Kapitel 6

1055 Words
Rose ging sofort auf Bertha zu. Laura tat so, als wollte sie sie aufhalten, konnte es aber nicht. Dann hob Rose arrogant das Kinn und räusperte sich. „Hey.“ Venn drehte den Kopf – und für einen Moment war Rose wie versteinert. Gab es in Stadt X wirklich einen Mann, der so gutaussehend war wie ihr Bruder? In diesem Augenblick wuchs ihre Eifersucht und ihr Zorn auf Bertha noch stärker. „Wer bist du?“ fragte Venn kühl und warf ihr einen frostigen Blick zu. Bertha lächelte und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Sie ist meine Ex-Schwägerin – die arroganteste und sturste Person der Familie Tibble.“ Als Venn das hörte, wurde sein Gesichtsausdruck noch kälter. Obwohl Bertha leise gesprochen hatte, hörte Rose jedes Wort deutlich, und die vertraute Geste zwischen den beiden reizte sie nur noch mehr. Weil Venn vor ihr stand, zog Rose ihre Aggressivität zurück, nahm einen tadelnden Gesichtsausdruck an und sprach mit absichtlich schriller Stimme: „Lass dich nicht von dieser Frau täuschen! Sie war schon verheiratet. Außerdem stammt sie aus niederem Stand, hat ein grausames Herz – früher hatte sie sogar eine zweideutige Beziehung zu meinem Vater, sie…“ Klatsch! Ein Schlag unterbrach Roses Worte. Der ganze Festsaal wurde augenblicklich still. Rose hielt sich eine Wange und starrte Bertha an – ungläubig, mit weit geöffneten Augen. „Du wagst es, mich zu schlagen?“ Berthas feine Augen blickten sie mit Verachtung an. Als sie noch bei der Familie Tibble war, hatte sie sich ihnen stets angepasst, sich selbst erniedrigt. Doch jetzt, nach der Scheidung, hatte sie mit ihnen nichts mehr zu tun. Bertha wischte sich die Hand ab und warf Rose einen abfälligen Blick zu. „Ja. Ich habe dich geschlagen, weil dein Mund so abscheulich ist.“ Sie rieb sich die Handfläche, und auf ihren Lippen erschien ein sarkastisches Lächeln. „Offenbar versteht die Familie Tibble nichts von Kindererziehung – sie zieht Töchter groß, die nur Unsinn reden.“ „Gibt es etwa ein Gesetz, das verheirateten Frauen verbietet, an einem Fest teilzunehmen? Ist dein Bruder nicht auch verheiratet? Was du eben gesagt hast, ist Verleumdung und Beleidigung – ich könnte dich verklagen.“ „Du…“ Rose war ihr Leben lang verwöhnt worden. Noch nie hatte jemand so mit ihr gesprochen, geschweige denn sie in aller Öffentlichkeit geohrfeigt. Sie errötete vor Wut und Scham, hob die Hand – wollte Bertha zurückschlagen. Doch Venn packte ihr Handgelenk und drückte so fest zu, dass sie vor Schmerz aufschrie. Derek saß ruhig daneben, seine Augen wurden allmählich dunkler. Nie zuvor hatte er Berthas Entschlossenheit und Mut bemerkt. Rose hatte Bertha einschüchtern und provozieren wollen – am Ende war sie selbst geschlagen worden. Sie war völlig fassungslos und starrte Bertha an, als könne sie nicht glauben, dass dieses „wilde Landmädchen“ es gewagt hatte, sie zu ohrfeigen. Derek runzelte die Stirn und sah Rose mit dunklem Blick an. „Wie lange willst du noch Ärger machen? Entschuldige dich.“ Als Rose das hörte, stellte sie sich auf wie eine fauchende Katze. „Bruder! Sie hat mich geschlagen, warum…“ Dereks Gesicht verdunkelte sich. „Sei still. Ich habe Augen im Kopf – ich weiß, wer im Recht ist. Ich wiederhole: Entschuldige dich.“ Rose hatte immer Angst vor ihrem Bruder, doch die Wut ließ sie beinahe platzen. Sie wollte widersprechen, aber Laura legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern und flüsterte: „Rose, dein Bruder ist wirklich wütend. Er meint es nur gut mit dir. Und du darfst nicht zulassen, dass Bertha dich verklagt. Wir sind kluge Leute – wir lassen kleine Dinge nicht große ruinieren.“ Durch Lauras Worte beruhigte sich Rose etwas und murmelte mit kaum hörbarer Stimme: „Entschuldigung.“ Dann rannte sie, mit rotem Gesicht, davon. Laura warf Derek einen besänftigenden Blick zu und eilte hinterher. Der Vorfall schien beendet. Zwar waren alle Gäste neugierig wegen Roses Worten, doch sie wussten, dass weder Venn noch Derek Personen waren, mit denen man sich anlegen sollte. Also kehrte bald wieder die ursprüngliche festliche Stimmung zurück – niemand wagte, über das Geschehene zu reden. Bertha warf Derek einen kurzen Blick zu, ihr Lächeln verblasste. Sie beschloss, Rose zu verzeihen. Venn sah in die Richtung, in die Rose verschwunden war, runzelte die Stirn und fragte seine Schwester: „Du willst das einfach so hinnehmen? Soll ich jemanden schicken, um ihr eine Lektion zu erteilen?“ Bertha lachte leise und stieß ihm sanft gegen die Schulter. „Nicht nötig. Ich bin gar nicht wütend – außerdem habe ich sie ja schon geohrfeigt. Also habe ich gewonnen.“ Venn: „…“ Plötzlich fand er, dass seine kleine Schwester erstaunlich mutig war. Derek hingegen war bei den weiteren Begrüßungen völlig unkonzentriert. Seine Blicke suchten ständig Bertha, die lachend mit Venn sprach. Ein seltsames Gefühl stieg in ihm auf – Unzufriedenheit, vielleicht auch Neid. Vielleicht war es das erste Mal, dass er sich von einer Frau derart aus der Ruhe bringen ließ. Zehn Minuten später kehrten Laura und Rose in den Saal zurück. Offenbar hatte Rose ihr Make-up erneuert und die Spuren der Ohrfeige geschickt überdeckt. Schweigend folgte sie Laura und stellte sich brav hinter Derek. Nur manchmal warf sie Bertha böse Blicke zu, die im Scheinwerferlicht strahlte. Rose, die sonst überall mit Respekt behandelt wurde, war noch nie in ihrem Leben so gedemütigt worden. Die Feier erreichte ihren Höhepunkt – der Tanz begann, und die Gäste bewegten sich im Rhythmus der Musik. Laura war begeistert. Erwartungsvoll blickte sie zu Derek, in der Hoffnung, er würde ihr den Arm reichen und sie zum Tanz auffordern. Derek stand tatsächlich auf. Lauras Augen funkelten – sie sah sich schon als Mittelpunkt des Ballsaals. Doch im nächsten Moment nahm Derek nur ein Glas Rotwein und ging zu einem anderen Tisch. Bertha hörte der Musik zu und genoss gerade ein Stück Schokoladenmousse, als plötzlich eine große Männerhand in ihr Blickfeld trat. „Meine Dame, darf ich um diesen Tanz bitten?“ Sie hob den Blick – sah zuerst seine Hand, dann Dereks kühles, unbewegtes Gesicht. Schlagartig verging ihr der Appetit. Ihre Blicke trafen sich. Derek spürte, wie sein Herz für einen Moment aussetzte. Zum ersten Mal betrachtete er Berthas Gesicht aus nächster Nähe – und stellte fest, dass jedes ihrer Züge vollkommen war. Ihre helle Haut ließ sie noch schöner wirken. Sie war… wirklich schön.
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