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1043 Words
JUNA „Wag es ja nicht, mir zu folgen, du verdammter Psycho!“ Ich knallte die Tür des Frat-Hauses so hart zu, dass der Rahmen vibrierte. Eiskalter Regen traf mich sofort und machte mein weißes Tanktop innerhalb von Sekunden durchsichtig, es klebte an mir wie eine zweite, völlig nutzlose Haut. Meine Brust war viel zu deutlich zu sehen. Kilians betrunkener Atem und seine grabschenden Hände waren noch immer überall an mir. Dieses Lachen, als ich Nein gesagt hatte. Dieses „du kleine Tease“, als wäre ich etwas, das man einfach nehmen kann. Ich rannte weiter, die Absätze stachen in den nassen Asphalt, Regen brannte in meinen Augen. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich versuchen, aus meiner eigenen Haut zu fliehen. „Miss Becker, sind Sie das?“ Ich erstarrte bei dieser tiefen Stimme komplett. Ich trug das unpassendste Outfit meines Lebens, und jetzt war mein weißes Top durchnässt und komplett durchsichtig. „Äh… nein. Sie verwechseln mich.“ Ich setzte sofort wieder zum Gehen an, aber die Absätze machten es unmöglich, schnell zu verschwinden. „Juna, bleiben Sie stehen!“ Ich drehte mich um und sah Professor Keller an. Er wirkte wie immer viel zu kontrolliert, viel zu ruhig für diese Welt. Jeans, die genau richtig saßen, Lederjacke, darunter ein schlichtes weißes T-Shirt. Und dann dieser leichte Bartschatten, als hätte er keinen Unterrichtstag, sondern ein Leben außerhalb von allem hier. In der Hand hielt er einen Regenschirm. Vor zwei Wochen war ich im Campus-Café in ihn reingelaufen, während ich auf meinen nicht erschienenen Freund Mika gewartet hatte. Kaffee überall. Auf ihm, auf mir, überall Chaos. Und er hatte nur gelächelt. „Vorsicht. Sie sind gefährlich.“ Dieser eine Satz hatte etwas in mir ausgelöst, das ich seitdem nicht mehr losgeworden war. „Professor Keller, ich… es tut mir leid…“ Meine Stimme brach ab, und ich verschränkte die Arme vor der Brust, so gut es ging. Er zog die Augenbrauen zusammen, genau wie im Hörsaal. „Entschuldigen Sie sich nicht, wenn Sie nichts falsch gemacht haben.“ Sein Blick blieb einen Moment zu lange an mir hängen. Vielleicht bildete ich mir das ein. Vielleicht auch nicht. Er trat näher und hielt den Schirm über uns beide. „Ist alles in Ordnung, Juna?“ Meine Augen brannten wahrscheinlich noch vom Regen und von den Tränen, die ich mir nicht eingestehen wollte. „Mir geht’s gut.“ „Und warum sind Sie um diese Uhrzeit allein draußen unterwegs?“ „Ich könnte Sie dasselbe fragen.“ Ich verdrehte innerlich die Augen über mich selbst. „Ich war nur spazieren.“ „Ich auch“, sagte ich leise. Er lachte. Dieser Klang war gefährlich. Viel zu warm für so eine Situation. Ich rückte unbewusst näher an ihn heran, mein Arm streifte seinen. „Ist Ihnen kalt, Juna?“ Kalt und völlig überfordert nickte ich. Er gab mir den Schirm und zog seine Jacke aus. Dann hielt er sie mir hin. Ich schlüpfte hinein. Leder, Wärme, sein Geruch. Viel zu intensiv. Er nahm den Schirm wieder und stellte sich so, dass er uns beide schützte. „Sie sollten wirklich nicht allein so spät unterwegs sein, Juna“, sagte er. „Schon gar nicht in… diesem Outfit.“ „Sie auch nicht.“ Ein leises Lachen. „Ist Ihr Wohnheim weit weg? Ich würde Sie lieber begleiten.“ „Ich wohne in der Lindenstraße.“ „Dann gehen wir“, sagte er und legte kurz die Hand an meinen unteren Rücken. Nur ein Moment. Trotzdem blieb er viel zu lange in mir hängen. Wir gingen schweigend. Manchmal stolperte ich leicht in den Absätzen, und jedes Mal berührte seine Hand wieder kurz meinen Rücken. Immer wieder dieses kleine Auffangen, als wäre ich etwas, das er instinktiv schützen musste. Mein Herz war längst nicht mehr normal. „Ich bin nicht gut darin, Vorträge zu halten“, sagte ich irgendwann. „Ich sollte vielleicht einfach Ihr Seminar abgeben.“ „Das würde ich nicht wollen. Falls Sie Hilfe brauchen, meine Sprechstunden sind offen. Betriebswirtschaft ist wirklich kein unmögliches Fach.“ „Es wird nur… unangenehm, wenn Sie mich durchfallen lassen.“ „Unangenehm?“ Dieses Wort zog er langsam aus, als würde er es testen. „Weil Sie… ich meine, ich… Sie sind…“ Ich brach ab. Ich hätte sagen können: Weil Sie mir den Kopf durcheinanderbringen. Aber natürlich tat ich es nicht. Er lachte wieder leise. „Vielleicht sind Sie wirklich nicht gut in solchen Gesprächen.“ Wir gingen weiter über die Grünflächen des Campus. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass mich jemand so nach Hause bringt. Jemand Erwachsenes. Jemand, der weiß, was er tut. Nicht Jungs wie Mika. Professor Keller war kein Junge. „Wie lange sind Sie schon hier?“ fragte ich. „Noch nicht lange. Aber ich mag die Stadt. Auch wenn es ständig regnet.“ Er sah kurz zu mir runter. „Man weiß nie, was einem bei einem Spaziergang so begegnet.“ War das ein Satz… oder etwas anderes? Mein Kopf machte gefährliche Sprünge. Und dann waren wir da. Vor meinem Gebäude. Ich trat unter dem Schirm hervor, der Regen schlug sofort wieder auf mich ein. „Hier“, sagte ich und zog seine Jacke aus. Sein Blick blieb einen Moment an meinem nassen Tanktop hängen. „Behalten Sie sie.“ „Bekomme ich Ärger?“ „Sie sind volljährig, Sie studieren im letzten Jahr, und Sie dürfen tragen, was Sie wollen. Warum sollten Sie Ärger bekommen?“ Letztes Jahr. Ich war kein letztes Jahr. Ich war im zweiten Semester. Neunzehn. Kein Abschlussjahr. Kein „volljährig im Sinne von entspannt“. Ich atmete tief durch. Er musste das nicht wissen. „Sie haben recht. Danke, dass Sie mich begleitet haben, Professor Keller.“ Bei seinem Namen zog er die Augenbrauen wieder leicht zusammen. Diesmal blieb mir der Atem hängen. Etwas in seinem Blick war anders. Nicht streng. Eher… dunkel fokussiert. „Wir sehen uns morgen um acht.“ „Das ist ein Date.“ Ich riss die Augen auf, die Hand sofort über dem Mund. Hatte ich das wirklich gesagt? Ich drehte mich hastig weg, fummele am Türsensor, meine Finger völlig unkoordiniert. Endlich klickte es. „Vorsicht, Juna… ich könnte Sie beim Wort nehmen.“
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