Kapitel 1: Der Wert des Fleisches
Die Tinte auf einem Milliardenvertrag roch genau wie eine Beerdigung.
Clara Brooks zuckte nicht mit der Wimper, als ihr der schwere Füllfederhalter in die Hand gedrückt wurde, obwohl das kalte Gold des Gehäuses sich in ihre Haut grub. Auf der anderen Seite des riesigen Konferenz-Tisches aus Obsidian saß Vance Sterling – ein Mann, der ganz aus scharfen Kanten, maßgeschneiderter italienischer Wolle und einer Aura bestand, die so erdrückend dunkel war, dass sie sich wie eine physische Last in dem Bürohochhaus anfühlte.
„Unterschreib an der gepunkteten Linie, Clara“, flüsterte ihr Vater neben ihr, sein Atem roch nach abgestandenem Scotch und Verzweiflung. „Rette uns.“
Vance sagte nichts. Das musste er auch nicht. Er lehnte sich einfach in seinem Ledersessel zurück, während seine durchdringenden silbergrauen Augen das leichte Zittern ihrer Finger mit der distanzierten Belustigung eines Spitzenprädators verfolgten, der einem verwundeten Reh zusieht, wie es in eine Falle tritt. Das Umgebungslicht der Skyline von Manhattan drang durch die raumhohen Glasfenster und warf einen klinischen, sterilen Schein auf die Hinrichtung ihrer Freiheit.
Sie wurde nicht verheiratet. Sie wurde erworben.
Drei Jahre, ermahnte sie sich, während ihr Herz in rasendem Rhythmus gegen ihre Rippen hämmerte. Drei Jahre als sein öffentliches Accessoire, und das Schifffahrtsimperium meines Vaters ist vor dem Bankrott gerettet.
Clara drückte die Feder auf das Papier. In dem Moment, als sie die Tinte über das Pergament zog, schoss ein qualvoller, glühender Phantomschmerz direkt durch die Mitte ihrer Brust. Sie schnappte nach Luft und ließ den Stift fallen. Er rollte über das polierte Holz und befleckte den makellos weißen Vertrag mit einem dunklen, hässlichen Fleck.
Auf der anderen Seite des Tisches erstarrte Vance. Seine silbernen Augen blitzten plötzlich heftig bernsteinfarben auf – ein furchterregender, urwüchsiger Glanz, der so schnell verschwand, dass Clara glaubte, sie hätte ihn nur halluziniert. Er umklammerte die Tischkante, seine Knöchel wurden kreidebleich, seine Brust hob und senkte sich, als wäre auch er gerade getroffen worden.
„Geht es Ihnen nicht gut, Miss Brooks?“ Vances Stimme war ein tiefer, rauer Bariton, der direkt durch die Dielen vibrierte. Sie enthielt keine Wärme, nur eine seltsame, angespannte Spannung.
„Mir geht es gut“, log Clara und rieb sich die Brust. Der Schmerz verwandelte sich in ein dumpfes, pochendes Pochen. Sie nahm den Stift und vollendete ihre Unterschrift. „Es ist erledigt.“
Vances Anwalt fegte die Papiere beiseite wie ein Geier, der sich über Aas hermacht.
„Herzlichen Glückwunsch, Mr. Sterling. Die Fusion ist gesichert. Der Brooks-Nachlass wird bis Mitternacht die Kapitalspritze erhalten.“
Ihr Vater stieß einen rauen Seufzer der Erleichterung aus, doch Clara empfand nichts als eine eisige Leere. Vance stand auf, und seine imposante Gestalt von 1,93 m dominierte augenblicklich den Raum. Er schenkte ihr weder ein Lächeln noch eine sanfte Berührung oder ein einziges tröstendes Wort. Er rückte lediglich seine Manschetten zurecht.
„Mein Chauffeur wird Ihren Vater nach Hause bringen“, wies Vance kühl an und sah dabei nur Clara an. „Ihre Sachen wurden bereits in mein Penthouse gebracht. Willkommen bei Sterling Global, Clara. Versuchen Sie, nichts kaputtzumachen.“
Das Sterling-Penthouse war ein Meisterwerk aus Glas und Stahl – und ein buchstäblicher Käfig.
Zwei Stunden später stand Clara in der Mitte des weitläufigen, hyperminimalistischen Wohnzimmers. Es war totenstill. Vance hatte sie sofort nach ihrer Ankunft verlassen und sich in seinen privaten Ostflügel zurückgezogen, mit einer knappen Anweisung:
Überschreite niemals die Schwelle meines Arbeitszimmers. Niemals.
Die Zurückweisung war sofort, chirurgisch präzise und vernichtend. Für ihn war sie eine Transaktion, ein Häkchen auf einer Liste, um seine konservativen europäischen Investoren zu besänftigen, die einen familienorientierten CEO verlangten. Er wollte keine Ehefrau; er wollte einen Geist, der in einer Pressemitteilung gut aussah.
Der phantomhafte Schmerz in ihrer Brust flammte erneut auf und ahmte das Gefühl einer blutenden Wunde nach. Warum tat es so weh? Sie liebte ihn nicht. Sie kannte ihn kaum. Und doch fühlte sich ihre Seele an, als würde sie durch seine Kälte in zwei Hälften gerissen.
*Nein*, dachte Clara und presste die Kiefer aufeinander, während sie ihr Spiegelbild im dunklen Glasfenster betrachtete. Ich bin eine Brooks. Wir brechen nicht zusammen. Wenn er eine kalte, geschäftsmäßige Ehe will, werde ich ihm eine Meisterklasse in Unternehmenskriegsführung erteilen.
Sie schlüpfte aus ihren High Heels, ihre nackten Füße machten keinen Laut auf dem polierten Marmor, als sie auf Vances verbotenen Westflügel zuging. Sie wusste, dass er das Penthouse verlassen hatte, um an einer nächtlichen Krisensitzung des Vorstands teilzunehmen. Wenn sie die nächsten drei Jahre überleben wollte, brauchte sie Druckmittel. Sie musste genau wissen, wer sich hinter dieser makellosen Milliardärsfassade verbarg.
Das Schloss an seiner privaten Arbeitszimmertür war biometrisch, aber das digitale Tastenfeld hatte einen zweiten Umgehungsweg. Mit einem Trick, den ihr die Sicherheitsleute ihres Vaters vor Jahren beigebracht hatten, streute Clara feines Puder aus ihrer Puderdose über den Bildschirm und machte so die Rückstände von Vances Fingerabdrücken sichtbar.
8-8-2-1.
Die schwere Mahagonitür sprang mit einem leisen Zischen auf.
Der Raum roch nach altem Leder, teurem Bourbon und einem seltsamen, erdigen Duft, der sie an einen tiefen, uralten Wald erinnerte – unvorstellbar für ein Penthouse mitten in New York. Mit klopfendem Herzen schlüpfte sie hinein und startete seinen ungesicherten privaten Laptop auf dem Schreibtisch.
Ihre Finger flogen über die Tastatur, umgingen einfache Firewalls, bis sie eine versteckte, verschlüsselte Partition mit der Bezeichnung „Crescent“ knackte.
„Mal sehen, was du versteckst, Ehemann“, flüsterte sie.
Sie öffnete die erste Datei. Es waren keine Finanzdaten. Es war ein Live-Videofeed aus einer unterirdischen Betonkammer tief unter dem Bundesstaat New York. Clara beugte sich näher heran, ihre Augen weiteten sich vor blankem, unverfälschtem Entsetzen.
Auf dem Bildschirm war ein Mann an eine silberne Wand gekettet. Aber es war kein Mann mehr. Seine Wirbelsäule brach, knackte und verlängerte sich. Dickes, dunkles Fell wuchs aus seiner Haut hervor, sein Kiefer verwandelte sich in eine knurrende, blutrünstige Schnauze.
Clara taumelte zurück, ihre Hand flog an den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Monster waren real. Und sie war mit ihrem König verheiratet.
Plötzlich gingen die Deckenlampen im Arbeitszimmer aus und tauchten den Raum in pechschwarze Dunkelheit.
Die schwere Mahagonitür schlug hinter ihr zu, das elektronische Schloss rastete ein. Clara wirbelte herum, ihr Rücken prallte gegen den Schreibtisch, der Atem stockte ihr in der Kehle.
Im Schatten der Türöffnung erhellten zwei leuchtende, raubtierhafte bernsteinfarbene Augen die Dunkelheit. Ein leises, furchterregendes Knurren ließ die Glasfenster des Raumes erzittern und vibrierte durch Claras Knochen.
Vances Stimme drang aus der Dunkelheit – tief, verzerrt und triefend vor tödlichem Versprechen.
„Du hättest diese Akte nicht öffnen sollen, Clara.“