Beeindruckendes Wesen
Lyriel spürte eine seltsame und bedrohliche Präsenz vor sich. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie vermutete, es müsse sich um ein wildes Tier handeln, das darauf lauerte, sie zu zerfleischen. Ohne ihre Magie wäre sie völlig hilflos.
Sie wollte gerade den Kopf heben, um das Tier vor sich zu betrachten, doch der Eindringling presste die kalte Schneide eines Metalldolchs gegen ihren Hals – bereit, ihr jeden Moment die Kehle durchzuschneiden. Diese einzige Geste änderte ihre Gedanken schlagartig. Es war kein Tier! Konnte es ein Mensch sein? Das musste es wohl.
Sie verharrte wie erstarrt, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den Kopf zu heben und ihren Verdacht zu bestätigen, und dem Drang, einfach dort zu bleiben, wo sie war. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was, wenn es gar kein Mensch war, sondern ein böses Wesen? Die bedrohliche Aura, die den Fremden umgab, war alles andere als beruhigend. Vielleicht war es ein dunkles Feenwesen, das gekommen war, um sie zu verderben … oder etwas weitaus Mächtigeres und Böseres.
Schließlich fasste sie sich ein Herz und hob den Kopf.
Und tatsächlich: Vor ihr stand ein vom Regen durchnässtes Wesen. In der Dunkelheit konnte sie seine Gesichtszüge nicht erkennen, doch es haftete ihm etwas unverkennbar Menschliches an.
Er trug einen langen, dunklen Umhang, der den Großteil seines Gesichts verbarg, als wolle er seine Identität verbergen. Eine derart überwältigende Aura aus Geheimnis und Macht umgab ihn, dass Lyriel hätte schwören können: Hätte der Regen einen eigenen Willen, so hätte er lieber seinen Lauf geändert, als es zu wagen, auf ein solch gewaltiges Wesen herabzufallen.
„Wer … wer bist du?“, fragte Lyriel voller Angst.
Der geheimnisvolle Mann ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein, ohne dabei den Dolch von ihrem Hals zu nehmen. Lyriel strengte sich an, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, doch der Regen strömte unaufhörlich herab, und es gab keinen einzigen Lichtstrahl, der ihr hätte helfen können. Die Klinge drückte sich ein wenig tiefer in ihre Haut, und warmes Blut rann an ihrem Hals hinab. Sie spürte, wie sich eine seltsame Wärme in ihrem Körper ausbreitete – wie Feuer auf Eis.
In diesem Moment sah sie seine Augen: unnatürlich hell und silbern, wie zwei Monde inmitten der Dunkelheit. Dieser Anblick jagte ihr solche Angst ein, dass sie leise zu schluchzen begann.
Was für ein Mensch hatte solche Augen? Oder war sie womöglich durch das falsche Portal gegangen – eines, das sie nicht zur Erde, der Heimat der Menschen, sondern in eine ganz andere, weitaus düsterere Welt geführt hatte?
Sie war gewiss keinem Menschen begegnet. Sie war auf eine Kreatur aus den tiefsten Abgründen der Hölle gestoßen.
Einen Tag zuvor ...
„Lyriel!!“
Eine tiefe Männerstimme hallte durch den Korridor, und Lyriel blieb vor Wut schnaubend stehen. Sie war enttäuscht, ausgerechnet jenem Mann zu begegnen, den sie an diesem Morgen am allerwenigsten sehen wollte. Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, richtete sie den Blick stur nach vorn und schritt rasch den Gang entlang, wobei ihre goldenen Flügel über den leuchtenden Boden strichen.
Der junge Mann war über ihr gleichgültiges Verhalten verblüfft. Lyriel war keine gewöhnliche Prinzessin; sie war zwar etwas naiv, aber auch sehr direkt. Sie gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die ihre Gefühle oder ihre Meinung zu Personen oder Ideen verbarg – und er stand bei ihr natürlich nicht gerade hoch im Kurs.
Ein Einfall kam ihm, als er der sich entfernenden Gestalt der Prinzessin nachblickte, und ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen. Er breitete die Flügel aus und flog auf sie zu, in der Hoffnung, sie zu überrumpeln – und das gelang ihm auch.
„Farren!“, keuchte Lyriel überrascht auf, als er sie mühelos vom Boden hob. Was gerade geschehen war, überstieg ihre Vorstellungskraft bei Weitem. Sie hätte nie erwartet, dass Farren ihr einen solchen Streich spielen würde – und das ausgerechnet an dem Tag und in dem Augenblick, als sie vor dem Ratssaal erscheinen musste.
Sie wehrte sich und versuchte, sich loszukrallen und zu entkommen, doch es gelang ihr nicht. Farren behielt die Oberhand und trug sie diesmal aus dem Palast hinaus. Der Flug war ziemlich turbulent; während sie durch die Luft kreisten, versuchte sie zu entkommen, während er sie festzuhalten suchte. Farren war stärker und konnte sie daher festhalten, bis er auf einem freien Feld landete.
„Bist du verrückt geworden?“, schrie Lyriel und stieß ihn von sich. „Warum hast du mir so einen Streich gespielt?“
„Du bist zu schnell gegangen, meine Liebste“, sagte er und setzte ein Lächeln auf, das bei allen anderen Frauen wohl gewirkt hätte – nur bei ihr nicht.
„Weil ich einen wichtigen Termin habe!“ Lyriel runzelte die Stirn und wollte sich abwenden, doch Farren hielt sie mit einem breiten Grinsen zurück. Dieses Grinsen ließ alle Frauen vor Liebe zu ihm den Verstand verlieren – alle außer ihr.
„Wir sollten über unsere bevorstehende Hochzeit sprechen! Ich habe mir überlegt … vielleicht sollten wir den Termin vorverlegen. Was meinst du?“
Sie drehte sich langsam zu ihm um, und ihre blauen Augen verengten sich.
„Farren“, sagte sie ruhig, „ich werde dafür sorgen, dass diese Hochzeit niemals stattfindet.“
Farren lachte laut über ihre Drohung. Er konnte nicht verstehen, warum die Prinzessin ihn so sehr verabscheute.
„Du kannst dich nicht gegen deinen Vater stellen, Lyriel.“
„Das werden wir ja sehen!“
„Siehst du denn nicht, wie sehr ich dich liebe?“
Doch Lyriel war bereits wieder im Gehen begriffen – diesmal schneller als zuvor.
Er lief ihr nach, um sie dazu zu bringen, ihm zuzuhören, doch gerade als er sie berühren wollte, schlang sich ein Ast langsam und stetig um seine Beine. Das erregte seine Aufmerksamkeit, und er fragte sich, welche Pflanze wohl zu so etwas fähig war. Der Ast schlängelte sich weiter seinen Oberschenkel hinauf; als er festen Halt an seinem Bein gefunden hatte, drückte er ihn zu Boden und schleifte ihn bis zum Fluss.
Er blickte hilfesuchend zu Lyriel auf, sah jedoch nur das Grinsen in ihrem Gesicht. Noch nie hatte er so viel Glück und Zufriedenheit in ihren Augen gesehen. Wie hatte er nur vergessen können, dass die Prinzessin die Angewohnheit entwickelt hatte, Bäume und Äste magisch zu manipulieren? Sie auf das Feld zu locken, war praktisch gleichbedeutend mit seinem eigenen Todesurteil gewesen.
Weitere Äste griffen ihn an; sie streckten sich nach seinem Oberkörper und Hals aus und wanden sich wie Schlangen um ihn. Zu seinem Glück war auch er ein Fae von hohem Rang und verfügte daher über magische Kräfte. Er kämpfte gegen die Äste an, doch je mehr er zerstörte, desto mehr schickte Lyriel aus, um ihn zu erdrosseln. Er sah die Schadenfreude in ihren Augen; für sie war das Ganze nur ein Spiel.
Als sie sah, dass er überwältigt war, erhob sie sich in die Lüfte und flog eilig in Richtung Schloss. Sie hatte ein wichtiges Treffen, und Farren sollte definitiv nicht der Grund dafür sein, dass sie wegen Verspätung bestraft wurde.
Zu ihrem Unglück hatte sich Farren befreit und nahm die Herausforderung an, sie an der Teilnahme an dem Treffen zu hindern. Sie beschleunigte und stieg höher in den Himmel hinauf. Es war unmöglich, ein Mitglied des Königshauses zu besiegen, da diese von Natur aus stärker und schneller waren als gewöhnliche Fae – ein Merkmal, das sich an ihren goldenen Flügeln zeigte. Dennoch durfte sie Farren nicht unterschätzen. Er konnte sie durchaus besiegen, wenn er es nur wirklich wollte.
Die Bewohner des Königreichs freuten sich sehr, Zeuge der Verfolgungsjagd zwischen der Prinzessin und Farren zu werden. Schließlich bot sich ihnen nicht alle Tage die Gelegenheit, auch nur einen flüchtigen Blick auf die beiden zu erhaschen.