2

1042 Words
JUNA „Vermisst du mich, Juna?“ Kilian saß lässig in der hinteren linken Ecke, als würde ihm der Platz gehören. Dieses gleiche, träge halbe Lächeln lag auf seinem Gesicht – das, bei dem mir früher jedes Mal der Magen gekribbelt hatte. Jetzt jagte es mir nur noch eine Gänsehaut über den Rücken. Ich hatte mich noch nicht einmal hingesetzt, da war meine ganze Montagmorgen-Fantasie schon dahin – Professor Keller dabei zuzusehen, wie sich seine Unterarme beim Sprechen anspannten, genau auf diesem Stuhl. Und schlimmer noch: jeden Moment würde der Mann hereinkommen, an den ich das ganze Wochenende über gedacht hatte… „Du hast echt Nerven, dich auf meinen Platz zu setzen.“ „Ich war betrunken, Juna. Ich erinnere mich an die Hälfte nicht mal.“ Er schenkte mir dieses schwache Lächeln, das früher bei mir immer funktioniert hatte. „Es tut mir leid.“ „Sorry macht nicht ungeschehen, dass du versucht hast, dich an mir zu vergreifen.“ Die Worte kamen schärfer raus, als ich wollte. „Meine Güte, ich hab doch gesagt, es tut mir leid. Ich war einfach ein Idiot. Ich weiß kaum noch was.“ „Ich erinnere mich genug.“ Am liebsten hätte ich mich in meinem Hoodie unsichtbar gemacht. „Passiert nicht nochmal.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie war dein Wochenende?“ „Gut.“ Ich warf einen Blick nach vorn und rechnete im Kopf schon durch, ob ich den Professor von hier aus noch klar sehen konnte. „Meins war scheiße“, sagte er leiser. „Du warst nicht drin.“ Er gab sich Mühe. Zu viel sogar. Ich drehte mich weg, genau in dem Moment, als Professor Keller den Raum betrat. Sein dunkles Haar lag perfekt, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgekrempelt, oben am Kragen ein paar Knöpfe offen. Das Hemd spannte leicht über den Schultern, bevor es in einer khakifarbenen Hose und einem braunen Ledergürtel verschwand. Meine Finger krallten sich in meinen Oberschenkel. Ich hasste, wie sehr ich den Impuls hatte, diesen Gürtel einfach aufzuziehen. „Ich dachte, heute machen wir mal etwas anderes.“ Er stellte seine Tasche auf den Tisch und lächelte kurz in sich hinein, während er die Hände aneinander rieb. „Wir reden über einen Traum von euch – und ich fange an.“ Er steckte die Hände in die Taschen, lehnte sich gegen den Tisch und dachte kurz nach, während er auf der Unterlippe kaute. „Letzte Nacht habe ich geträumt, es regnet in Strömen. Ich stand einfach da. Habe gewartet. Dieses Gefühl, als würde gleich etwas passieren, auf das ich schon lange hoffe.“ Langsam hob er den Kopf und sah direkt zu mir. „Etwas, nach dem ich mich gesehnt habe.“ Beim Schlucken machte meine Kehle dieses peinliche kleine Geräusch. Mir wurde heiß im Gesicht. Er sprach von dieser Nacht im Regen. Er ging die Namen durch. Ein paar lustige Träume sorgten für Gelächter. Sein Lächeln war gefährlich – warm, schief und viel zu intim. Als er schließlich „Juna“ sagte, stand ich auf und meine Beine fühlten sich nicht ganz sicher an. „Ich habe denselben Traum seit mehreren Nächten.“ Ich strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. „Es regnet immer. Aber da ist ein Mann, der einen Schirm über uns beide hält, damit wir trocken bleiben.“ Ich hielt seinem Blick stand. „Und dann küsst er mich.“ Für einen halben Herzschlag war es still. Jemand kicherte. Professor Keller spannte den Kiefer an, und dieser dunkle, hungrige Ausdruck blitzte so schnell über sein Gesicht, dass ich mir fast einredete, ich hätte es mir eingebildet. Ich ließ mich wieder auf meinen Platz sinken, die Wangen brannten. Kilian beugte sich zu mir, sein Atem heiß an meinem Ohr. „Kannst wohl nicht aufhören, von mir zu träumen, was?“ Mein Magen zog sich zusammen. Ich war zu weit gegangen. In meinem Kopf war es nur ein Spiel gewesen, ein heimlicher Nervenkitzel. Aber Professor Keller würde das nicht so sehen. So mutig war ich nicht. Ich war nicht dieses Mädchen, das so etwas sagt. Als der letzte Student fertig war, stand er auf und ging zur Tafel. Die Kreide klackte scharf, als er schrieb: EMOTION. „Der beste Tipp für eure erste Rede ist, es persönlich zu machen. Holt echte Gefühle aus eurem Publikum heraus. Fangt sie.“ Seine Hand schloss sich fester um die Kreide beim letzten Wort. „Ihr schreibt über jemanden, der euch geprägt hat. Jemanden, den ihr bewundert. Habt keine Angst zu zeigen, was diese Person in euch auslöst.“ Er ließ den Blick durch den Raum wandern. „Träume sind einfacher, als viele denken. Das Erste, was euch einfällt, wenn ihr euch erinnert, ist die Wahrheit.“ Er nickte einem Jungen ganz hinten zu. „Angst.“ Sein Blick ging zu dem Mädchen, das über mich gelacht hatte. „Wut.“ Dann wieder weiter. „Begehren.“ Sein Blick streifte meinen nur für einen Sekundenbruchteil. Mein Puls hämmerte so stark, dass ich schwor, die anderen müssten es hören. Er sah auf die Uhr. „Wir sehen uns am Mittwoch.“ Die Stunde war vorbei. Kilian murmelte: „Bis später, Juna“, und ging. Ich blieb noch sitzen, tat so, als würde ich in meiner Tasche etwas suchen, während das Mädchen aus der ersten Reihe – lange schwarze Haare, Crop-Top, sonnengebräunte Haut – an Professor Kellers Tisch trat und über etwas lachte, das er gesagt hatte. Sie wirkte wie jemand, der genau weiß, was sie will, und es sich einfach nimmt. Selbstbewusst. Laut. Klar. Ich sah auf meinen übergroßen Hoodie und meine Jeans. Ein braves Mädchen, das so tut, als wäre sie ein bisschen frech. Ich hatte ohnehin schon alles kaputt gemacht, was da vielleicht zwischen uns gewesen war. Ich stand schließlich auf und ging an seinem Tisch vorbei, ohne hinzusehen. Aber ich konnte nicht widerstehen. Er neigte den Kopf nur so weit, dass er mich über ihre Schulter hinweg sehen konnte. Unsere Blicke trafen sich. Eine Augenbraue hob sich langsam, fast träge, und ein kaum sichtbares Zucken lag in seinem Mundwinkel. Hitze zog mir den Rücken hinunter, während ich den Raum verließ. Brave Mädchen tun keine schlechten Dinge, sagte ich mir. Aber verdammt, dieses brave Mädchen wollte es gerade sehr.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD