit völliger, eiskalter Gleichgültigkeit an. Es war der Blick einer Person, die bereits mit der Sache abgeschlossen hatte.
„Chloe, pack deine Sachen und geh sofort“, sagte Adrian mit vor Frustration angespannter Stimme. Er hasste Familienstreitigkeiten und er hasste das seltsame, beunruhigende Gefühl, das Chloes kalter Blick in ihm auslöste. „Mach keine Szene an deinem letzten Tag.“
„Adrian“, warf Sharon ein, „sie behauptet, sie hätte die 50 Millionen Dollar Abfindung nicht angenommen. Kannst du die Frechheit fassen? Wahrscheinlich versucht sie, später eine Klage auf noch mehr Geld einzureichen.“
Adrian runzelte die Stirn und sah Chloe an. „Das Geld wurde um Mitternacht auf dein Konto überwiesen. Wenn du mehr willst, nenn deinen Preis, aber lass Bianca in Ruhe.“
Chloe ging zum Couchtisch, holte den unterschriebenen Scheidungsvertrag vom Vorabend und hielt ihn hoch. Sie hatte mit einem dicken schwarzen Stift jede einzelne Finanzklausel, jede Immobilienübertragung und jeden Unterhaltsposten sorgfältig durchgestrichen und neben die Streichungen ihre Initialen gesetzt.
„Ich will dein Geld nicht, Adrian. Ich will deine Villa nicht, und deinen Namen will ich ganz sicher nicht“, sagte Chloe deutlich, ihre Stimme hallte im stillen Foyer wider. „Ich kam mit nichts in dieses Haus und ich gehe mit nichts. Wir sind endgültig getrennt.“
Adrian starrte auf den beschädigten Vertrag, und ein plötzliches, schweres Gefühl lastete schwer auf ihm. Drei Jahre lang hatten ihm alle erzählt, Chloe sei eine Goldgräberin, die seinen Großvater ausgenutzt hatte. Doch sie ließ ein Vermögen liegen, ohne eine einzige Träne zu vergießen.
„Chloe, sei doch nicht albern“, murmelte Adrian und griff nach ihrem Handgelenk. „Du hast keine Familie, keinen Job und kein Geld. Wie willst du in dieser Stadt ohne die Abfindung überleben?“ Chloe riss ihr Handgelenk aus seinem Griff, noch bevor er ihre Haut berühren konnte. Ihre Ablehnung war schnell und unmissverständlich.
„Das geht Sie nichts mehr an, Mr. Vance“, sagte Chloe ruhig. Sie hob ihren tropfenden Karton auf, stemmte ihn gegen ihre Hüfte und ging hinaus in die frische Morgenluft. Sie blickte nicht zurück zum Herrenhaus, nicht zurück zu dem Mann, den sie drei Jahre lang geliebt hatte, und es kümmerte sie nicht, dass es zu regnen begann.
Hinter ihr stand Adrian in der offenen Tür und sah ihr nach, wie sie die lange, gewundene Auffahrt entlangging. Ein heftiger, unerklärlicher Drang, ihr nachzulaufen, überkam ihn, doch er zwang seine Füße, stehen zu bleiben. Sie wird zurückkommen, sagte er sich leise. Ein Waisenkind, das nichts besitzt, kehrt immer zurück.