Kapitel 1
Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Vance. Der Ultraschall bestätigt, dass Sie in der vierten Woche schwanger sind. Dem Baby geht es bestens.“ Chloe Vance starrte auf den strahlend weißen Arztbericht in ihren Händen, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Drei lange Jahre hatte sie wie ein Geist auf dem weitläufigen Anwesen der Vances gelebt und stillschweigend die Rolle der perfekten, gehorsamen Ehefrau des Milliardärs Adrian Vance gespielt. Ihre Ehe war eine blutlose Geschäftsbeziehung, zustande gekommen aus einem Gefallen an seinem verstorbenen Großvater. Adrian behandelte sie wie ein lästiges Möbelstück, hielt Distanz und verschloss sein Herz vollständig. Doch vor einem Monat brach eine seltene Nacht der Verletzlichkeit seine eisernen Regeln. Und nun wuchs ein kleines Leben in ihr heran. In der Hoffnung, dass dieses Kind endlich die Distanz zwischen ihnen überbrücken könnte, wählte Chloe seine private Nummer. Es klingelte mehrmals, bevor seine Assistentin mit professioneller Kälte abnahm. „Mrs. Vance, Mr. Vance ist in einer Vorstandssitzung.“ „Bitte stören Sie ihn nicht mit häuslichen Angelegenheiten.“ Die Verbindung wurde unterbrochen, bevor Chloe etwas sagen konnte. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und rieb sich sanft den flachen Bauch. „Alles wird gut, Kleine“, dachte sie entschlossen und versuchte, das plötzliche Aufwallen der Angst in ihrer Brust zu beruhigen. „Dein Papa kennt dich vielleicht noch nicht, aber Mama wird dich mit allem beschützen.“ Entschlossen, die Nachricht angemessen zu verkünden, verbrachte Chloe den Nachmittag damit, Adrians Lieblingsgerichte zuzubereiten und steckte ihr ganzes Herzblut in jedes Detail. Sie deckte den Esstisch perfekt und legte den gefalteten Schwangerschaftsbericht mit der Vorderseite nach unten direkt neben seinen Teller. Punkt 21:00 Uhr durchschnitten die Scheinwerfer eines eleganten schwarzen Maybachs den Regen draußen. Die schweren Eichentüren öffneten sich, und Adrian Vance trat in die Diele. Er war groß, tadellos gekleidet in seinem maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzug, mit markanten Gesichtszügen und Augen, die völlig undurchschaubar blieben. Lässig warf er seine Jacke auf das Sofa und ging völlig am Esszimmer vorbei, ohne einen Blick auf das dampfende Essen zu werfen.
„Adrian, du bist zurück.“ „Ich habe das Abendessen gekocht“, sagte Chloe und trat mit einem sanften, hoffnungsvollen Lächeln vor. „Außerdem muss ich dir noch etwas Wichtiges mitteilen …“
„Heb dir das auf, Chloe“, unterbrach Adrian sie mit emotionsloser, gefühlloser Stimme. Er zog eine elegante, ledergebundene Mappe aus seiner Aktentasche und warf sie auf den gläsernen Couchtisch. Sie glitt vorwärts und blieb direkt über dem Rand ihres versteckten medizinischen Berichts liegen.
Auf der ersten Seite trafen die fetten, schwarzen Buchstaben Chloe wie ein Schlag: EINVERNEHMLICHE SCHEIDUNGSVEREINBARUNG.
Chloe stockte der Atem, die Luft im Raum fühlte sich plötzlich unerträglich dünn an. „Was … was ist das?“
„Bianca ist zurück“, sagte Adrian ruhig und lockerte mit lässiger Eleganz seine Seidenkrawatte. „Sie kam heute Morgen aus Paris zurück. Du hast drei Jahre lang den Titel Mrs. Vance innegehabt, um den Wünschen meines Großvaters nachzukommen. Es ist Zeit, ihn der rechtmäßigen Besitzerin zurückzugeben.“
Bianca Moore. Seine erste Liebe. Die geliebte Adoptivtochter der elitären Familie Moore und die einzige Frau, die Adrian jemals öffentlich geliebt hatte. Vor drei Jahren war Bianca nach einem Familienstreit ins Ausland geflohen, und Chloe – ein Waisenkind, das Adrians Großvater aufgenommen hatte – war als willkommener Ersatz herhalten müssen.
„Adrian …“, Chloes Stimme zitterte leicht, ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Kleides. „Ist denn wirklich kein Platz mehr für mich? Nicht einmal nach all der Zeit?“ Adrian blickte auf sie herab, sein Blick glitt mit völliger Gleichgültigkeit über ihre schlichte Kleidung und ihr ungeschminktes Gesicht. Für ihn war sie nur eine stille Pflicht, von der er sich endlich befreit hatte. „Chloe, sei nicht gierig. Ich habe dir eine Luxusvilla im Stadtzentrum und fünfzig Millionen Dollar hinterlassen. Das reicht mehr als genug für ein komfortables Leben. Unterschreib die Papiere.“ Ein stechender, hohler Schmerz breitete sich in Chloes Brust aus. Sie blickte auf ihren Bauch, ihre Hand drückte sich instinktiv tröstend darauf.
„Adrian“, flüsterte sie und zwang ihre Stimme zu fester Stimme. „Wenn … und das ist nur ein hypothetisches Beispiel … wenn ich dir jetzt sagen würde, dass ich schwanger bin, würdest du die Scheidung dann immer noch durchziehen?“ Adrians Stirn legte sich in Falten, sein Blick verhärtete sich augenblicklich zu einem kalten, gefährlichen Ausdruck. „Hast du die Pille danach vergessen?“ Er trat näher, seine Stimme sank zu einem rauen Flüstern. „Chloe, ich toleriere vieles, aber ich werde es nicht dulden, dass eine Frau ein Kind als Druckmittel benutzt, um mich an sich zu binden. Wenn du schwanger bist, treibe es ab. Ein Kind aus einer lieblosen Ehe ist eine Tragödie. Ich werde niemals zulassen, dass ein Kind von dir den Namen Vance erbt.“
Weg damit.
Diese fünf Worte zerstörten endgültig den letzten Rest von Chloes Zuneigung. Die Wärme in ihren Augen erlosch augenblicklich und wurde durch eine kalte, distanzierte Klarheit ersetzt. Der Mann vor ihr war nicht ihr Ehemann; er war ein Fremder.
„Ich verstehe“, sagte Chloe. Ihre Stimme zitterte nicht mehr. Sie war vollkommen still.
Ohne ein weiteres Wort ging sie zum Schreibtisch, nahm den goldenen Füllfederhalter und schlug die letzte Seite des Vertrags auf. Sie las keine einzige Klausel über die fünfzig Millionen Dollar Abfindung oder die Villa. Mit schnellen, eleganten Strichen unterschrieb sie: Chloe Lin.
Sie ließ den Stift mit einem dumpfen Klicken auf den Tisch fallen.
„Das Essen ist kalt. Weg damit“, sagte Chloe ruhig und drehte ihm den Rücken zu. „Ich packe meine Sachen und reise morgen früh ab.“ Adrian starrte sie mit ihrer plötzlichen, ungerührten Ruhe an, und ein unerklärlicher Anflug von Irritation stieg in ihm auf. Bevor er etwas sagen konnte, vibrierte sein Handy. Sein Gesichtsausdruck erweichte sich sofort, als er abnahm: „Bianca? Ja, ich habe die Formalitäten erledigt. Ich komme gleich.“
Chloe drehte sich nicht um, als sie die Treppe hinaufging. Sie sollten ihr Märchen leben. Adrian hatte keine Ahnung, dass sie kein mittelloses Waisenkind war. Sie war die verschollene Tochter des globalen, Billionen-Dollar-Imperiums Lin – und ihre Familie suchte bereits nach ihr.
Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, hallten laute, fordernde Stimmen aus dem Foyer im Erdgeschoss.
Chloe, in einer einfachen Jeans und einem verwaschenen Pullover, klebte gerade ihren zweiten kleinen Karton zu. Sie hatte keinen einzigen Luxusartikel angerührt, den Adrian ihr während ihrer Ehe gekauft hatte; sie reiste nur mit den bescheidenen Habseligkeiten ab, die sie vor drei Jahren mitgebracht hatte.
Als sie ihren Karton die Treppe hinaufzog, sah sie Adrians Mutter, Sharon Vance, im Wohnzimmer stehen. Neben ihr stand eine junge Frau, von Kopf bis Fuß in Chanel Haute Couture der aktuellen Saison gekleidet. Bianca Moore.