Sofia
Meine Augenlider flatterten schwer und widerwillig auf, bevor sie sich in einem blendenden Anflug von Panik weit öffneten. Ich sah mich in dem Raum um, in dem ich mich befand. Es war nicht mein kleines, vertrautes Bett im Hostel. Die Laken waren aus Seide, und die Luft war erfüllt von einem unbekannten Duft, der moschusartig, teuer und beunruhigend maskulin war. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Wo war ich?
Ich richtete mich auf, mein Kopf pochte mit einem dumpfen, anhaltenden Schmerz, der weniger wie ein Kater als vielmehr wie eine körperliche Manifestation von Schuldgefühlen anfühlte. Ich schaute mich im Zimmer um, das von der Morgensonne durch die schweren Samtvorhänge beleuchtet wurde. Ein Kingsize-Bett, dunkle Holzmöbel und moderne Kunst an den Wänden. Das war definitiv nicht das Hostel.
Ich presste meine Hände auf meinen Kopf und versuchte, die Kopfschmerzen zu lindern, die mich überkamen, als Erinnerungsfetzen an die letzte Nacht in mir aufstiegen. Ich hörte den dröhnenden Bass des Clubs, spürte die schwindelerregende Süße des Drinks, den Clara mir in die Hand gedrückt hatte, und fühlte, wie die Musik durch meine Knochen vibrierte, bis ich mich ungebunden und schwerelos fühlte.
Ich konnte mich an das Gesicht dieses Mannes erinnern, sein Gesicht war markant und gutaussehend, mit einem raubtierhaften Glitzern in den Augen, das ich aus unerklärlichen Gründen absolut faszinierend fand. Seine Hand, warm und fest auf meinem unteren Rücken, führte mich durch den Club, seine Stimme, ein leises Grollen in meinem Ohr, versprach Dinge, die ich nicht ganz verstehen konnte, nach denen ich mich aber sehnte.
Ich erinnerte mich daran, wie wir uns geküsst hatten, an den Druck seiner Lippen, der so anders war als alles, was ich mir jemals vorgestellt hatte, ein dunkles Feuer, das etwas Tiefes und Schändliches in mir entfachte. Ich erinnerte mich daran, wie seine Hände Muster auf meiner Haut zeichneten, gegen meine Kleidung drückten, und daran, wie mein Körper darauf reagiert hatte, begierig und lebendig wie nie zuvor.
„Oh Gott“, keuchte ich, ich konnte nicht glauben, dass ich all das zugelassen hatte.
Meine Reinheit? Ich hatte alles zerstört, was meine Eltern mir beigebracht hatten. Jede Lektion, jede Predigt, jede geflüsterte Warnung meiner Mutter über die Sündhaftigkeit des Fleisches, darüber, mich für meinen zukünftigen Ehemann rein zu halten, schrie in meinem Kopf. Ich war ruiniert, völlig und unwiderruflich ruiniert.
Mein Blick huschte umher, auf der Suche nach meinen Kleidern, nach irgendetwas Vertrautem. Ich sah sie über einem Sessel liegen und krabbelte aus dem Bett, fühlte mich entblößt und schmutzig, und zog sie schnell an, während meine Finger ungeschickt am Reißverschluss herumfummelten. Ich fand meine kleine Handtasche auf dem Nachttisch und mein Handy darin. Der Bildschirm leuchtete mit einem Dutzend verpasster Anrufe auf, alle von Clara.
Eine neue Welle von Tränen stieg mir in die Augen, heiß und brennend. Ich konnte sie nicht zurückrufen, weil ich mich so schmutzig fühlte. Meine Beine fühlten sich wie Pudding an, aber ich zwang mich, das Zimmer zu verlassen, durch einen kurzen Flur und in eine große, leere Lobby. Es war ein Hotel, genau wie ich vermutet hatte. Ich stolperte auf die Straße, blinzelte gegen das grelle Morgenlicht und winkte das erste gelbe Taxi heran, das ich sah.
„Zum Studentenwohnheim, bitte“, würgte ich hervor, meine Stimme d**k vor unterdrückten Tränen, und stieg ein. Die Fahrt kam mir so lang und verdammt vor, jede Unebenheit der Straße erschütterte meine zerbrechliche Fassung. Ich wollte verschwinden, die Zeit zurückdrehen, die letzten zwölf Stunden auslöschen.
Als das Taxi endlich vor dem vertrauten Tor des Wohnheims hielt, warf ich dem Fahrer das Geld praktisch hin und rannte hinein. Mein Zimmer befand sich im zweiten Stock. Als ich die Tür aufstieß, sah ich Clara auf und ab gehen, ihr sonst so fröhliches Gesicht von Sorge gezeichnet. Sie drehte sich um, ihre Augen weiteten sich vor Erleichterung, dann verengten sie sich besorgt, als sie mein zerzaustes Aussehen und mein tränenüberströmtes Gesicht sah.
„Sofia! Oh mein Gott, Sofia, wo warst du denn?“, rief sie und eilte auf mich zu. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Du bist einfach ... aus dem Club verschwunden. Ich konnte dich nirgendwo finden!“
Die Dämme brachen und ich brach zusammen, neue Schluchzer erschütterten meinen Körper. „Ich ... ich kann es nicht glauben, Clara“, wimmerte ich, die Worte kaum hörbar durch meine Tränen. „Ich kann einfach ... ich kann nicht glauben, was passiert ist.“
Claras Gesicht wurde weicher, ihre Augen suchten meine. „Was ist passiert? Geht es dir gut? Hat dir jemand wehgetan?“ Ihre Stimme war von echter Angst erfüllt.
Der Gedanke, irgendetwas zu erzählen, das Unaussprechliche in Worte zu fassen, ließ mich zurückschrecken. Wie sollte ich es erklären? Wie sollte ich ihr das Ausmaß meiner Verfehlung schildern? Ich verspürte nur den Drang, sie von mir zu stoßen, mich in meiner Scham zu isolieren.
„Bleib einfach ... bleib einfach weg von mir, Clara“, flüsterte ich, meine Stimme wurde etwas lauter. „Ich will nicht darüber reden. Mit niemandem.“
Sie erstarrte, ihre Hände schwebten in der Luft, unsicher, ob sie mich trösten sollte. „Sofia, bitte. Sag es mir. Ich bin deine Freundin. Was auch immer es ist, wir finden eine Lösung.“
„Nein!“, schrie ich, meine Stimme klang rau und gebrochen. Meine Stimme brach vor Frustration und Selbsthass und schlug auf das leichteste Ziel ein. „Das ist deine Schuld, Clara! Du! Du hast mich dorthin mitgenommen! Du hast mir gesagt, es würde Spaß machen! Du hast dich in ... in meine ...“ Ich hörte auf, mit dem Finger auf sie zu zeigen, während ihre Augen vor Schreck weit aufgerissen waren. „Du wusstest, was das für ein Ort war! Du hast mich allein gelassen und ... und!“
Clara machte einen Schritt zurück, ihr Gesicht wurde blass. Sie öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder, ein Anflug von Schmerz huschte über ihr Gesicht, bevor sie die Schultern straffte. Sie sagte kein weiteres Wort, drehte sich nur um, ging zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und schloss sie leise hinter sich.
Sobald sie weg war, rutschte ich an der Wand hinunter, sank auf den Boden und zog die Knie an die Brust. Die Tränen kamen unaufhaltsam, ich versank in Selbstvorwürfen, ich war ein Versager. Eine Schande für meine Familie, für meinen Glauben, für alles, was mir jemals beigebracht worden war. Wie sollte ich ihnen jemals wieder unter die Augen treten? Wie sollte ich jemals wieder rein sein?
Ich weiß nicht, wie lange ich dort zusammengerollt saß, bis ein leises Klopfen an der Tür mich aufschreckte. Ich wischte mir schnell mit dem Handrücken die Augen ab und versuchte, mich zu fassen, um die Spuren meiner Verzweiflung zu verwischen. Wer konnte das sein?
Ein weiteres Klopfen, diesmal etwas lauter. Zögernd rappelte ich mich auf, schlurfte zur Tür und spähte durch den Türspion. Es war Louis. Oh nein. Nicht er.
Ich öffnete schnell die Tür, um mich zu entschuldigen und ihn wegzuschicken, aber sein Fuß blockierte bereits die kleine Lücke. „Louis, ich ...“
„Sofia, warte“, sagte er mit ernster und sanfter Stimme. Der Anblick seiner freundlichen, besorgten Augen ließ meine Kehle wieder zuschnüren. „Bitte. Lass mich kurz mit dir reden.“
Ich versuchte, die Tür zu schließen, aber sein Fuß hielt sie fest. „Louis, bitte geh einfach“, murmelte ich und wandte meinen Blick ab. „Ich kann jetzt nicht.“
„Nein, Sofia. Ich muss das sagen.“ Er drückte die Tür weiter auf, trat ein Stück in den Raum hinein, die Hände in den Taschen, und sah wirklich reumütig aus. „Es tut mir so leid. Für ... für alles. Wie ich gestern mit dir über deine Arbeiten gesprochen habe. Das war falsch, völlig falsch.“
Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen. Warum machten alle alles nur noch schlimmer?
„Ich war ein Idiot, Sofia. Du warst aufgebracht, und ich habe es nur noch schlimmer gemacht. Ich hätte diese Dinge nicht sagen sollen. Dass du dich nicht anstrengst, dass es deine Schuld ist. Das war nicht fair. Ich hätte zu dir stehen sollen. Wir... wir hätten Wege finden sollen, dir zu helfen, herauszufinden, wie du die Dinge in Ordnung bringen kannst, anstatt dass ich dir nur Vorwürfe gemacht habe.“ Er klang aufrichtig betrübt: „Ich weiß, dass das die Situation im Moment nicht besser macht, aber es tut mir wirklich leid und ich hoffe, dass wir unsere Beziehung fortsetzen können.“
Seine Worte trösteten mich nicht, sondern drehten nur noch tiefer im Wunde. Seine Freundlichkeit kam mir unverdient vor, ich würgte einen Schluchzer herunter. „Geh einfach, Louis“, weinte ich und konnte seinem Blick nicht standhalten. Meine Stimme war heiser und gebrochen. „Bitte. Wir können später reden. Im Moment möchte ich einfach nur allein sein.“
Er bewegte sich, seine Stirn war vor Sorge gerunzelt. Er war offensichtlich nicht überzeugt, sein Blick ruhte auf meinem Gesicht, suchend. Ich konnte seine unausgesprochenen Fragen spüren, seinen Wunsch zu helfen, aber ich konnte es nicht ertragen.
„Okay, Sofia“, sagte er schließlich mit leiser, resignierter Stimme. Er trat langsam zurück und nahm seinen Fuß vom Türrahmen. „Pass einfach auf dich auf, okay? Wenn du irgendetwas brauchst, irgendetwas, dann ... dann ruf mich einfach an.“
Ich antwortete nicht, starrte nur auf den Boden und wollte, dass er ging. Nach einem weiteren Moment des Zögerns drehte er sich um und ging weg. Das Geräusch seiner Schritte verhallte im Flur, und ich schaffte es endlich, die Tür ganz zu schließen und fest zu verriegeln.
Dann rutschte ich an der Wand hinunter und sank erneut zu Boden. Der Raum war wieder still, bis auf das unregelmäßige Geräusch meines eigenen Atems und das leise, gleichmäßige Tropfen meiner Tränen auf den abgenutzten Teppich. Ich war allein. Völlig, elend allein mit der erdrückenden Last meiner Scham. Und es gab keinen Ort mehr, an den ich fliehen konnte.